Die Macht der Worte

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Die Politik ist geprägt durch die Macht der Worte. Dabei drohen bedachte oder beschwichtigende Worte, gegen die markigen Sprüche von Trump & Co. unterzugehen. [Shutterstock]

Frage: Was haben die markigen Sprüche Donald Trumps, die Reaktionen anderer Politiker, die aktuellen Anti-Rassismus-Proteste, aber auch der Mord an Walter Lübcke gemeinsam? Antwort: Die Macht der Worte – und die Tatsache, dass auf Worte Taten folgen können, schreibt Claire Stam.

Während einer Pressekonferenz auf der Vordertreppe des Rideau Cottage wurde der kanadische Premierminister Justin Trudeau am Dienstag um seine Meinung zu den Forderungen von US-Präsident Donald Trump nach einem Militäreinsatz gegen Demonstrationen gebeten.

Nach qualvollen 23 Sekunden des Schweigens ergriff Trudeau schließlich das Wort.

„Wir alle beobachten mit Entsetzen und Bestürzung, was in den Vereinigten Staaten vor sich geht,“ sagte er. „Es ist eine Zeit, die Menschen zusammenzubringen sollte. Aber es ist auch eine Zeit des Zuhörens; eine Zeit, in der wir lernen, welche Ungerechtigkeiten trotz Fortschritten über die Jahre und Jahrzehnte fortbestehen.“

Trudeau betonte weiter: „Es ist eine Zeit, in der wir als Kanadierinnen und Kanadier erkennen müssen, dass auch wir unsere Probleme haben.“ Nicht-weiße Menschen seien in seinem Land ebenfalls „jeden Tag mit Diskriminierung konfrontiert; das ist ihre gelebte Realität.“

Was für eine selbstkritische, selbstreflektierende Haltung – ohne mit dem Finger auf andere zu zeigen! Und natürlich sollten wir in Europa dasselbe tun.

Gestern jährte sich in Deutschland die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Der CDU-Politiker hatte sich zuvor für die Unterbringung von Geflüchteten eingesetzt. Er wurde bedroht, weil er für demokratische Werte und eine humane Flüchtlingspolitik eintrat, und am 2. Juni 2019 per Kopfschuss ermordet. 

Seitdem gab es zwei weitere todbringende Attacken im Land: in Hanau vor 15 Wochen und in Halle vor 34 Wochen. Drohungen gegen Menschen sind Alltag: Erst gestern teilte der Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby (aus dem Wahlkreis Halle) einen Tweet, indem er angefeindet wird: Diaby sei in Deutschland „nicht erwünscht“.

Was ist das verbindende Element zwischen dem aktuellen politischen Chaos in den USA, der selbstreflektierten Einstellung das kanadischen Premiers, und Europa?

Die Macht der Worte.

Denn Worte sind Brücken, die es uns ermöglichen, miteinander zu leben. Die Worte eines Politikers bilden (bestenfalls) eine Sammlung aus Werten und Überzeugungen, die bürgerliche Freiheit, die Hoffnung auf Demokratie und das Vertrauen in die Macht von Richtern und Institutionen verbindet. Es ist dieses tradierte Bewusstsein für eine gemeinsame Identität und ein Allgemeininteresse, das uns nach wie vor ein Zusammenleben ermöglicht.

Worte strukturieren darüber hinaus die Art und Weise, wie wir reden und wie wir denken. Das heißt auch: Etwas nicht aus- oder ansprechen ist gleichbedeutend mit „etwas nicht denken“. Die Art und Weise, wie wir reden, kann rassistische Gewalt ausblenden und uns glauben lassen, dies sei lediglich ein Problem „der anderen“. Dann wird es zu einem amerikanischen Problem, das es hier zu Hause, in Europa, schlichtweg nicht gibt.

Was wir gegenwärtig beobachten und auf schmerzliche Weise erleben, ist eine radikale Veränderung dessen, was ein öffentlicher Diskurs eigentlich sein sollte. Beschwichtigende Worte eines Trudeau oder auch einer Merkel werden immer heftiger und brutaler von einer Minderheit angegriffen und infrage gestellt, die die politische Vorherrschaft im öffentlichen Raum anstrebt, sei es durch hasserfüllte Tweets – oder sogar durch Mord.

Wir erleben aktuell in den USA und auch in Europa, dass politische Bindungen – normalerweise Faktoren der gemeinsamen Identität – von den politischen Ambitionen lautstark polternder, brutaler Persönlichkeiten mit Füßen getreten werden.

Und diese Personen zögern nicht oder nicht mehr, Gewalt anzuwenden, um ihre Vision der Welt durchzusetzen.

Diese Vision kann nicht unsere sein.

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