Den Fliehkräften der Gesellschaft entgegenwirken – Jetzt!

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Promoted content

Vor allem eine aktive Zivilgesellschaft trägt wesentlich zu einem neuen Zusammenhalt im 21. Jahrhundert bei. [Arthimedes/shutterstock]

Weltweit erleben wir im Augenblick einen rasanten technologischen, ökonomischen, politischen und sozialen Wandel. Auch in Deutschland und Europa sind die Folgen dieser Entwicklungen spürbar.

Megatrends wie Globalisierung, Digitalisierung und demographischer Wandel beschleunigen die Fliehkräfte, die die Gesellschaft auseinanderzutreiben drohen. Der Riss durch die Gesellschaft wird größer. Dieser Trend verlangt nach gemeinsamen Anstrengungen, damit unsere Gesellschaft auch in Zukunft zusammenhält, und weiterbesteht.

Denn sozialer Zusammenhalt macht eine Gesellschaft lebenswert und zukunftsfähig. In Gesellschaften mit einem starken Zusammenhalt haben die Menschen stabile, vertrauensvolle und vielfältige soziale Beziehungen sowie eine intensive und positive emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen: Die Menschen fühlen sich zugehörig und als Teil eines größeren Ganzen. Des Weiteren haben sie eine hohe Gemeinwohlorientierung. Das drückt sich darin aus, dass Menschen eher bereit sind, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen und dabei auch für die Schwächeren und Hilfebedürftigen da zu sein.

Es lassen sich nach unserer Erfahrung drei Bereiche identifizieren, anhand derer der gesellschaftliche Zusammenhalt erfasst werden kann:

  1. Soziale Beziehungen
  2. Verbundenheit
  3. Gemeinwohlorientierung

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Geht man von diesem Modell aus, lässt sich derzeit vor allem anhand von drei Themenfeldern beobachten, dass der Zusammenhalt in manchen Bereichen brüchig zu werden droht.

Das zeigt sich erstens am Vertrauen in demokratische Institutionen. Zwar hat sich das Vertrauen in Deutschland in den Bundestag, die Landtage, die Landesregierungen und in die politischen Parteien in den letzten Jahren kaum verändert, aber das Vertrauen in die Bundesregierung hat deutlich gelitten. Darüber hinaus gibt es in Deutschland, aber auch in Europa, erhebliche regionale Unterschiede: So ist die Akzeptanz der Demokratie als beste Staatsform in den ostdeutschen Bundesländern durchweg geringer als in den westdeutschen. Auch in Bezug darauf, wie zufrieden die Menschen mit der gelebten Demokratie sind, unterscheiden sich Ost und West deutlich.

Zweitens sind es die Akzeptanz von Vielfalt und der Umgang mit ihr, die viele europäische Gesellschaften auseinandertreiben. Vielfalt ist jedoch per se kein Hindernis für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Vielfalt macht Zusammenhalt jedoch anspruchsvoller. Denn so sehr Vielfalt unser Leben bereichert und Chancen bietet – die Begegnung von Menschen mit unterschiedlichen Traditionen, Gebräuchen und Hintergründen birgt auch immer das Potenzial für Spannungen und Konflikte. Das Zusammenleben in Vielfalt erfordert Verständigungs- und Aushandlungsprozesse um gelebte Werte sowie unterschiedliche Vorstellungen des Zusammenlebens. Es muss daher aktiv gestaltet werden. Ein gelingender Umgang mit Vielfalt bedeutet im Minimalfall, Konflikte gewaltfrei zu regeln. Im Idealfall heißt es: Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Identitäten fühlen sich in gleichem Maße zur Gesellschaft zugehörig, haben die gleiche Chance auf Wohlstand, finden politisch Gehör und pflegen untereinander, auch über die eigene Gruppe hinaus wertschätzende soziale Beziehungen. Daraus leitet sich die Verantwortung ab, Vielfalt nicht bloß zu tolerieren und passiv zu ertragen, sondern sie anzuerkennen und aktiv zu gestalten. Das schließt auch ein, die Einhaltung sozialer Regeln und Werte des Zusammenlebens von allen hier Lebenden einzufordern, sowie auch selbst vorzuleben.

Es kommt also darauf an, einen respektvollen und anerkennenden Umgang miteinander zu praktizieren, Diskriminierungen entgegen zu treten und Teilhabechancen zu ermöglichen – all dies auf der Basis des Grundgesetzes, das den verbindlichen Rahmen für das Zusammenleben in Vielfalt bietet. Dies erfordert strukturelle Maßnahmen ebenso wie Offenheit, Toleranz und die positive Anerkennung von Vielfalt. Laut der Studie „Sozialer Zusammenhalt in Deutschland 2017“ der Bertelsmann Stiftung empfindet etwa ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland Vielfalt als Bedrohung und steht dieser ambivalent gegenüber. Umso wichtiger ist eine kontinuierliche Verständigung verschiedener Akteure, wie beispielsweise Parteien, Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbände, über Werte und Regeln des Zusammenlebens. Wertebildung, die demokratische, menschenrechtsbezogene Werte im Alltag aushandelt und ausgestaltet, ist daher zentral für ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt. Hier sind auch die Bürgerinnen und Bürger in der Pflicht, immer wieder den Austausch zu suchen und die notwendigen Dialoge darüber zu führen, welche Werte maßgeblich für das Zusammenleben sind.

Ja, schon heute wird gesellschaftlicher Zusammenhalt bereits von zahlreichen zivilgesellschaftlichen Akteuren, wie beispielsweise ehrenamtlichen Nachbarschaftshilfen oder Begegnungszentren, erfolgreich gestaltet. Diese Aktivitäten müssen noch verstärkt werden und vor allem jene Menschen erreichen, die Vielfalt ambivalent sehen oder sich im Umgang damit schwertun.

Drittens: Gerechtigkeit spielt eine zentrale Rolle für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, genauer: das subjektive Empfinden der Mitglieder einer Gesellschaft darüber, ob es gerecht zugeht. Wenn die objektiven Ungleichheiten auch als ungerecht empfunden werden, kann es zu Umbrüchen in der Gesellschaft kommen. In Deutschland sind laut der Studie „Sozialer Zusammenhalt in Deutschland 2017“ der Bertelsmann Stiftung nur 16 Prozent der Befragten der Menschen der Auffassung, dass es bei der Verteilung wirtschaftlicher Güter gerecht zugeht. Diese gefühlte Ungerechtigkeit korrespondiert der Studie zufolge mit empirischen Daten, die auf eine tatsächliche Ungleichheit und fehlende Teilhabechancen in der Bevölkerung verweisen. So ist der gesellschaftliche Zusammenhalt dort geringer, wo viele Arbeitslose wohnen und arme oder von Armut gefährdete Menschen leben.

Vor allem eine aktive Zivilgesellschaft trägt wesentlich zu einem neuen Zusammenhalt im 21. Jahrhundert bei: Unser Leitbild sollte eine Gesellschaft sein, in der sich jeder Einzelne zugehörig fühlen kann, unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht, Religion oder sozialem Status. Die Gesellschaft braucht zivilgesellschaftliche Akteure, die sich für ein friedliches Miteinander engagieren, das durch Gleichwertigkeit, Respekt, Toleranz und Vertrauen geprägt ist. Diese sind wesentliche Bestandteile unserer liberalen Demokratie.

Beim Young Europeans‘ Forum, das vom 25. bis 27. Juni 2019 in Berlin von der Bertelsmann Stiftung und dem Aladin Projekt in Kooperation mit der UNESCO durchgeführt wurde, haben rund 100 junge Menschen aus Europa, die sich haupt- oder ehrenamtlich für ein gutes Miteinander engagieren, über Herausforderungen und Lösungsansätze zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts diskutiert. Sie haben Erfahrungen, Ideen sowie gute Praxis ausgetauscht, um mit- und voneinander zu lernen. Gemeinsam haben sie hierzu an Lösungen gearbeitet und Ideen entwickelt, sowie wichtige Impulse für ihr Engagement für den Zusammenhalt im 21. Jahrhundert mitgenommen. Das Ergebnis: Gesellschaftlicher Zusammenhalt beginnt mit der Qualität menschlicher Begegnungen. Belastbare soziale Beziehungen und Netzwerke sind hierfür ein wichtiger Grundpfeiler. Dieses erste Young Europeans‘ Forum und Verbindungen, die zwischen den jungen Akteuren dabei entstanden sind, sind ein Startpunkt, der einen ersten Beitrag leistet, den Zusammenhalt zu stärken. Deutlich wurde aber auch: Es Bedarf auch struktureller Förderung und Unterstützung. Entsprechend warten wir gespannt auf Aktivitäten aus dem Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. Dessen Abteilung Heimat unter anderem verantwortlich dafür ist, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Die Bertelsmann Stiftung steht für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt ein, der Verbundenheit, Zugehörigkeit und Teilhabe aller Menschen unabhängig von Herkunft sowie religiöser oder weltanschaulicher Orientierung ermöglicht. Hierfür sind Kontakte, Dialog und Austausch insbesondere vor Ort in den Städten und Gemeinden zwischen Menschen mit unterschiedlichen Werthaltungen notwendig. Nur so entstehen Vertrauen und demokratisches Miteinander. Lasst uns so den Fliehkräften in den Gesellschaften Europas etwas entgegensetzen – Jetzt!

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.