WHO stuft Computerspielsucht als Krankheit ein

Computerspielsucht könnte auch ein Anzeichen für andere Probleme im Leben eines Betroffenen sein, glauben Experten. [OHishiapply/Shutterstock]

Die Weltgesundheitsorganisation hat exzessive Nutzung von Computerspielen als Krankheit eingestuft. Das Phänomen wird von immer mehr Medizinern und Experten für psychische Erkrankungen erforscht und behandelt.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Computerspielsucht in die elfte Ausgabe ihrer sogenannten Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (engl.: IDC) aufgenommen. Das Dokument soll Mitte 2018 veröffentlicht werden.

Symptome der Erkrankung seien eine Priorisierung von Spielständen und Fortschritten in Computerspielen gegenüber anderen Aspekten des menschlichen Lebens wie Familie und soziale Kontakte, Nahrungsaufnahme, Schlaf, Bildung oder Arbeit. Besonders betroffen seien junge Männer, die durchschnittlich deutlich mehr Zeit mit Computerspielen verbringen als Frauen.

Erst vor kurzem hatte die American Psychiatric Association mitgeteilt, es gebe nicht genügend Forschungsergebnisse, um Computerspielsucht als Erkrankung einzustufen. Aus Sicht der WHO soll das exzessive Spielen jedoch als Krankheit anerkannt werden, wenn die genannten negativen Begleiterscheinungen seit mindestens einem Jahr bestehen.

Glücksspielsucht in Deutschland rückläufig

Der süchtige Glücksspieler ist 30, männlich und sozial eher schwächer. Doch seine Zahl nimmt in Deutschland trotz tausender Spielautomaten ab.

Nigel Henderson, Vorsitzender von der Organisation Mental Health Europe (MHE), sagte gegenüber EURACTIV.com, diese Einschätzung in Bezug auf Computerspielsucht könnte „im Prinzip auch auf alles andere ausgedehnt werden, das in irgendeine Weise das Leben eines Menschen bestimmt.“

Seiner Meinung nach sollten Gegenmaßnahmen aus der Politik sich daher eher auf die Gründe hinter der Sucht statt lediglich auf die Symptome fokussieren. Diese Gründe könnten sehr komplex sein: „Es ist oft nicht so, dass die betroffene Person einfach sehr gerne spielt. Stattdessen ist es wahrscheinlich, dass ein tieferliegender Kontrollverlust, auch über andere Lebensbereiche, oder eine Art der Hoffnungs- und  Perspektivlosigkeit vorliegt, der der Spieler über die Welt der Computerspiele zu entfliehen versucht.”

Gründe dafür könnten „fehlende Unterstützung der Familie, Arbeitslosigkeit oder fehlende Bildungschancen, familiäre Probleme, ein Mangel an sozialen Kontakten oder Freunden“ sein, die bestenfalls durch eine Online-Gaming-Community ersetzt würden, so Henderson. „Generell können dies alles Gründe sein, die auch zu Glücksspiel-, Alkohol- oder Drogensucht führen.”

Daher sei es wichtig, die Einzelperson und ihre individuellen Lebensumstände zu untersuchen, nicht nur die Symptome, fordert MHE. Dies sei beim Thema Computerspielsucht genau so wichtig, wie bei der Behandlung anderer psychischer Erkrankungen.

Gleichzeitig machte Henderson auch deutlich, seine Organisation sei nicht grundsätzlich gegen Diagnostik-Handbücher oder Leitlinien. „Tatsächlich wissen wir, dass solche Leitlinien eine große Hilfe für Ärzte und Psychologen sein können. Außerdem unterstützen sie Regierungen dabei, entsprechende Vorkehrungen in den Gesundheitssystemen zu treffen. Dennoch müssen wir solche Leitlinien mit Vorsicht zusammenstellen und nutzen.“

Die Europäische Kommission hat sich bisher zur Anfrage von EURACTIV, ob sie Gesundheitsempfehlungen basierend auf der neuen WHO-Klassifikation aussprechen werde, nicht geäußert.

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