Metastasierter Brustkrebs: „Den Wahrnehmungs-Graben schließen“

MEP Karin Kadenbach: „Es ist wichtig, das Thema metastasierter Brustkrebs weiter auf der politischen Agenda zu behalten.” [Steve Snodgrass/Flickr]

Dieser Bericht ist Teil unserer Artikelserie zum Thema metastasierter Brustkrebs

Die rosa Schleife und der Brustkrebsmonat Oktober haben dazu beigetragen, dass das Bewusstsein für die Erkrankung gestiegen ist und mehr Frauen zur Vorsorgeuntersuchung gehen.

Dennoch tötet Brustkrebs jährlich 90.000 Frauen in der EU, und gerade im fortgeschrittenen Stadium ist wenig darüber bekannt, wie den Patientinnen das Leben erleichtert werden kann. Die Entwicklung und Umsetzung einer klaren Richtlinie gegen metastasierten Brustkrebs ist notwendig, um die Todesrate zu verringern.

Brustkrebs ist die am häufigsten auftretende Krebserkrankung bei Frauen weltweit – und nach Lungenkrebs die zweithäufigste insgesamt. Dabei hat Westeuropa die höchste Rate an Brustkrebsfällen in der Welt.

Im Jahr 2014 starben 93.490 Menschen in Europa durch Brustkrebs. 16 Prozent dieser Todesfälle waren in Deutschland, gefolgt von Frankreich, Italien und Großbritannien (alle ca. 12 Prozent).

Brustkrebs entsteht durch Veränderungen des Brustgewebes aufgrund von Genmutationen. Wenn diese mutierten, schädlichen Zellen sich auf andere Teile des Körpers ausbreiten, beispielsweise auf die Knochen, Lungen, Leber oder Gehirn, wird der Krebs als „metastasierend“ eingestuft. Dies ist die fortgeschrittenste Stufe der Krankheit.

Metastasen sind der Hauptgrund für den Tod durch Brustkrebs. Jedes Jahr fallen dieser Krebsart eine halbe Millionen Frauen weltweit zum Opfer. Bei fast jeder Dritten mit Brustkrebs diagnostizierten Patientin entwickeln sich im Verlauf der Krankheit Metastasen. Darüber hinaus bedfindet sich bei jeder Zehnten die Krankheit zum Zeitpunkt der Diagnose bereits im fortgeschrittenen Stadium. In diesen Fällen stehen die Überlebenschancen bei weniger als eins zu fünf.

https://www.euractiv.de/section/gesundheit-und-verbraucherschutz/news/andriukaitis-zu-viele-menschen-in-der-eu-verlieren-voellig-unnoetig-ihr-leben/

EU-Initiativen gegen Brustkrebs

Seit den Anfängen in den 1990er-Jahren hat die Bewegung gegen Brustkrebs erfolgreich Bewusstsein für die Erkrankung geschaffen und für Prävention und Früherkennung geworben. Sie weist vor allem darauf hin, dass es eine 99-prozentige Überlebenschance gibt, wenn der Brustkrebs frühzeitig erkannt wird. Nach jahrelanger Kampagnenführung ist das Thema inzwischen auch bei den Gesetzgebern präsent.

Im Jahr 2003 nahm das Europäische Parlament einen ersten Bericht über Brustkrebs an und rief darin zu wirksamen Maßnahmen zur Prävention auf. Außerdem wurden die Mitgliedstaaten aufgefordert, „allen Frauen zwischen 50 und mindestens 69 Jahren ein den europäischen Leitlinien entsprechendes Mammographie-Screening im Abstand von zwei Jahren anzubieten.“

2006 folgte dann ein Entschließungsantrag, mit dem die EU-Staaten dazu aufgerufen wurden, die vereinbarten Richtlinien umzusetzen. Außerdem sollte die Kommission weitere Forschung finanziell unterstützen. Mit einer weiteren Erklärung im Jahr 2010 versuchte das Parlament, den Druck auf die Mitgliedstaaten aufrecht zu  erhalten und eine Umsetzung der nationalen Ziele zu beschleunigen.

Vor allem sollte sichergestellt werden, dass die große Mehrheit der Frauen Zugang zu Brustkrebs-Vorsorgeuntersuchungen hat. Laut eines aktuellen Berichts von Mai 2017, laufen derzeit in 25 der 28 EU-Länder (mit Ausnahme von Griechenland, Bulgarien und der Slowakei) landesweite Screening-Programme, oder sie werden zumindest getestet. Damit werden rund 95 Prozent der Zielgruppe abgedeckt und rund 50 Prozent der anvisierten Frauen untersucht.

Der Wille der Frauen, an solchen Vorsorgeprojekten teilzunehmen, variiert allerdings innerhalb der Union stark: Den höchsten Teilnahmewert erreicht Dänemark (83,5 Prozent); den niedrigsten der französischsprachige Teil Belgiens (6,2 Prozent).

Lediglich acht EU-Länder erreichen den als „akzeptables Level“ angesehenen Wert von 70 Prozent. Im Vergleich zum ersten Report im Jahr 2007 lässt sich somit zwar erheblicher Fortschritt feststellen, die Ausdehnung der und Teilnahme an den Vorsorgeprojekten kann aber noch deutlich verbessert werden.

EU-Politiker wollen bessere Versorgung für Brustkrebspatientinnen

Metastasierter Brustkrebs tötet jedes Jahr eine halbe Million Frauen. Europaparlamentarier haben daher neue Politik-Initiativen gefordert.

Unterschiedliche Wahrnehmung

Trotz der großen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern haben die Kampagnen gegen Brustkrebs es geschafft, das Vorsorge-Bewusstsein zu erhöhen. Die rosa Schleife wird inzwischen auch mit der hoffnungsfrohen Botschaft, dass Brustkrebs eine heilbare Krankheit ist, in Verbindung gebracht.

Allerdings ist für Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs (MBK) diese Erfahrung leider eine andere. Die Überlebenschancen von MBK-Erkrankten haben sich kaum verbessert und auch die Maßnahmen für verbesserte Lebensqualität der Patientinnen halten sich in Grenzen, heißt es in einem aktuellen Bericht, der die  Situation zwischen 2005 und 2015 vergleicht.

Demnach dauerte es sehr lange, bis MBK das erste Mal von einer europäischen Institution thematisiert wurde: Erst 2015 riefen EU-Parlamentarier den Europäischen Rat und die Kommission zu Maßnahmen auf und argumentierten, dass MBK-Patientinnen leichteren Zugang zu zugelassenen, medizinisch spezialisierten Brustkrebs-Einrichtungen haben sollten.

Parallel zur Forderung des Parlaments startete die Initiative der Europäischen Kommission zu Brustkrebs (ECIBC), mit der wissenschaftsbasierte Richtlinien zur Vorsorge und Erkennung/Diagnose von Brustkrebs erarbeitet sowie die Best Practices in der Behandlung, Genesung, Wiedereingliederung und Palliativversorgung gefunden werden.

In Reaktion auf eine öffentliche Anhörung, nach der es spezielle Pflegeansätze und Lösungen für MBK geben sollte, hat die ECIBC angekündigt, entsprechende Richtlinien mit Fokus auf MBK-Patientinnen vorzulegen.

Die österreichische EU-Parlamentarierin Karin Kadenbach (S&D-Fraktion), die MItglied des Gesundheitsausschusses ENVI ist, sagte gegenüber EURACTIV: „In den vergangenen Jahren hat die EU sehr großen Fortschritt im Kampf gegen Krebs gemacht.“

Sie stellte vor allem die Rolle des Parlaments heraus: „Das Europäische Parlament hat diesen Fortschritt mit diversen Entschließungen und Mitteilungen unterstützt; zuletzt im Jahr 2015, als auch metastasierter Brustkrebs explizit angesprochen wurde. Es ist aber wichtig, das Thema metastasierter Brustkrebs weiter auf der politischen Agenda zu behalten.”

Es sei dringend notwendig, den „Wahrnehmungs-Graben zwischen dem öffentlichen Verständnis und der Erfahrungen der Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs zu schließen“. Kadenbach erklärte weiter: „Die Bedürfnisse von Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs unterscheiden sich sehr von Krebserkrankten, bei denen der Brustkrebs noch im Anfangsstadium ist. Diese Unterschiede müssen von den Gesetzgebern konsequent angesprochen werden.“

Sie schloss: “Die EU-Institutionen müssen sicherstellen, dass die Bedürfnisse von MBK-Patientinnen in den aktuellen Initiativen, beispielsweise in der ECIBC der Kommission, abgebildet werden. Darüber hinaus müssen für die Mitgliedstaaten weitere Anreize geschaffen werden, dass sie die notwendigen politischen Maßnahmen ergreifen, um die Situation von MBK-Patientinnen zu verbessern.“