Reisefieber der Deutschen in Europa und anderswo

Ich bin dann mal weg. Foto: Rainer Sturm / pixelio

Trotz Krise ist die deutsche Reisebegeisterung ungebrochen. Das Alter der Reisenden steigt, geht aus der Tourismusanalyse 2013 der Stiftung für Zukunftsfragen hervor. Griechenland leidet an seinem Image, die Türkei profitiert davon.

Die Urlaubsreise behielt auch 2012 ihre Faszination und die Reiselust der Deutschen war ungebrochen. Insgesamt steigerte sich die Reiseintensität der Bundesbürger – im vierten Jahr in Folge – auf aktuell 54 Prozent. Dies geht aus der 29. Deutschen Tourismusanalyse der Stiftung für Zukunftsfragen hervor, in der repräsentativ 4.000 Bundesbürger ab 14 Jahren nach ihrem Urlaubsverhalten 2012 und ihren Reiseabsichten für 2013 befragt wurden.

Rentner mit Zeit, Geld und Spaß

Weiter zugenommen hat vor allem die Reiseintensität bei über 55-Jährigen, von denen mehr als die Hälfte in den vergangenen 12 Monaten unterwegs war. Ulrich Reinhardt, der Wissenschaftliche Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen: "Reiseerfahrene Generationen prägen den Tourismus – sie verfügen über Zeit, Geld und Spaß am Reisen. Bis ins hohe Alter in den Urlaub zu fahren, setzt sich immer weiter fort. Mittlerweile verreisen nicht mehr nur viele der 50- bis 64-Jährigen, sondern es packt sogar jeder dritte über 75-Jährige wenigstens einmal pro Jahr seine Koffer."

Des Deutschen liebstes Urlaubsziel: das Heimatland

Deutschland bleibt weiterhin das – mit Abstand – beliebteste Reiseziel der Deutschen. In der vergangenen Saison verbrachten fast zwei von fünf Bürgern ihren Haupturlaub zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen. Auch wenn die Steigerungsraten der letzten Jahre kleiner werden, hält der Trend zum Inlandsurlaub ungebrochen an.

Die Konkurrenz zwischen Bayern und Ostsee setzte sich hierbei fort: War 2010 die Ostseeküste das häufigste Reiseziel der Deutschen, konnten sich 2011 die bayrischen Feriengebiete an die Spitze setzen. 2012 lagen beide Urlaubsregionen auf gleichem Niveau, wobei die Ostsee Zuwächse verzeichnete, während Bayern sein Vorjahresniveau knapp verfehlte. Als relativ stabil erwiesen sich die Urlaubsregionen an der Nordsee und in Baden-Württemberg – die in etwa gleich viele Gäste wie im Vorjahr begrüßen konnten.

Spanien führt die Liste der beliebtesten Auslandsziele an

Bei den Auslandsreisezielen bleibt die Popularität Spaniens ungebrochen. Besonders die Balearen – die ebenso viele Gäste empfingen wie ganz Italien – erfreuen sich bei den Deutschen einer hohen Beliebtheit. Allerdings sank der Anteil deutscher Urlauber in allen spanischen Feriengebieten im Vergleich zum Vorjahr. Profitieren konnten hiervon sowohl das zweitplatzierte Italien als auch die drittplatzierte Türkei, die beide Zuwächse verzeichneten.

Ebenso verzeichneten Frankreich und Skandinavien gestiegene Besucherzahlen im Jahr 2012. In Griechenland setzte sich dagegen der Einbruch der Urlauberzahlen weiter fort. Innerhalb von nur drei Jahren hat sich der Anteil deutscher Feriengäste sowohl auf den griechischen Inseln als auch auf dem Festland um die Hälfte reduziert (2009: 3,3 Prozent – 2012: 1,7 Prozent).

Reiseziele außerhalb Europas wurden 2012 von etwa jedem neunten Bundesbürger angeflogen. Trotz insgesamt leichter Zugewinne (+0,4 Prozent) verreisen damit immer noch mehr Deutsche nach Spanien als in alle Fernreisedestinationen zusammen.

Bei den außereuropäischen Zielen konnte Nordafrika – vor allem Tunesien – erstmals seit dem Arabischen Frühling wieder einige Marktanteile zurückgewinnen (+0,8 Prozent). Allerdings bleibt die Lage weiterhin sehr stark von den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in der Region abhängig. Ebenso konnten auch Reiseziele in Mittelamerika und der Karibik sowie im Nahen und Mittleren Osten Zuwächse verzeichnen. Einbußen bei der Besucherzahl deutscher Reisender verkraften mussten dagegen die USA sowie – erstmals seit Jahren – asiatische Ziele wie China, Thailand oder Indien.

Aufenthalte werden kürzer

Der Urlaub bleibt den Deutschen lieb und teuer, dauert aber nur noch gut zwölf Tage. Damit setzt sich der Abwärtstrend der vergangenen Jahre langsam, aber beständig fort. Im Vergleich zu 1990 sind es mittlerweile vier Tage weniger, die am Urlaubsort verbracht werden.

Ein direkter Zusammenhang lässt sich hierbei zwischen Reisedauer und Entfernung des Reiseziels nachweisen. Denn trotz Billig-Airlines gilt weiterhin: Je weiter die Destination entfernt, desto länger der Aufenthalt.

So verweilten die Urlauber in Deutschland im Durchschnitt keine zehn Tage am Ferienort (9,8 Tage). Im europäischen Ausland dauerte der Urlaub drei Tage länger (12,8 Tage), und eine Fernreise nahm mit durchschnittlich mehr als zweieinhalb Wochen (18,4 Tage) doppelt so viel Zeit in Anspruch wie ein Inlandsurlaub.

Rund 1000 Euro zahlen die Deutschen für ihren Urlaub

Mit durchschnittlich 1.093 Euro ließen die Bundesbürger sich ihren Urlaub in der vergangenen Reisesaison rund achtzig Euro mehr kosten als im Jahr zuvor. In diesen Kosten waren nicht nur die reinen Reise- und Unterkunftskosten enthalten, sondern auch alle sonstigen Ausgaben – von Tagesausflügen und Eintrittspreisen über Restaurantbesuche und Shoppingtrips bis hin zu Souvenirs und Trinkgeldern.

Als aufschlussreich erweist sich die Verteilung der tatsächlichen Reisekosten bei den Urlaubszielen. Erwartungsgemäß stiegen die totalen Kosten fast parallel zur Entfernung und Aufenthaltsdauer vor Ort. So kostete ein Urlaub im Inland mit 777 Euro deutlich weniger als eine Reise ins europäische Ausland (1.136 Euro). Noch einmal deutlich teurer war ein Urlaub außerhalb Europas: Mit 1.954 Euro wurde für Fernreisen etwa zweieinhalb Mal so viel ausgegeben wie für einen Urlaub in Deutschland.

Innerhalb Europas waren Ziele, die mit dem eigenen Pkw angefahren wurden (z.B. Österreich, Italien) tendenziell günstiger als Flugreisedestinationen. Bei den Tageskosten waren zwei Länder besonders auffällig – einerseits die Türkei, in der die Tageskosten rund zehn Prozent unter dem europäischen Durchschnitt lagen, und Spanien, wo diese Kosten deutlich den Mittelwert überstiegen. Dies lässt sich zumindest teilweise durch die Kanarischen Inseln erklären, denn deren Besuch ist aufgrund der höheren Flugpreise recht kostenintensiv.

Der Reisetrend setzt sich 2013 fort

Die Reiselust der Deutschen bleibt auch 2013 ungebrochen. Die Branche stellt sich erneut auf leichte Zugewinne ein. Jeder dritte Deutsche ist sich schon jetzt sicher, in diesem Jahr zu verreisen. Ein weiteres Zehntel plant sogar zwei oder mehr Trips. Im Gegensatz dazu sagten lediglich 22 Prozent der Bürger, dass sie dieses Jahr nicht in den Urlaub fahren werden.

Konstant hoch bleibt die Zahl der noch Unsicheren, die zwar durchaus verreisen möchten, aber nicht sicher sind, es auch zu können. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass von diesen Reiseunsicheren im Laufe des Jahres wenigstens ein Drittel dann doch in den Urlaub fährt. Somit deutet vieles darauf hin, dass die diesjährige Reiseintensität das Niveau von 2012 übertreffen wird.

Bei den Reisezielen 2013 wird deutlich: Der Trend zum Inlandstourismus setzt sich fort. Fast jeder vierte Bundesbürger plant bereits jetzt, seinen Haupturlaub im eigenen Land zu verbringen. Ob dabei die Feriengebiete in Bayern oder an der Ostsee häufiger besucht werden, wird nicht zuletzt auch vom Wetter abhängen.

In diesem Jahr ins europäische Ausland zu verreisen, plant bisher ein Drittel der Deutschen. Hierbei bleibt Spanien die unangefochtene Nummer 1, droht jedoch weiter Marktanteile zu verlieren.

Hoffnung auf die Unentschlossenen

Profitieren könnte hiervon die Türkei, die bei den festen Reiseabsichten sogar Italien überholt hat. Unsicher bleibt weiterhin die Zukunft griechischer Feriengebiete. Nicht einmal ein Prozent der Deutschen plant derzeit, 2013 seinen Urlaub bei den Hellenen zu verbringen.

Fazit von Professor Reinhardt zum Ausblick auf die Reisesaison 2013: "Statt Ferne und Wärme heißt es 2013 Nähe und Natur – hiervon wird Deutschland profitieren. Gleichzeitig bleiben weiterhin die Mittelmeerziele attraktiv. Preis und Image des Urlaubszieles werden letztendlich darüber entscheiden, wohin die Touristen reisen."

Derzeit sei das Ansehen von Griechenland noch zu negativ, als dass die Deutschen in diesem Sommer schon zurückkommen würden.

Der Fernreisemarkt wird Reinhardt zufolge auch 2013 eine Ergänzung und keine Alternative zu den mediterranen Urlaubsdestinationen sein, denn neben Geld braucht man für diese vor allem Zeit. "Hoffen dürfen jedoch alle Urlaubsregionen – von Bayern bis nach Bali und von Kreta bis auf die Kanaren – auf die große Anzahl der Unentschlossenen."

Ost- und westdeutsche Vorstellungen nähern sich an

Die Vorstellungen der Ost- und Westdeutschen von einem Traumurlaub haben sich im Laufe der vergangenen 20 Jahre weitestgehend angeglichen – im Gegensatz zu 1991, als das Nachholbedürfnis in Ost und West noch sehr stark ausgeprägt war. Seinerzeit wollten beispielsweise doppelt so viele West- wie Ostdeutsche mit der Eisenbahn von Moskau nach Peking reisen, und umgekehrt war das Wandern in der Lüneburger Heide oder ein Nordseeurlaub mit der Familie zweimal so reizvoll für die Bewohner Ostdeutschlands.

Die häufigsten Reisemotive

Ordnet man den Traumvorstellungen bestimmte Reisemotive zu, ergeben sich fünf Hauptmotive, die teilweise ineinandergreifen bzw. einander ergänzen:
•    Sonne und Meer: Besonders der Kreuzfahrtsektor kann sich auf einen anhaltenden Nachfrageboom einstellen. Aber auch die Flucht vor dem Winter in die Karibik oder der klassische Badeurlaub verlieren als Motiv nicht an Beliebtheit.
•    Kontrast und Erlebnisse: Gesucht wird ein Gegensatz zum Alltag und die Teilnahme an Ereignissen, von denen daheim berichtet werden kann. Dieser Wunsch könnte beim Karneval in Rio oder beim Städtetrip nach Bangkok wahr werden. Ebenso beim Wohnmobiltrip durch Nordamerika oder bei der Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn.
•    Erholung und Regeneration: Das Ursprungsmotiv des Reisens verliert auch in Zukunft nicht an Bedeutung. Man möchte sich von der und für die Arbeit erholen und einmal richtig ausspannen. Seine Energiespeicher kann man beim Relaxen auf einer einsamen Südseeinsel ebenso wie bei einem Aufenthalt in einem Kloster auf Zeit wieder aufladen.
•    Kontakt: Die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft fördert den Wunsch nach Geselligkeit – gerade auf Reisen. So bleiben gemeinsame Urlaube mit Freunden, der Familie oder auch Bekannten von großer Bedeutung. Auf Reisen gemeinsamen Interessen nachzugehen und die Vorfreude auf den Urlaub teilen zu können, ist und bleibt wichtig.
•    Natur und Aktivität: Sportliche Unternehmungen in einer möglichst intakten Natur faszinieren viele Urlauber – ob Wander- oder Radtouren, Trekking oder Fotosafari.

Misstrauen bei Online-Angeboten

Als aufschlussreich erweist sich die Frage nach dem Vertrauen in die unterschiedlichen Informationsquellen. So sind sich 85 Prozent der Befragten sicher, den Berichten von Freunden und Bekannten glauben zu können. Die Mehrheit vertraut zudem den Informationen in Reisebüros, Fremdenverkehrsstellen und Reiseführern. 

Nur wenige glauben, im Internet ungeschönte Informationen zu finden. Die Informationsflut im Internet und die Anonymität der Quellen verunsichern die Verbraucher. Auch auf Bewertungsportale, Blogs, Foren und soziale Netzwerke baut nur eine Minderheit der Bürger. Zu groß ist hier die Angst, geschönte oder sogar falsche Informationen zu erhalten.

Tourismusbeauftragter Burgbacher:"Ein echter Jobmotor"

Indessen äußerte sich Ernst Burgbacher, Parlamentarischer Wirtschafts-Staatssekretär und Beauftragter der Bundesregierung für Mittelstand und Tourismus, anlässlich der am Sonntag zu Ende gegangenen ITB in Berlin zur Entwicklung im Fremdenverkehr: "In der Tourismusbranche herrscht durchweg gute Stimmung. Die politischen Rahmenbedingungen stimmen: Deutschland verzeichnet die niedrigsten Arbeitslosigkeitszahlen seit 20 Jahren, es gibt eine spürbare Steigerung der verfügbaren Einkommen, und diese Zahlen beflügeln auch das Buchungsverhalten der deutschen Reisenden."

Die ITB habe aber auch deutlich gezeigt, dass der weltweite Wettbewerb schärfer wird. Die Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Beherbergungsbetriebe (von 19 auf 7 Prozent) habe zum größten Modernisierungsschub geführt, den der Deutschland-Tourismus jemals erlebt habe, sagte der FDP-Politker. Dies sei durch Zahlen belegbar.

Sieben Millionen Arbeitsplätze hängen in Deutschland direkt an der Tourismusbranche. Der Tourismus in Deutschland steht für eine Bruttowertschöpfung von fast 100 Milliarden Euro und beschäftigt 2,9 Millionen Erwerbstätige. Im Jahr 2012 wurden erstmals über 400 Millionen Übernachtungen in Deutschland verzeichnet. "Das ist ein neuer historischer Rekordwert", so Burgbacher. "Damit ist der Tourismus ein echter Jobmotor in Deutschland."

Red.

Links:


Tourismusanalyse 2013

Tourismusanalyse 2012

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