Nach Kolonialismus und vor der Klimakatastrophe: „Wahrheitskommissionen“ für die Sámi

Aktuell gibt es schätzungsweise 100.000 bis 150.000 Sámi in den Arktis-Gebieten Norwegens, Schwedens, Finnlands und Russlands. [Shutterstock/footageclips]

Die Politik der Kolonialzeit hat bis heute Einfluss auf das Leben, die Kultur und die Landnutzung der Sámi-Gemeinschaften in Nordskandinavien. In den vergangenen Monaten und Jahren wurden sogenannte „Wahrheitskommissionen“ eingerichtet, die frühere Ungerechtigkeiten gegenüber indigenen Völkern untersuchen sollen.

Aktuell gibt es schätzungsweise 100.000 bis 150.000 Sámi in der Arktis, deren traditionelle Heimatregion – ein Gebiet das von ihnen Sápmi genannt wird – sich über die arktischen Gebiete Norwegens, Schwedens, Finnlands sowie die Kola-Halbinsel in Russland erstreckt.

Mindestens seit dem 19. Jahrhundert verfolgten die Regierungen all dieser Staaten eine aggressive Assimilationspolitik, die insbesondere das Bildungssystem und die Religion einschloss. Die samische Sprache und Kultur wurden dabei weitgehend abgelehnt oder aktiv unterdrückt.

Der Europarat und Menschenrechtsorganisationen haben darüber hinaus wiederholt den weiterhin bestehenden Mangel an lokaler Vertretung der Sámi in nationalen Regierungsentscheidungen kritisiert.

Vertreterinnen und Vertreter der Sámi erklärten gegenüber EURACTIV.com, diese Entwicklungen hätten bis heute negative Auswirkungen auf die samischen Sprachen, die Bildung und die Lebensweise.

Doch während die Verletzung des Rechts auf Kultur und Sprache im Laufe der Zeit eingestellt wurde, stellen heute vor allem Klimawandel und Landausbeutung neue Bedrohungen für die Existenz der samischen Gemeinschaften dar.

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Sámi-Versammlungen in ganz Nordeuropa haben die Einrichtung sogenannter Wahrheitskommissionen als eine Möglichkeit vorgeschlagen, die systemische Diskriminierung zu bekämpfen. Nach dem Vorbild der kanadischen Wahrheits- und Versöhnungskommission, die ihre Arbeit 2015 abgeschlossen hat, sollen diese Institutionen unter anderem öffentliche Anhörungen und „psychosoziale Unterstützung“ für die Betroffenen beinhalten. Es ist zu erwarten, dass diese Wahrheitskommissionen mehrere Jahre für ihre Arbeit benötigen werden.

Das entsprechende norwegische Gremium war 2018 gegründet worden, die finnische Regierung stimmte der Bildung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission im folgenden Jahr 2019 zu. Die Sámi in Schweden begannen ihre Arbeit an einer ähnlichen Struktur im Jahr 2020. Russland hinkt diesbezüglich hingegen hinterher: Dort wurde in der jüngeren Vergangenheit offenbar eher versucht, kritische indigene Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Auf die Frage, welche Maßnahmen notwendig seien, um der Diskriminierung der Sámi entgegenzuwirken, erklärt Tuomas Aslak Juuso, Präsident des finnischen Sámi-Parlaments, gegenüber EURACTIV.com, das beste Mittel bestehe darin, die nordeuropäischen Länder zur konsequenten Einhaltung der Menschenrechte aufzurufen. Laut Juuso „ist es wichtig, daran zu erinnern, dass die Menschenrechte ein Kernstück aller demokratischer Arbeit sind – gerade in Nordeuropa, wo viele Leute wohl davon ausgehen, dass wir bereits ‚Menschenrechtsländer‘ sind, die in diesem Bereich alles gut und richtig machen.“

Er fügt hinzu: „Deshalb sind wir zu dem Schluss gekommen, dass Versöhnungskommissionen notwendig sind.“ Es müsse anerkannt werden, „dass es Unrecht gegeben hat; dass es unehrliche koloniale Praktiken gab, die das samische Volk immer noch stark belasten.“

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Ein weiteres Problem dürfte indes ein „allgemeiner Mangel an Vertrauen“ seitens der Sámi sein, dass der Prozess tatsächlich mit konkreten Verbesserungen für ihr tägliches Leben enden wird.

„Der Mehrheitsbevölkerung wurde beigebracht, dass [die Sámi] eine minderwertige, niedrigere Klasse von Menschen sind,“ wurde bereits in einem 2018 für den finnischen Ministerpräsidenten erstellten Bericht über die Einsetzung einer Wahrheitskommission festgestellt. Seitens der Sámi würden viele befürchten, „dass die finnische Regierung lediglich versucht, ihren internationalen Ruf als ein Land zu verbessern, das die Menschenrechte respektiert […] während sie gleichzeitig die Rechte des samischen Volkes weiter schwächt.“

Juuso ist diesbezüglich der Ansicht, dass die Möglichkeit, die Situation besser zu verstehen und die Mehrheitsbevölkerung aufzuklären, dazu beitragen könne, „von einer diskriminierenden Haltung wegzukommen“. Insgesamt sei wichtig, „dass die Regierungen die Bereitschaft zeigen, sich zu den Rechten zu bekennen, die versprochen wurden und zu deren Erfüllung sie verpflichtet sind.“

Und die EU?

Die EU arbeitet derweil an einer Aktualisierung ihrer Arktis-Politik, die bis Ende des Jahres vorgelegt werden soll. Jugendverbände aus der europäischen Arktis haben die politisch Verantwortlichen bereits aufgefordert, dafür zu sorgen, dass die Jugend ebenso wie indigene Völker vor Ort in die Maßnahmen einbezogen werden, da diese ihre Zukunft direkt betreffen werden.

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„Möglicherweise haben die Behörden in der Vergangenheit im Allgemeinen eher Lippenbekenntnisse zu den Ansichten der Menschen abgegeben, die in der Arktis leben – sowohl die indigene Völker als auch die jungen Menschen,“ räumte Michael Mann, der EU-Sonderbeauftragte für die Arktis, jüngst während einer Online-Debatte ein.

Andere Teilnehmende der Veranstaltung betonten derweil, dass Identität für die junge Sámi-Generation von großer Bedeutung sei. Man sei auch stolz darauf, „die Sprache, Kultur und Traditionen der Sámi bewahrt zu haben, trotz der starken Assimilationspolitik“, so Enni Similä, Vorsitzende des finnischen Sámi-Jugendverbandes.

Sie warnte jedoch weiter: „Die Sámi sind davon bedroht, ihr Land durch die Produktion erneuerbarer Energien, Windkraftanlagen, Minen und neue Infrastruktur zu verlieren. Rentierhaltung und Industrieprojekte in traditionellen Gebieten können einfach nicht nebeneinander existieren.“

Der EU-Arktisbeauftragte Mann betonte seinerseits: „Wir haben mit Interesse die verschiedenen Gerichtsverfahren in den nördlichen Ländern verfolgt, die darauf abzielen, diese traditionellen Gebiete und Lebensweisen zu schützen.“

Man wolle dies auch in der (zukünftigen) Politikgestaltung berücksichtigen.

[Bearbeitet von Benjamin Fox und Tim Steins]

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