Die europäische Geschichte lebt durch die Vielfalt ihrer Sprachen

Zum Europatag: Europa ist nicht nur reich an Geschichte, Architektur oder vielfältigen Kunstrichtungen - dieser Kontinent lebt auch von der Vielfalt seiner Sprachen.   [shutterstock/cybrain]

Seit 1986 wird am 9. Mai der Schumann-Erklärung gedacht. In diesem Jahr wird der “Europatag” an den vielen anderen Orten der europäischen Institutionen unter dem Motto „Europäisches Kulturerbejahr 2018“ gefeiert. Aber Europa ist nicht nur reich an Geschichte, Architektur oder vielfältigen Kunstrichtungen – dieser Kontinent lebt auch von der Vielfalt seiner Sprachen.  

Auf 20.000 bis 30.000 Sprachen schätzen Linguisten die sprachliche Vielfalt des europäischen Kontinents. Über Neunzig Prozent der Europäer sprechen eine indogermanische Sprache, wovon die romanischen, germanischen und slawischen Sprachen am weitesten verbreitet sind. Die europäische Geschichte wurde vor allem durch drei Verkehrssprachen oder Linguae francae geprägt: Latein vom ausklingenden Mittelalter bis 1867, als Ungarn als letztes europäisches Land Latein als Amtssprache aufgab; Französisch von 1648, dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, bis zum Versailler Vertrag von 1918; Englisch seit 1948.

Der identitätsstiftende Charakter von Sprachen ist von Linguisten wie von Soziologen längst gut erforscht und belegt. In den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts erfuhr die Erforschung der sprachlichen Gemeinsamkeiten durch den deutschen Slawisten und Balkanologen Norbert Reiter unter dem Namen „Eurolinguistik“ einen neuerlichen Aufschwung. Und so hat auch die Europäische Union die positiven Wirkungen einer Vielfalt von Muttersprachen früh erkannt.

Mittlerweile ist die Wahrung der Sprachenvielfalt einer der zentralen Grundsätze der europäischen Politik und nicht nur in dem elementarsten Rechtsakt der EU, dem ‚Vertrag über die Europäische Union‘, verankert, sondern kommt auch in der ‚Charta der Regional- und Minderheitensprachen‚ zum Ausdruck, die 1992 vom Europarat verabschiedet wurde.

Plädoyer für nur eine offizielle Amtssprache der EU

Von der Coudenhove-Kalergi-Stiftung kommt der Vorschlag, mittelfristig nur noch eine einzige offizielle Amtssprache innerhalb der EU zuzulassen.

Was 1957 mit den vier Amtssprachen Französisch, Deutsch, Niederländisch bzw. Flämisch und Italienisch der sechs Gründungsmitglieder begann (dem Luxemburgischen wurde inzwischen der Status einer Minderheitensprache zugestanden), hat sich rund sechzig Jahre später zu einer stolzen Zahl von 24 offiziellen Sprachen der EU entwickelt; und wenn man die halboffiziellen – wie das Katalanisch oder das Walisisch – und nicht-offiziellen Sprachen – wie etwa das Friesische oder das Sorbische – hinzuzählt, erhält man eine reichhaltige Palette von Muttersprachen innerhalb der EU, die die Vielfalt der Kulturen des „alten Kontinents“ andeutet.

Ein moderner Turm zu Babel

Dieser Vielfalt ist im Alltag europäischer Institutionen bisweilen schwer gerecht zu werden. Gemäß AEU-Vertrag („Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union“) haben alle Unionsbürger das Recht, sich in einer der 24 Amtssprachen an die Organe der EU zu wenden und eine Antwort in derselben Sprache zu erhalten. Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung lassen sich bei den zahlreichen europäischen Institutionen und deren Veröffentlichungen und Konferenzen erkennen, wenn eine Schar von Übersetzern jede Publikation und jede Rede eines Teilnehmers in alle offiziellen Sprachen der EU übertragen soll.

Macrons EU-Initiative für Französisch

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will die Sprachstunden für Flüchtlinge nach deutschem Vorbild mindestens verdoppeln.

Dass dies nicht immer gelingt, hängt mit den knappen Mitteln der Behörden zusammen und auch damit, dass die Zahl der Übersetzer, die etwa einen finnischen Text kompetent ins Maltesische oder ins Portugiesische übertragen können, begrenzt ist. So kommt es, dass manche Texte nur in die meistgesprochenen Amtssprachen der EU, die sogenannten Arbeitssprachen, übersetzt werden: ins Englische, ins Französische, ins Deutsche. Jüngst verlangte der französische Präsident Macron eine höhere Gewichtung des Französischen, da das Englische nach dem Brexit-Votum der Briten in Zukunft ja weniger relevant sei. Sicherlich spielen auch nationale Eitelkeiten eine Rolle. Welcher Sprache eine dominante Rolle innerhalb der EU zustehe, ist seit jeher ein Zankapfel. Die meistgesprochene Muttersprache der Union ist das Deutsche, es folgen Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch und Polnisch. Insgesamt ist die meistgesprochene bzw. meisterlernte Sprache allerdings längst das Englische.

Sprache als Ergebnis von Integration

Heute haben die europäischen Staaten die Bedeutung von Sprache vor allem im Hinblick auf die Integration von Zuwanderern aus außereuropäischen Sprachräumen im Blick. Schon 2008, also noch vor Beginn der jüngsten großen Migrationsbewegungen 2015, wurde vom Europarat, also von 47 Staaten inklusive aller EU-Staaten, ein Projekt zur sprachlichen Integration erwachsener Migranten, kurz LIAM („Linguistic Integration of Adult Migrants“), ins Leben gerufen.

Das Projekt enthält ein „toolkit“, also einen Werkzeugkasten, mit Methoden und Strategien zum Spracherwerb, aber auch mit Hintergrundwissen, was es etwa für einen Migranten bedeutet, seinen ursprünglichen Sprachraum zu verlassen und sich auf eine neue Sprache in einem fremden Land einzulassen.

„Die Sprache ist der Schlüssel für eine gelingende Integration“, sagte auch der ehemalige deutsche Innenminister Dr. Thomas de Maiziere, „vor allem was die Integration auf dem Arbeitsmarkt angeht.“

Symposium „Europa neu denken“: Wie Wissenschaft und Kultur zur europäischen Integration beitragen

Der europäische Integrationsprozess gerät immer wieder ins Stocken, doch Wissenschaftler und Kulturschaffende sind bemüht, Impulse für ein Um- und Neudenken Europas zu setzen. „Europa neu denken“ hieß dazu eine Konferenz in Marseille.

Tatsächlich haben unzählige Studien längst belegt, wie gering die Chancen auf dem Arbeitsmarkt bei Migranten ohne Sprachkenntnisse sind. Auf einen anderen Blickwinkel weist Prof. Piet van Avermaet hin, der das ‚Centre for Diversity and Learning‘ an der belgischen Universität Gent leitet und an der Gestaltung des Projektes mitgewirkt hat. „Sprache ist keine Voraussetzung, sondern das Ergebnis von Integration.“

Diese vordergründig gegensätzlichen Sichtweisen müssen sich dabei keineswegs gegenseitig ausschließen, sondern lassen sich auf elegante Weise miteinander vereinen. Sprachliche Grundkenntnisse sind sicherlich ein wesentliches Kriterium für einen erfolgreichen Start in einem neuen Lebensumfeld, vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Doch wirkliche Integration erfordert vor allem Zeit und Geduld aller Beteiligter, der Migranten ebenso wie der Arbeitgebers und der Gesellschaft insgesamt – die guten Sprachkenntnissen stellen sich dann im Idealfall ganz von selbst ein.

Zeitstrahl

Die Projektplaner von LIAM haben eine neue Runde der Förderung ausgeschrieben. Noch bis zum 24. Mai 2018 können Projektvorschläge eingereicht werden, die den Spracherwerb von Migranten betreffen. Startschuss für die neue Phase des Projekts soll der 1. Juni 2018 sein. Der Europarat hat für das Vorhaben rund 100.000 Euro zugesagt, erwartet werden viele kleine Projektideen, die jeweils mit bis zu 5.000 Euro unterstützt werden sollen.

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