Flüchtlinge in Tschechien: Zwischen Fremdenhass und Integration

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Eine OSZE-Delegation erhält Informationen über die Flüchtlingsslage in Tschechien. [OSCE Parliamentary Assembly/Flickr]

Von Syrien in ein europäisches Integrationszentrum und dann in die neue Heimat Prag, so könnte der Weg eines Flüchtlings aussehen. Doch für viele Asylsuchende ist Tschechien ein Land mit Schattenseiten. EURACTIV Tschechien berichtet.

Es gibt nicht viele arabischstämmige Menschen, die in der Tschechischen Republik Asyl beantragen. Einige von ihnen werden erfolgreich integriert und finden ein neues Zuhause. Andere jedoch werden Opfer von Fremdenhass.

„Für jeden Menschen ist der Integrationsprozess anders. Ausschlaggebend ist, wann eine Person oder Familie herkommt und aus welchem Grund“, erklärt Jitka Nováková vom Prager Integrationszentrum im Gespräch mit EURACTIV Tschechien. Schwierigkeiten haben ihr zufolge vor allen Syrer und Iraker, die erst kürzlich eingereist sind.

Lieber nicht an Syrien denken

Einer von ihnen ist ein Mann aus der syrischen Stadt Homs, der lieber anonym bleiben möchte. Er erhielt subsidiären Schutz, weil ihm im Falle einer Rückkehr in sein Heimatland Gefahr drohen würde. Nach Tschechien kam er per Flugzeug. „Die erste Woche war ich in einem Aufnahmezentrum in der Stadt Zastávka u Brna. Dann haben sie mich für zweieinhalb Monate nach Havířov geschickt. Dort habe ich auf die Entscheidung über meinen Schutzstatus gewartet“, beschreibt er seine Ankunft.“Es war eine harte Erfahrung, aber man hat mir geholfen. Daher erinnere ich mich auf positive Weise daran.“

Der dritte Stopp auf seiner Reise durch Tschechien war ein Interationszentrum in Jaroměř. Auch seine Frau und Tochter trafen dort ein. „Wir haben in dem Flüchtlingszentrum gelebt und die tschechische Sprache erlernt. Die Mitarbeiter vor Ort waren sehr freundlich wie auch die Beamten in Zastávka u Brna und die Polizeikräfte.“

„Für uns ist es besser, lieber nicht an die Rückkehr nach Syrien zu denken. Wir haben unser Haus verloren, unsere Arbeit – alles. Jetzt müssen wir uns auf unser Leben in Tschechien konzentrieren“, so der Flüchtling. Seine gesamte Familie, auch seine Eltern und sein Bruder, leben in der Tschechischen Republik. „Wir bauen uns hier ein neues Leben auf. Ich habe eine Arbeit gefunden. Jetzt sind wir nach Prag gezogen und fangen an, wieder wie normale Leute zu leben“, erklärt er mit einem Lächeln im Gesicht.

Der Ingenieur mit Uniabschluss arbeitet inzwischen als Mechaniker in einer Fabrik für Autoteile. Trotz der harten Arbeitsbedingungen ist er dankbar. Dennoch träumt er von einem Job, bei dem er sein Fachwissen anwenden kann.

Hass gegen Araber

Nicht alle Geschichten klingen derart positiv. Die tschechische Gesellschaft tute sich schwer mit der Integration von Arabern, betont Nováková. Das bekämen vor allem Frauen mit Kopftuch zu spüren. „Es ist nur selbstverständlich, dass es einen schlechten Einfluss auf den Integrationsprozess hat, wenn sich Frauen oder Familien nicht willkommen fühlen“, meint die Mitarbeiterin der NGO.

Immer häufiger komme es zu Angriffen auf arabischstämmige Menschen, warnt Marek Čaněk vom Mulicultural Centre in Prag. Dahinter stecken ihm zufolge nicht etwa radikalisierte Menschen, sondern ganz normale Tschechen, die glauben, sie könnten jeden beleidigen, der anders aussehe. „Darin spiegelt sich die Rhetorik der Medien und Politiker wider, die der Ansicht sind, der Islam sei eine Bedrohung“, fügt er hinzu.

Das bestätigt auch der Politikwissenschaftler Milan Znoj, der an der Charles Universität in Prag unterrichtet. „Es gibt nur wenige bürgerrechtliche Initiativen, wenige Journalisten und Intellektuelle oder Politiker, die sich gegen diese Woge an Muslimfeindlichkeit stellen.“ Die meisten Politiker setzen eher auf Fremdenhass, um sich selbst politisch einen Vorteil zu verschaffen, kritisiert er.

Tschechische Integration

Im vergangenen Jahr beantragten in Tschechien 1.475 Menschen internationalen Schutz. Die Regierung des Landes gewährte 148 von ihnen Asyl und 302 subsidiären Schutz. Die Antragsteller und diejenigen, die ihren Schutzstatus bewilligt bekommen haben, können die Einrichtungen des Flüchtlingsverwaltungsamtes des Innenministeriums (SUZ) nutzen. An den Aufnahme- und Unterkunftszentren können sie Tschechisch lernen, Sport treiben oder künstlerisch tätig werden.

„Die Arbeit mit den Besuchern basiert auf gegenseitigem Vertrauen“, bekräftigt Kateřina Tomanová vom SUZ. „Man kann nur dann erfolgreich zusammenarbeiten, wenn beide Seiten das auch wollen.“ Sprachbarrieren können dank der Arbeit von Sozialarbeitern und Dolmetschern überwunden werden.

Das Innenministerium leitet eine besondere Einrichtung für Einwanderer, die nicht in Tschechien bleiben möchten oder auf ihre Ausweisung warten. „In den Auffanglagern müssen wir den Menschen ihre Situation erklären und für ausreichend Freizeitbeschäftigung sorgen“, so Tomanová. Vor der Flüchtlingskrise gab es in Tschechien nur ein einziges solches Zentrum in Bělá-Jezová. Jetzt sind es drei. Das erste wurde in eine Einrichtung umgewandelt, die sich auf besonders schutzbedürftige Flüchtlinge spezialisiert, insbesondere Familien mit Kindern und Frauen. Darüber hinaus gibt es zwei Aufnahmezentren und zwei Unterkunftseinrichtungen für Asylbewerber. Das SUZ leitet außerdem vier Integrationszentren, in denen die Flüchtlinge lernen, Tschechisch zu sprechen und einen Arbeitsplatz sowie eine Wohnung zu finden.

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