Viadrina: Europäisches Parkett mit „gewissem Gefälle“

Die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) widmet sich u.a. gezielt dem EU-Recht. Foto: Viadrina

Die Europa-Universität Viadrina hat einen höheren Anteil an ausländischen Studierenden als jede andere deutsche Universität. Doch Sprachunterschiede, Zeitdruck und Gruppenzwang bewirken subtile Ein- und Ausschlüsse der Studenten. Ein Erfahrungsbericht über kulturelle Differenzen.

Kaum eine deutsche Universität legt so viel Wert auf den Europagedanken wie die Europa-Universität Viadrina. Über den Aufenthaltsräumen und Mensen schwebt ein Singsang aus unterschiedlichsten Sprachen. Deutsch, Polnisch, Russisch, Französisch, Spanisch und Türkisch – um nur einige zu nennen – verweben sich zu einem dichten Sprachenteppich, auf dem die Universität ihre Fundamente erstellt.

Doch obwohl jeder es sprechen kann, hört man nur selten ein Wort in Englisch, der Sprache der Verständigung zwischen Fremdsprachigen.

Subtile Ein- und Ausschlüsse


Tatsächlich: Je näher man hinsieht, desto besser erkennt man die feinen Grenzen zwischen den verschiedenen Gruppen, die subtilen 
Ein- und Ausschlüsse bestimmter Personen durch Sprachgrenzen.

"Man wird hier schnell von einem Gespräch ausgeschlossen", erklärt Paola, Studentin der Europäischen Studien. "Zwei Leute wechseln einfach die Sprache, und schon versteht man sie nicht mehr." Möglicherweise lassen sich die kleinen Probleme auf dem internationalen Gelände der Viadrina auf die allgemeinen Probleme europäischer Zusammenarbeit übertragen.

Steinmeier: "Ein phantastischer Erfolg"


"Die Viadrina-Universität ist ein phantastischer Erfolg. Sie zeigt, wie Begegnung und Zusammenarbeit in einem Europa der offenen Grenzen hervorragend funktionieren. Sie ist damit auch ein Glanzstück in den deutsch-polnischen Beziehungen", sagte Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zur Eröffnung des akademischen Jahres 2006.

In der Tat weist die Universität einen höheren Anteil an ausländischen Studierenden auf als jede andere deutsche Universität. Dies erreicht sie durch Kooperationen mit ausländischen Partneruniversitäten, Dozenten verschiedener Nationalitäten und Lehrangebote in mehreren Sprachen.

Nationale Cliquenbildung


Und trotzdem ist nationale Cliquenbildung auf dem Universitätsgelände keine Seltenheit. Ein Widerspruch?

"Es kommt darauf an, welcher Definition von Internationalität man folgen möchte", meint Peter Rosenberg, Dozent am Lehrstuhl der

Sprachwissenschaften. "Möchte man eine einheitliche Mischung erreichen oder einen dynamischen Austausch zwischen bestehenden Cliquen anregen" Die Viadrina fördert letzteres."

Der Schwerpunkt liegt dabei auf den deutsch-polnischen Beziehungen. Durch den Standort – unmittelbar an der Grenze der beiden Staaten – wird die Universität zu einer mehr als symbolischen Brücke. Vor einigen Jahren bildeten polnische Studenten noch ein Drittel der Studierenden an der Viadrina. "Das war so gewollt", erinnert sich Peter Rosenberg. "Wir wollten einen klaren Einfluss einer anderen Kultur, welche sich nicht der Mehrheitskultur beugen muss, sondern eigene Aspekte mit einbringt."

Zahl der polnischen Studenten geht zurück


Inzwischen geht die Zahl der polnischen Studenten immer mehr zurück, die Viadrina ist nun nicht mehr die einzige Universität, die in Kooperation mit polnischen Universitäten steht. Doch den Studenten droht dennoch keine nationale Eintönigkeit: Immer mehr junge Leute aus Russland und der Ukraine schreiben sich an der Viadrina ein. "Es bleibt immer bunt", freut sich Peter Rosenberg.

Doch die Umstellung auf Bachelor und Master hat den internationalen Begegnungen auf dem Campus einen Schlag versetzt und gewissermaßen die Cliquenbildung unterstützt. "Ob der Zeitdruck nun tatsächlich gestiegen ist oder nicht, viele meiner Freunde fühlen sich sehr unter Druck gesetzt und möchten lieber Lerngruppen bilden, als gemeinsame Urlaube oder Partys zu planen", berichtet Katarzyna. "Ich finde das sehr schade, auch wenn ich verstehe, dass sich nicht jeder so viel Zeit für das Studium nehmen kann wie ich."

Beziehungen nach Zweckmäßigkeit


Die Zeit, eine neue Kultur kennenzulernen, bleibt dabei auf der Strecke. Grundsätzlich sind viele Beziehungen unter Studenten von Zweckmäßigkeit geprägt. Man trifft sich in einem gemeinsamen Seminar, geht zusammen in die Mensa und lernt auch ab und an gemeinsam. Doch ist das Semester vorbei, trennen sich meist die Wege wieder. Das könnte einerseits am Zeitmangel liegen. Es könnte jedoch auch daran liegen, dass die meisten Studenten nicht in Frankfurt an der Oder wohnen, sondern von Berlin aus pendeln.

Bestimmt trägt auch die Nähe zur Grenze ihren Teil dazu bei: Nach der letzten Vorlesung können sich die Kulturen in fünfminütigem Fußmarsch wieder trennen.

Doch in allen drei Fällen siegt die Bequemlichkeit über die Neugierde, die Gewohnheit über die Initiative.

Was sich jeder Student selbst erarbeiten muss


"Ein gewisses Gefälle bleibt immer noch", stellt eine Studentin fest. "Auf der polnischen Seiten sprechen fast alle etwas Deutsch, auf der deutschen Seite jedoch spricht fast niemand polnisch." Wie so oft gibt es keine grundsätzlichen Differenzen zwischen unterschiedlichen Nationen. Es sind die feinen Unterschiede, die selbst auf einer solch internationalen Plattform im Alltag kleine Hürden aneinanderreihen: Sprachunterschiede, Zeitdruck oder Gruppenzwang.

Diese Gefälle und Hürden können nicht von einer Universitätsleitung aufgelöst werden. So sehr sich eine Institution auch für den europäischen Gedanken einsetzt, einen Rest an Eigeninitiative und Offenheit muss sich jeder Student selbst erarbeiten.


Die Autorin


Katja Schlangen
(21) beendete soeben ihr Studium der Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina (mit den Schwerpunkten Sprachwissenschaften und Sozialwissenschaften).

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der Europa-Universität Viadrina

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