Oxfam-Bericht: Wohlstand auf dem Rücken der Frauen

Viele Frauen verdienen auch heute noch im gleichen Job und bei gleicher Qualifikation weniger als ihre männlichen Kollegen. [Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa]

Wirtschaftlicher Erfolg fußt immer noch auf der Benachteiligung der Frauen, mahnt Oxfam. Die Gerechtigkeitslücke zwischen den Geschlechtern sei weiterhin groß.

Frauen tragen weltweit massiv zum Wohlstand  bei, ohne selbst in angemessenem Umfang davon zu profitieren. Das zeigt der Bericht „An economy that works for women“, den die internationale Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam im Vorfeld des Internationalen Frauentages vorstellt. Der Bericht belegt eine skandalöse Gerechtigkeitslücke zwischen den Geschlechtern. In drei Bereichen ist die Notwendigkeit für Veränderungen besonders groß.

Der Bericht betont, dass überwiegend Frauen in unterbezahlten und prekären Arbeitsverhältnissen tätig sind: In der Textilindustrie in Myanmar und Vietnam etwa arbeiten Frauen bis zu 18 Stunden täglich, ohne sich und ihre Familien davon ernähren zu können. Der Profit ihrer Arbeit geht an Milliardäre wie Zara-Besitzer Amancio Ortega oder H&M-Besitzer Stefan Persson, die zu den reichsten Männern der Welt gehören.

Zudem sind es meist Frauen, die unbezahlte Pflegearbeit leisten. Den volkswirtschaftlichen Wert unbezahlter Pflegearbeit beziffert die OECD auf zehn Billionen US-Dollar pro Jahr. Das entspricht etwa den Bruttonationaleinkommen Deutschlands, Großbritanniens, Frankreichs und Kanadas zusammen. Länderabhängig erbringen Frauen davon zwei- bis zehnmal mehr als Männer.

Wieczorek-Zeul: "Würden Männer Kinder gebären, wäre das Gesundheitssystem bestens ausgestattet"

Jährlich sterben Hunderttausende Frauen bei oder nach der Geburt, HIV trifft besonders oft junge Mädchen in Afrika. Das sei kein Zufall, meint die frühere Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul im Interview. Sie fordert – von der EU – Frauen auf politischer Ebene stärker zu fördern und Männer umzuerziehen.

Drittens werden Frauen in Gesellschaft und Arbeitsleben in Bezug auf Organisation und Mitbestimmungsystematisch benachteiligt: Scheinbar geschlechtsneutrale wirtschaftliche Entscheidungen gehen de facto oft zu Lasten von Frauen. Zugleich ist es für Frauen durch die Doppelbelastung von Hausarbeit und oftmals prekären, informellen Arbeitsverhältnissen schwerer, schlagkräftige Interessenvertretungen zu gründen.

Charlotte Becker, Expertin für Gleichstellungspolitik bei Oxfam Deutschland, sagt: „In den vergangenen Jahren wurde viel darüber geredet, was Frauen für die Wirtschaft tun können – aber kaum, was die Wirtschaft für Frauen tun kann. Fakt ist: Nach wie vor haben Frauen weltweit ein höheres Armutsrisiko als Männer.

UN: Frauen sind weltweit immer noch nicht gleichgestellt

Exklusiv: Ohne mehr Gleichstellung werde man auch bei allen anderen Entwicklungszielen nicht vorankommen, mahnt Phumzile Mlambo-Ngcuka im Interview mit EURACTIV. Doch längst nicht nur arme Länder müssten in puncto Geschlechtergleichheit aufholen.

Weibliche Berufsfelder schlechter abgesichert

Im Durchschnitt sind Berufsfelder, in denen vorrangig Frauen arbeiten, schlechter abgesichert und schlechter bezahlt. Auch in Deutschland klafft eine riesige Gerechtigkeitslücke: Fast nirgends sonst in der EU verdienen Frauen im Verhältnis zu Männern im Durchschnitt so wenig. Häufig bleibt die Arbeit von Frauen ganz unbezahlt, wie das Beispiel der familiären Pflege- und Sorgearbeit zeigt. Das verlangt nach einer wirtschaftspolitischen Kehrtwende.“

„In Pakistan machen Heimarbeiterinnen einen großen Teil des informellen Arbeitsmarktes aus. Ohne rechtlichen Schutz, soziale Absicherung und gewerkschaftliche Vertretung gehören sie zu den am meisten ausgebeuteten Arbeitnehmerinnen“, warnt Ume Laila Azhar, Geschäftsführerin von Oxfams Partnerorganisation HomeNet Pakistan.: Diese Ungerechtigkeit müsse ein Ende haben.

Oxfam fordert darum menschenwürdige Arbeit für Männer und Frauen gleichermaßen, einschließlich angemessener Löhne sowie sicherer Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen. Auch in Gesundheits- und Betreuungssysteme, die die Notwendigkeit unbezahlter Pflegearbeit reduzieren, müsse mehr investiert werden. Zudem, so Oxfam, sollten Fraueninitiativen in allen Bereichen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft weltweit mehr gefördert werden.

 

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