Die europäische Flugsicherheitsbehörde EASA hat einen Gesetzesentwurf für neue Flug-, Dienst- und Ruhezeiten vorgelegt. Pilotenverbände warnen vor einer vorsätzlichen Gefährdung der Passagiere.
Am Montag hat die europäische Flugsicherheitsagentur EASA ihren endgültige Entwurf zur Neuregelung der Flugdienstzeiten veröffentlicht. "Wenn ich Ihnen sagen würde, dass unsere Vorschläge alle glücklich machen, wäre das falsch", sagte Jean-Marc Cluzeau von der EASA am Montag in Brüssel.
In seiner jetzigen Form gefährde der Vorschlag die Flugsicherheit und werde signifikante Auswirkungen für Passagiere europäischer Airlines haben, kritisiert die österreichische Pilotenvereinigung "ACA". EASA und EU-Kommission hätten sich für einen Text entschieden, der hauptsächlich die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Airlines berücksichtigt. Die Sicherheit der Passagiere bleibe auf der Strecke.
"Durch das Herausstreichen kleiner Verbesserungen gegenüber den bestehenden Regelungen lenkt die EASA davon ab, dass auch die neuen Regeln erlauben, dass Piloten in einem Zustand gefährlicher Übermüdung fliegen", sagte ACA-Vizepräsident Siegfried Lenz. "Wir dürfen nicht fliegen, wenn wir zu müde für einen sicheren Flugbetrieb sind. Wir werden Flüge ablehnen müssen, die wir wegen Müdigkeit nicht sicher durchführen können."
ACA zufolge erlaubt es der Gesetzesentwurf Piloten, ein Flugzeug nach über 22 Stunden Wachzeit zu fliegen und zu landen. Zudem erlaube er "extrem lange Wachzeiten" vor der Landung aufgrund langer Bereitschafts- und Flugdienste, Nachtflüge bis zu 12 Stunden Dienstzeit, das Vermeiden strikter Regeln für Dienstpläne, die den Schlaf-/Wachrhythmus durcheinanderbringen (z.B. bei aufeinanderfolgenden Frühdiensten) und mehrere Tage dauernde, unbegrenzte Bereitschaftsdienste, bei denen Crews keine Schlafmöglichkeit einplanen können.
Die Chance, die bisher nicht auf wissenschaftlicher Forschung beruhenden Regularien entsprechend gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse zu modernisieren, wurde nicht nur verpasst, sondern bewusst wirtschaftlichen Überlegungen untergeordnet, kritisiert die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit.
"Nicht nur wurden wesentliche Erkenntnisse der von der EASA in Auftrag gegebenen Studie (Moebus-Report, 2010) ignoriert, sondern auch gegen die Empfehlung der EU (EWG 3922/91), die Sicherheit im Luftverkehr auf das höchste in einem EU-Mitgliedsland vorherrschende Niveau anzuheben, bewusst verstoßen", heißt es in einer Pressemitteilung der Vereinigung Cockpit. Während sich alle befragten Wissenschaftler mehrfach für nicht mehr als zehn Stunden Dienstzeit in der Nacht und dies als Kompromiss zwischen Sicherheit und Wirtschaftlichkeit ausgesprochen hätten, weigere sich die EASA, ihrem Auftrag, die Sicherheit im Luftverkehr zu gewährleisten, nachzukommen.
"Es ist ein Skandal, was in Europa geschieht. Statt der Sicherheit der Menschen oberste Priorität einzuräumen, setzt man sie bewusst vermeidbaren Risiken aus", so Jörg Handwerg, Pressesprecher der Vereinigung Cockpit. "Es kann doch nicht sein, dass man den Luftverkehr auf der einen Seite mit immer weiteren Abgaben belastet, andererseits den Fluggesellschaften mit dem Argument, man könne sie nicht belasten, Einsparungen bei der Flugsicherheit zugesteht. Ein Bruchteil der Luftverkehrssteuer würde ausreichen, um in allen deutschen Flugbetrieben sichere Flugdienstzeiten zu ermöglichen und somit gefährliche Übermüdung zu verhindern. Nun ist die Bundesregierung gefordert zu zeigen, wie viel ihr die Sicherheit der Bürger wert ist."
"Die europäische Agentur für Flugsicherheit verbeugt sich mit ihrer Empfehlung vor den Profitzielen der Fluggesellschaften. Den Begriff ‚Sicherheit‘ können Sie damit getrost aus dem Namen der EASA streichen", sagte lja Schulz, Präsident der Vereinigung Cockpit, am Montag in Berlin. "Es kann doch nicht sein, dass wir auch in Europa, genau wie in den USA, erst einen Unfall mit dem Verlust von Menschenleben brauchen, bevor die Sicherheit endlich einen größeren Stellenwert bekommt als der Profit."
Noch ist die Empfehlung der EASA nicht geltendes Recht. Hierfür müssen noch der Europäische Rat und das EU-Parlament zustimmen.
dto
Links
EURACTIV Brüssel: Air safety agency proposes new limits on flight duty (1. Oktober 2012)
EASA: EASA proposes new harmonised rules to avoid flight crew fatigue (1. Oktober 2012)
Vereinigung Cockpit: NEUE FLUGDIENSTZEITREGELN GEFÄHRDEN PASSAGIERSICHERHEIT (1. Oktober 2012)
Vereinigung Cockpit: NEUE VORSCHRIFTEN DER EASA – FLUGSICHERHEIT VERSCHLAFEN (1. Oktober 2012)
Austrian Cockpit Association: EU versagt bei sicheren Flugdienstzeiten (1. Oktober 2012)

