Kritisches Weißsein

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt am Berliner Alexanderplatz. [EPA-EFE / Omer Messinger]

Die aktuelle Debatte über Rassismus und Polizeigewalt darf kein reiner Informationsaustausch bleiben. Für weiße Menschen sollte der jetzige Moment auch eine Zeit der kritischen Selbstreflexion sein, schreiben Claire Stam und Sarah Lawton.

Die weiter anhaltenden „Black lives matter“-Proteste haben in den Vereinigten Staaten und in Europa eine Auseinandersetzung mit den Themen systemischer Rassismus und Polizeigewalt ausgelöst. Diese Auseinandersetzung hat das Potenzial, die bisher größte und umfassendste Debatte zu diesen Problemen zu werden.

Neben der Forderung nach Veränderung sowie weitreichenden Reformen haben viele begonnen, sich die Zeit zu nehmen, um die unserer Gesellschaft zugrunde liegenden Strukturen besser kennen zu lernen.

Es darf aber nicht bei reiner Informationsaufnahme bleiben: Für uns als weiße Menschen sollte der jetzige Moment auch eine Zeit der kritischen Selbstreflexion sein.

Der deutsche Journalist Malcolm Ohanwe tweete kürzlich: „Weiße Journalist*innen, die was tun wollen. Schreibt nicht einfach über Rassismus, schreibt bitte über Weißsein, was es heißt, weiß zu sein, was in euch vorgeht, wann ihr verstanden habt, dass ihr weiß seid. Dann würdet ihr etwas neues zum Diskurs beitragen und nicht kopieren.“

Dies führte zum Hashtag #Kritischesweißsein (nach der „Kritischen Weißseinsforschung“) und zahlreichen Reaktionen in der deutschen Twitter-Sphäre.

Was bedeutet es also, im Jahr 2020 in Europa weiß zu sein?

Es bedeutet zum Beispiel, unhinterfragt und mit völliger Gleichgültigkeit an gewissen Statuen und Denkmälern vorbei zu schlendern. Dieser Mangel an kritischem Hinterfragen verdeutlicht, wie selbstverständlich Weißsein in unseren Gesellschaften ist, auch wenn Europa heute sehr viel multiethnischer ist als noch vor einem Jahrhundert.

Bei diesen Statuen geht es nicht um ein universelles Geschichtsverständnis. Sie repräsentieren eine bestimmte Sichtweise auf die Geschichte – nämlich eine weiße.

„Eure Helden sind unsere Peiniger“, schrieb dazu Louis-Georges Tin, der Vorsitzende  des Repräsentativen Rats der Schwarzenverbände in Frankreich (CRAN), im Jahr 2017.

Diese Statuen bestärken die Idee einer weißen Vorherrschaft („White Supremacy“), ein seit Jahrhunderten ungebrochener Leitfaden in unserer Gesellschaft und in unseren Institutionen. Sie niederzureißen ist daher nichts weniger als der erste notwendige Schritt zur „Entkolonisierung“ unseres Lebensraums, aber auch unseres Geistes.

Doch es bleibt noch so viel mehr zu tun, einschließlich einer kritischen Reflexion über unsere eigenen Erfahrungen mit unserem Weißsein.

Selbst als Ausländerinnen in Deutschland erfahren wir, die beiden Autorinnen dieses Artikels, durch unser Weißsein ein immenses und unmittelbares Privileg: Niemand hat unser Recht, in Deutschland zu leben, allein aufgrund unseres Aussehens in Frage gestellt. Tatsächlich gehen die meisten, bevor wir den Mund aufmachen, davon aus, dass wir Deutsche sind.

Das ist ein Privileg, das BIPOC (Black, Indigenous, and People of Colour) nicht zugestanden wird – auch nicht denen, die deutsche Bürgerinnen und Bürger sind.

Wir wurden uns dieser Tatsache auf die gleiche Weise bewusst.

Wir beide waren mit Freunden, deutschen BIPOC, unterwegs und kamen ins Gespräch mit anderen Leuten, die uns auf Deutsch ansprachen. Als wir mit unserem Kauderwelsch die deutsche Sprache ausgiebigst zerpflückt hatten und die treffenden Worte immer noch fehlten, sprangen uns unsere schwarzen Freunde, die deutschen Muttersprachler, bei. Für die Gesprächspartner war das offenbar ein Riesenschock.

Unsere beiden Erfahrungen liegen fast 15 Jahre auseinander. Das zeugt davon, dass sich die Annahmen und Vorurteile darüber, wer Deutscher ist/sein kann und wer nicht, kaum verändert haben.

Und natürlich ist dies keine rein deutsche Erfahrung: Dieselben Treffen hätten sich wohl in vielen, beziehungsweise in den meisten europäischen Ländern genau so abgespielt.

Neben dem Aufnehmen von Informationen ist deswegen eine kritische Reflexion unserer Geschichte und unserer eigenen Erfahrungen notwendig, um den Bewusstseinswandel fortzusetzen.

Es ist unsere Aufgabe als weiße Journalistinnen, diese Debatte aufrechtzuerhalten und denjenigen entgegenzuwirken, die die gegenwärtige Dynamik ausbremsen wollen.

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Will man Aufmerksamkeit erregen und eine Debatte lostreten, gibt es dafür ein einfaches Rezept: Kontrovers argumentieren und lautstark auftreten. Dabei bleiben sachliche Vorschläge leider oft auf der Strecke.

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