Südtirol und die „Zwangs-Italianisierung“

Südtirol plant die Streichung nicht gebräuchlicher Wort-Kreationen

Nach der Spaltung der italienischen Regierungspartei PD geht Italien wieder einmal in eine ungewisse politische Zukunft. Südtirol fällt aus der Reihe – und positiv auf.

Südtirol, auf Italienisch Alto Adige („Hoch Etsch“) genannt, ist mit einem BIP von 41.000 Euro die wohlhabendste der italienischen Provinzen, hat de facto Vollbeschäftigung und eine florierende Wirtschaft. Das Land an Etsch und Eisack ist vor allem auch ein politisch stabiler Faktor und fast schon ein „Modell der Sehnsucht“ für so manche norditalienischen Provinzen. Noch vor zehn Tagen schien es als würde es aber in Südtirol wieder einmal zu einem Konflikt kommen – und zwar über die zweisprachige Namensgebung.

"Südtirol hat Chance auf gemeinsames Tirol selbst verpasst"

Vor 50 Jahren erschütterte die „Bombennacht“ das Land an Etsch und Eisack. Ludwig Steiner, Doyen der österreichischen Außenpolitik, im Gespräch mit EURACTIV.de: Die echten Lösungen für Südtirol resultieren aus mühsamen Verhandlungen – und weil letztlich konstruktive Elemente auch in Italien das Sagen bekamen.

Nun aber ist es Landeshauptmann Arno Kompatscher gelungen, einen einstimmigen Kompromiss zu finden, wonach über strittige Bezeichnungen eine paritätisch besetzte wissenschaftliche Kommission entscheiden soll, ob diese ein- oder zweisprachig zu führen sind. Was für die einen ein Beispiel ist, wie man Verhandlungslösungen erzielen kann, ist für die anderen, so für die am rechten Flügel agierenden Freiheitlichen und den rechts-nationalen Schützenbund ein „kulturpolitisches Waterloo“.

Historisches Unrecht nicht durch Unrecht ersetzen

Kompatscher schildert seine Überlegungen gegenüber EURACTIV.de: „Die Zwangsersetzung der deutschen und ladinischen Ortsnamen durch italienische Namen, war Teil der faschistischen Italianisierungspolitik und somit ein historisches Unrecht. Tatsache ist aber auch, dass seitdem viele dieser Namen für den italienischsprachigen Teil der Südtiroler Bevölkerung einfach zu den natürlichen Bezeichnungen der Orte geworden sind. Eine konsequente Rückkehr zu der alleinigen Verwendung der historischen deutschen beziehungsweise ladinischen Ortsnamen, würde von einem Teil der Bevölkerung als Versuch wahrgenommen werden, ein historisches Unrecht durch ein neues Unrecht ausgleichen zu wollen. Der nun vorliegende Vorschlag stellt eine pragmatische Lösung dar und zielt auf die Streichung der nicht verwendeten (!) italienischen Bezeichnungen ab.“

16.600 Namen wurden „zwangs-italianisiert“

Um den Hintergrund besser zu verstehen, heißt es in die Geschichte zurückzublicken. Nachdem 1919 aufgrund eines bereits 1915 geschlossenen Geheimabkommens Südtirol von Österreich an Italien abgetreten werden musste,wurde vom faschistischen Regime in Rom die Italianisierung des in seinem Kern und Herzen deutschsprachigen Landes betrieben. Dazu gehörte unter anderem, dass ab 1923 alle deutschsprachigen Namen durch italienische Wortschöpfungen ersetzt wurden. Schlussendlich betraf dies 16.800 Namen (Orts-, Hof-, Flur-, Gewässer- und Geländebezeichnungen). Erst 1946, mit dem so genannten Gruber-DeGaspari-Abkommen, wurde der Schutz der kulturellen Eigenart der deutschsprachigen Bevölkerung in der Region Trentino-Südtirol wieder hergestellt und garantiert. Landesweit wurden zweisprachige Bezeichnungen eingeführt. Davon zeugen die Ortstafeln, Straßenbeschilderungen und Wegweiser.

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Streichung nicht gebräuchlicher Wort-Kreationen

Viele der zwangsweise verfügten italienischen Namen sind künstliche Wortgeschöpfe und bis heute völlig ungebräuchlich geblieben. Aufgrund eines noch von Altlandeshauptmann Luis Durnwalder mit den früheren Ministern Graziano Fitto und Raffaele Delrio abgeschlossenen Abkommens sollten künftighin nur noch jene Flurnamen zweisprachig geführt werden, die auch tatsächlich in Gebrauch sind. Für 132 Seen oder Almen sollten dagegen die ursprünglichen Bezeichnungen auf Deutsch oder Ladinisch mit dem erklärenden Zusatz Malga (Alm) oder Lago (See) eingeführt und künstliche italienische Wortgebilde gestrichen werden. Der Koalitionspartner der SVP, die auch in Rom regierende Partito Democratico (PD) sah darin bereits eine Art „ethnischer Säuberung“. Nicht zuletzt eine Folge der inneritalienischen Entwicklung, wo im Herbst Wahlen anberaumt werden dürften und daher jetzt bereits so eine Art Vor-Wahlkampf begonnen hat. Das durchaus emotionale Thema der Namensgebung dürfte aber nun zwischen den beiden Volksgruppen ausgeklammert worden sein.

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Italiener in Südtirol: Oft Fremde im eigenen Land

Tatsächlich läuft in Südtirol, artikuliert im Wochenmagazin „FF“, eine Diskussion, wonach sich die in Alto Adige lebenden italienisch-sprachigen Bürger (ihr Anteil ist in den letzten Jahren von einem Drittel auf derzeit knapp 27 Prozent zurückgegangen) gesellschaftlich, kulturell und politisch benachteiligt fühlen. Ja sie möchten offenbar eine Art Minderheitenrecht im Land an Etsch und Eisack erhalten. Interessante Details liefert dazu eine Umfrage. So fühlen sich in Punkto Gesellschaft und Politik nur 21 Prozent der deutsch- aber 56 Prozent der italienisch-sprachigen Bürger benachteiligt. Ähnlich ist es bei der Bildung (24 zu 57 Prozent) und bei der Kultur (10 zu 31 Prozent) bestellt. Ausgeglichen ist das Verhältnis dagegen bei der Wirtschaft (hier profitiert man von den guten politischen Grundbedingungen) und bei der Besetzung öffentlicher Ämter. Nachholbedarf dürfte es dagegen im sprachlichen Bereich geben. Während 93,5 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung Italienisch als Zweisprache haben, lernen nur 64,9 der in Südtiroler ansässigen Italiener auch Deutsch. Sie sind oft noch in siebenter Generation seit der Annexion Fremde im eigenen Land.

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