Krisenmanagement im Vatikan

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Wie kann Papst Franziskus den Vorwürfen, die gegenüber der katholischen Kirche erhoben werden gegenübertreten? [Shutterstock]

Weltweite Missbrauchsfälle bringen Vatikan in die Krise. Papst Franziskus kämpft auch ums eigene Überleben. Wie soll er seine ramponierte Kirche wieder zum Strahlen bringen?

Manchen katholischen Kirchgängern dürften die Worte ihrer Priester noch lange in den Ohren klingen. Der weltweite Skandal um sexuellen Missbrauch durch Geistliche sorgt dafür, dass dieser Tage in vielen Messen Gardinenpredigten gehalten werden. Etliche knöpfen sich dabei die eigene Amtskirche vor, denn diese ist bis hinauf in den Vatikan in ihren Grundfesten erschüttert. Das spüren Gläubige rund um den Globus, auch in Europa.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sagte am Sonntag im Gottesdienst in Schönstatt: „Es ist noch immer erschütternd, was Kindern und Jugendlichen, die sich Priestern anvertraut haben, durch dieses unvorstellbare Leid widerfahren ist.“ Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr forderte auf einer Wallfahrt vor rund 3000 Gläubigen eine kritische Sicht auf „Strukturen und Mentalitäten in unserer Kirche“. Im österreichischen Stift Heiligenkreuz, einer Zisterzienserabtei mit 100 Mönchen und einer Hochschule päpstlichen Rechtes, predigte Pater Johannes Paul Chavanne: „Gott lass nicht zu, dass Unberufene sich in dein Heiligtum eindrängen und zum Anlass des Niederganges werden.“

„Habt keine Angst vor der Zärtlichkeit!“ Das hatte der argentinische Hauptstadtbischof Jorge Mario Bergoglio zum Motto erhoben, als er vor über fünf Jahren als erster gebürtiger Nichteuropäer das höchste Amt der katholischen Kirche antrat. Heute muss Papst Franziskus alles andere sein, nur nicht zärtlich. Nach den Affären um Kindesmissbrauch ist der Pontifex als harter Hund gefragt – als Krisenmanager.

Als die dunklen Seiten mancher Talarträger vor einigen Jahren ans Tageslicht kamen, dachte man an Einzelfälle. Inzwischen ist klar: es geht um ein Massenphänomen. Allein im US-Bundesstaat Pennsylvania sind über 1.000 Pädophilie-Opfer identifiziert worden. In Deutschland hätten sich mindestens 1.670 Kleriker von 1946 bis 2014 an Schutzbefohlenen vergangen, heißt es in einem geleakten Bericht der Bischofskonferenz. „Und der Missbrauch dauert offenbar noch an“.

Bisher keine symbolische Handlung der Kirche

Der 81-jährige Papst hat nun einen der undankbarsten Jobs auf dem Globus, weil moralischer Anspruch und Realität seiner Kirche noch nie so deutlich auseinanderklafften. Jahrelang haben einflussreiche Kreise solche intern durchaus bekannten Schandtaten an Kindern und Jugendlichen unter der Decke gehalten. Die Folgen sind wahrlich teuflisch, denn der Skandal trifft die katholische Kirche zur Unzeit. Religion erleidet im modernen Alltag weltweit einen Relevanzverlust, dazu kommen Gläubigenschwund und Priestermangel.

Wie in einem Brennglas konnte der Papst den Einflussverlust des Katholizismus kürzlich bei einem Besuch in Irland studieren, dem nach Polen wohl gläubigsten Land Europas. Während er selbst empfiehlt, Kinder mit homosexuellen Neigungen zum Psychiater zu schicken, wurde der Pontifex in Dublin von Premierminister Leo Varatkar begrüßt, einem bekennend schwulen Konservativen. Varatkar erklärte konfrontativ, er sei froh, dass die Kirche nicht mehr so viel Einfluss in Irland habe. Tatsächlich stimmten bei Volksabstimmungen jeweils über zwei Drittel der Iren für gleichgeschlechtliche Ehe und Liberalisierung des Abtreibungsverbotes – die Rufe der Kirche verhallten ungehört.

Inzwischen hat Franziskus für Februar 2019 alle Leiter der Bischofskonferenzen von rund um den Erdball in die Vatikanstadt beordert. Kritiker finden, es wäre besser gewesen, die Energie jetzt deutlicher auf die Opfer zu lenken. Bisher fehle es nicht an verurteilenden Worten, auch nicht an der Entlassung in den Sexstrudel verwickelter Geistlicher. Aber eine überzeugende Symbolhandlung zur Übernahme „politischer“ Verantwortung sei noch nicht erfolgt, heißt es.

Manche, wie der einstige Apostolische Nuntius in den Vereinigten Staaten Carlo Maria Viganò, fordern den Rücktritt von Papst Franziskus. Doch wahrscheinlicher ist, dass sich der Papst auf seine alten Tage weiter mit sehr weltlichem Problemmanagement mühen muss und – wie es in Matthäus 13,49 heißt, „die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern“.

Das Böse symbolisiert in der katholischen Lehre der Satan. Diesen hat das aktuelle Oberhaupt des Vatikanstaates einmal mit einem Drachen verglichen: „Auch wenn der getötet wird: Er hat einen langen Schwanz, und auch wenn er tot ist, schlägt der Schwanz noch hin und her.“ Das Thema Missbrauch könnte für die Kirche über den Tod dieses Papstes hinaus wohl noch jahrelang eine teuflische Geißel sein.

Nicht nur die EU, auch die Kirchen ringen um Einigkeit

Vom Martin-Luther-Gedenkjahr hätte mehr Fortschritte in Bezug auf die Ökumene, also für einer „Völkerverständigung“ auf Kirchenebene erwarten lassen.

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