Sport und Behinderung [DE]

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Trotz der Bemühungen, in Europa Chancengleichheit zu fördern, machen viele Kinder und Erwachsene mit Behinderungen noch immer nicht von ihrem Recht Gebrauch, Sport und körperliche Aktivitäten in gewünschtem Maß auszuüben.

Hintergrund

Verschiedene Sportarten wurden eigens für Menschen mit einer Behinderung geschaffen und finden daher keine Entsprechung im herkömmlichen Sportbereich.

Sowohl Menschen mit körperlicher als auch mit geistiger Behinderung können an internationalen, den Olympischen Spielen ähnlichen Wettbewerben teilnehmen, so an den Paralympischen Spielen, den Special Olympics oder am Visa Paralympic World Cup.

Im Rahmen des Europäischen Jahres der Erziehung durch Sport (EJES) 2004 finanzierte die Kommission etwa 200 Projekte, von denen 37 darauf abzielten, Sport als Instrument zur besseren Integration sozial benachteiligter Gruppen, einschließlich Menschen mit Behinderung, zu nutzen.

Infolge des EJES forderte das erste Expertentreffen zu Sport und Behinderung (Oktober 2005) die Mitgliedstaaten auf, bewährte Praktiken auszutauschen und mögliche Bereiche auf nationaler Ebene zu bestimmen, in denen Sport als Beschäftigungs- und Integrationsinstrument für Menschen mit Behinderungen genutzt werden kann.

Das Weißbuch Sport der Kommission, das im Juli 2007 angenommen wurde, schlägt eine Reihe von Maßnahmen vor, die von der Kommission in drei Bereichen umgesetzt und unterstützt werden sollen. Ein Bereich ist die gesellschaftliche Rolle des Sports. Der Aktionsplan, der dem Weißbuch im Anhang beiliegt, stellt fest, dass die Kommission die Bedeutung des Sports für behinderte Menschen in Betracht ziehen und die Maßnahmen der Mitgliedstaaten in diesem Feld unterstützten werde. (siehe EU-Behinderungsstrategie).

Die UN-Konvention zur Förderung und zum Schutz der Rechte und der Würde von Menschen mit Behinderungen, die im März 2007 angenommen wurde, soll Menschen mit Behinderung vor allen Formen der Diskriminierung schützen und umfasst bürgerliche, politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. Sie verpflichtet die Vertragsparteien, nicht nur Gesetze und Regulierungen an dieses Prinzip anzupassen, sondern auch sicherzustellen, dass sich Handhabungen tatsächlich ändern, um Menschen mit Behinderung besser in die Gesellschaft zu integrieren.

Die Europäische Gemeinschaft unterzeichnete die UN-Konvention, nicht aber ein Zusatzprotokoll, das ein Beschwerdeverfahren vorsieht, das einige Mitgliedstaaten als zu weitreichend bewerten (siehe EURACTIV vom 03. April 2007). Das optionale Protokoll ermöglicht es Individuen und Gruppen, bei einer mutmaßlichen Verletzung ihrer Rechte eine Petition an den UN-Expertenausschuss zu richten, sobald alle nationalen Verfahren dafür ausgereizt sind.

Bürger mit Behinderung stellen momentan rund zehn Prozent der gesamten europäischen Bevölkerung dar, wobei eine jüngste Umfrage von Eurobarometer zum Thema Diskriminierung zeigte, dass die Anti-Diskriminierungsgesetzung in der EU noch immer nicht ausreichend umgesetzt wird.

Probleme

Sport für Personen mit Behinderung kann sowohl in Hinblick auf die rein sportbezogenen Aspekte und als auch in Hinblick auf die Gemeinschaftspolitik betrachtet werden. Laut der Kommission kann Sport helfen, das Bewusstsein für eine Bandbreite von Problemen zu steigern, mit denen Menschen mit Behinderung konfrontiert sind. Außerdem kann Sport eine einbeziehende, barrierefreie soziale Gesellschaft schaffen, ein Faktor der sozialen Integration sein und den Weg für Beschäftigung ebnen.

Das Europäische Paralympische Komitee forderte die Kommission auf, alles in ihrer Macht stehende zu unternehmen, um eine Chancengleichheit zu garantieren, damit alle Unionsbürger Sport treiben und vom zusätzlichen Wert, den körperliche Betätigung mit sich bringe, profitieren können. Maßnahmen werden besonders gefordert für:

  • eine Unterstützung von Nichtdiskriminierung und Chancengleichheit im Sport;
  • eine bessere Unterstützung für diejenigen europäischen Sportorganisationen, die sie am meisten benötigen, und;
  • eine Berücksichtigung des Sports in EU-Politiken, die mit Erziehung, Jugend, Kultur, sozialen Fragen und Beschäftigung als Mittel und Instrument für sozialen Fortschritt, soziale Entwicklung und soziale Verbesserung im Zusammenhang stehen.

Im September 2008 unterzeichneten die Kommission und das EPC eine Erklärung zur Unterstützung des Europäischen Paralympischen Komitees. Zuvor hatte die EU dem Komitee Zuschüsse für zwei Jahre für die Förderung des Behindertensports in Europa bewilligt.

Eine Studie zur gegenwärtigen Situation und zu den Aussichten des Sportunterrichts in der EU zieht den Schluss, dass viele Staaten über eine Gesetzgebung verfügen und dass die Möglichkeiten behinderter Schüler, am Sportunterricht teilzunehmen, zu steigend scheinen. Es gibt jedoch regionale Unterschiede. Zum Beispiel ist das Integrationsniveau in Mittel- und Osteuropa geringer als im Rest der EU.

Laut dem Autor der Studie, Professor Ken Hardman, verfügten alle Staaten über Gesetze zu Behinderung. Es gebe jedoch keine verpflichtende Verordnung, Sportunterricht für behinderte Kinder anzubieten. Diese würden einfach von Turnstunden befreit, entweder aus medizinischen Gründen oder aufgrund eines Mangels an Wissen seitens der Lehrer, an Infrastruktur oder an speziellen Lehrplänen.

Hardman verweist auch auf eine ‚chronische Unterfinanzierung’ für die Bereitstellung von Sportunterricht für Schüler mit Behinderung, die insgesamt in Europa zu einer Verkürzung der Dauer führe, in der sie am Turnunterricht teilnähmen.  

Positionen

Während der Eröffnungsveranstaltung zum Europäischen Jahr der Chancengleichheit sagte Vladimír Špidla, Kommissar für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten, dass das Recht auf Gleichbehandlung und ein Leben ohne Diskriminierung „zwei der Grundprinzipien der Union“ darstellten.

Brigitte Degen von der Generaldirektion Beschäftigung der Kommission erklärte, auch wenn Sport nicht das spezielle Thema des Jahres 2007 sei, hätten verschiedene Mitgliedstaaten erkennen lassen, dass sie Sport nutzen würden, um die Nachricht von Vielfalt zu vermitteln und um Gleichberechtigung zu fördern.

Das Europäische Parlament betont in seinem Bericht über Menschen mit Behinderung die Bedeutung des Sports als Faktor zur Verbesserung von Lebensqualität, Selbstachtung, Unabhängigkeit und sozialer Integration. Der Bericht fordert die Mitgliedstaaten auf, Sportangebote zugänglicher zu gestalten, Hindernisse zur Beteiligung junger Menschen mit Behinderung an sportlichen Aktivitäten zu beseitigen, Anreize für deren größere Einbindung in den Sport zu bieten und Sportveranstaltungen und Wettbewerbe für Menschen mit Behinderung zu fördern, wie die Paralympischen Spiele.

Der Ausschuss der Regionen forderte die EU auf, einen Maßstab für lokale und regionale Behörden zu schaffen, der die Chancengleichheit im Sport fördere. Er fordert lokale und regionale Behörden auch auf, die Anwerbung von Menschen mit Behinderung als Sportbeauftragte und Trainer zu beobachten, um weniger kraftbetonten und nicht-kompetitiven Sportarten, die für Menschen mit Behinderung zugänglicher seien, den gleichen Wert beizumessen.

Das Europäische Paralympische Komitee ist besorgt, dass Kinder mit Behinderung nicht über die gleichen Möglichkeiten verfügten, um Sport zu treiben, wie ihre nicht behinderten Gleichaltrigen, besonders beim Sportunterricht in der Schule. Folglich erlernten sie nicht im jungen Alter die gleiche gesunde Gewohnheit, Sport zu treiben. 

Es sei eine ‚chronische Unterfinanzierung’ für die Bereitstellung von Sportunterricht für Schüler mit Behinderung zu verzeichnen, die insgesamt in Europa zu einer Verkürzung der Dauer führe, in der sie am Turnunterricht teilnähmen, sagte Professor Ken Hardman von der britischen Universität Worcester, als er im Februar 2007 die Ergebnisse seiner Studie zum Sportunterricht in der EU vorstellte. Er betonte auch die Unterschiede zwischen ost- und westeuropäischen Staaten im Hinblick auf den Zugang behinderter Kinder zum Sportunterricht an Schulen.

Laut Hardman verfügten alle Staaten über Gesetze zu Behinderung. Es gebe jedoch keine verpflichtende Verordnung, Sportunterricht für behinderte Kinder anzubieten. Diese würden einfach von Turnstunden befreit, entweder aus medizinischen Gründen oder aufgrund eines Mangels an Wissen seitens der Lehrer, an Infrastruktur oder an speziellen Lehrplänen. Die momentanen Schullehrpläne für Sportunterricht seien völlig unangemessen für behinderte Schüler, sagte er. Hardman betonte die Notwendigkeit, Lehrer fortzubilden, so dass sie verstehen könnten, wie behinderte Schüler körperliche Aktivitäten während gewöhnlicher Sportstunden erführen.

Professor Ken Hardman fügte hinzu, dass Sportunterricht besser an die Bedürfnisse behinderter Menschen angepasst werden müsse. Den Aspekten Wettbewerb und Siegen solle weniger Bedeutung beigemessen werden.

Die slowenische Europaabgeordnete Ljudmila Novak (EVP-ED) sagte, die Teilnahme behinderter Schüler am Sportunterricht an Schulen müsse verbessert werden, da körperlich behinderte Menschen oft in normale Schulen gingen, jedoch Sportstunden ausfallen lassen müssten, aufgrund eines Mangels an unangemessenen Vorrichtungen und da es den Lehrern an spezifischem Wissen fehle.

Sport stelle für behinderte Menschen einen wichtigen sozialen Aspekt ihres Lebens dar. Er sei eine soziale Aktivität, mit der sie ihre Fähigkeiten entwickeln können, die dann zur maximalen Teilhabe dieser Person am gesellschaftlichen Leben führen könnten, sagte Yannis Vardakastanis, der Präsident des Europäischen Behindertenforums.

Die elfmalige Goldmedaillen-Gewinnerin bei Paralympischen Spielen, Dame Tanni Grey-Thompson betonte die Notwendigkeit zusätzlicher finanzieller Unterstützung für die Paralympischen Spiele. Auf die Frage, wie die EU den Zugang von behinderten Menschen zum Sport verbessern könnte, sagte die Goldmedaillen-Gewinnerin, dass die Sportministerien der nationalen Regierungen verstehen müssten, dass behinderte Menschen sich Wettbewerben stellen sollten. Es gehe um den Zugang zum Sport und darum, dass Menschen, die Sport trieben, gesünder seien. Körperliche Betätigung könne in vielfacher Form genutzt werden, um die Agenden der Regierungen zu unterstützten. Sport müsse auf der Prioritätenliste nur nach oben rücken. Die EU könne die nationalen Regierungen beeinflussen, indem sie die richtige Botschaft vermittle. Regierungen müssten mehr Geld für die Zugänglichkeit ausgeben.

Diese Wünsche teilt auch der EU-Kommissar Jan Figel’, der die Bedeutung von Veranstaltungen wie den Paralympischen Spielen unterstrich. Sport hälfe behinderten Menschen, sich besser in die Gesellschaft zu integrieren.

Der Europaabgeordnete Christopher Heaton-Harris betonte auch, dass sowohl die Unterstützung talentierter Sportler bei ihrem Ehrgeiz, sich an Wettbewerben zu beteiligen, als auch das Angebot von Möglichkeiten auf Basisebene, d.h. in den Gemeinden und in Schulen, gleichermaßen wichtig seien.

Auf die Frage warum Visa die Paralympischen Spiele sponsere, sagte Colin Grannell, stellvertretender Generaldirektor von Visa Europe, dass Visa hierfür die gleichen Ursachen zu Grunde legen würde wie dafür, dass Visa die Olympischen Spiele sponsere. Es handele sich um „Profi-Sport“ so Grannell. Selbstverständlich sei die ursprüngliche Fragestellung gewesen, ob dies eine lohnende Investition sein würde, da die Berichterstattung viel geringer sei als bei den Olympischen Spielen. Dennoch habe Visa sich für diese Investition entschieden und glaube daran, dass die Paralympischen Spiele in Zukunft mehr Marktanteile gewinnen werden.

Grannell erklärte, dass bei den Sponsoren eine Veränderung eingetreten sei. Früher sei es genug gewesen, wenn die Firmen ihr Logo bei Veranstaltungen platzieren konnten. Dies habe sich jedoch geändert und nun sei es entscheidend, dass die Marke und das Unternehmen herausragten und der Öffentlichkeit etwas bedeuteten. Es sei wichtig, dass große Unternehmen Verantwortung in der Gesellschaft übernähmen. Marken-Visibilität sei nicht mehr ausreichend. 

Seiner Ansicht nach ist es jedoch schwierig für Unternehmen, den Sport zu unterstützen, da man zunächst die Hierarchie der Sportpolitik und die Entscheidungsorgane im Sport verstehen müsse, ebenso wie die Probleme, die sie behandelten, und die Komitees und Organe, die Athleten und den Sport selbst hervorbrachten

Laut eines von der Kommission unterstützten thematischen Netzwerkes mit dem Namen „Integration behinderter Menschen in Bildung und Gesellschaft durch angepasste körperliche Aktivität“ („Educational and Social Integration of Persons with a Handicap through Adapted Physical Activity, THENAPA“, 1999-2001) sei das europäische Bildungssystem nicht darauf vorbereitet, den Anforderungen von Menschen mit Behinderung in einem integrativen Umfeld gerecht zu werden. Das Netzwerk empfahl, einbeziehende Erziehung nicht nur auf Menschen mit Behinderung zu beziehen. Die Gesellschaft als ganzes müsse angemessen darauf vorbereitet werden, mit behinderten Menschen zu leben.

Hinsichtlich einer Gesetzgebung schlug das Netzwerk vor, dass angepasste körperliche Aktivität von einem grundlegenden Gesetz für Bildung erfasst werden müsse: Die meisten Länder verfügten über Gesetze für Sonderpädagogik, aber nur in wenigen Fällen schließe das Bildungsgesetz den Sportunterricht ein. Weitere Empfehlungen, die in Erwägung gezogen wurden, betrafen die angemessene Aus- und Fortbildung von Fachkräften und die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten an Sportarten für behinderte und nicht-behinderte Menschen.

 

Zeitstrahl

  • Oktober 2005: Die Kommission hält ein erstes Expertentreffen zum Thema „Chancengleichheit durch und im Sport“ ab („Equal opportunities through and in sport“, siehe Zusammenfassung der Angaben der Mitgliedstaaten).
  • 2007Europäisches Jahr der Chancengleichheit für alle.
  • 23. Januar 2007: Das Europäische Behindertenforum ruft die Kampagne „1million4disability.eu“ (deutsch: eine Million für Behinderung) ins Leben, die eine Million Unterschriften zugunsten gleicher Rechte für behinderte Bürger sammeln will.
  • 11. und 12. Juni 2007Konferenz der deutschen Ratspräsidentschaft zur „Integration behinderter Menschen“.
  • 3. Dezember 2007Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung.
  • Februar 2008: Gründung einer neuen internationalen Organisation mit dem Titel Adapted Physical Activity International Development (APAID).
  • Febr. 2008: Gründung der neuen Organisation Adapted Physical Activity International Development (APAID).
  • 6. bis 17. September 2008: Die Paralympischen Spiele finden in Peking statt.
  • 8. Sept. 2008: Die Kommission und das Europäische Paralympische Komitee (EPC) unterzeichneten eine Pekinger Erklärung, um den Behindertensport zu unterstützen. 
  • Veranstaltungen des Behindertensports.

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