Mehr Unruhen im Jahr 2019; weitere Steigerung denkbar

Demonstrierende der Bewegung "Gilets Jaunes" (Gelbwesten) während einer Demonstration am 9. November 2019 im französischen Montpellier. [EPA-EFE/GUILLAUME HORCAJUELO]

Zivile Unruhen haben sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt: Bürgerinnen und Bürger protestieren offenbar verstärkt gegen diverse Themen, von ökonomischer Not über Polizeibrutalität hin zu politischer Instabilität, so der Global Peace Index 2019. Diese Entwicklung könnte durch die COVID-19-Pandemie verstärkt werden.

„Der durch die aktuelle Pandemie verursachte wirtschaftliche Abschwung wird sich [auf diese Entwicklung] auswirken, und wir erwarten eine Zunahme der Demonstrationen, insbesondere in Europa,“ so Steve Killelea, Gründer des Instituts für Wirtschaft und Frieden (IEP), das den Index jährlich veröffentlicht, gegenüber EURACTIV.com.

Gewalttätige Ausschreitungen („Riots“) haben weltweit im letzten Jahrzehnt um 282 Prozent und die Streiks gar um 821 Prozent zugenommen. Im Laufe des Jahres 2019 habe es in 58 Prozent der untersuchten Länder gewalttätige Proteste gegeben – eine Entwicklung, die nach Ansicht des IEP „einen längerfristigen Trend widerspiegelt“.

Die meisten Proteste und Streiks gab es in Europa – allerdings wurden auf dem Kontinent „nur“ 35 Prozent der insgesamt rund 1.600 Aktionen als gewaltsam eingestuft. Das ist weltweit der niedrigste Prozentsatz.

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Dem IEP zufolge werden die Spannungen global wohl weiter zunehmen, da die COVID-19-Pandemie die politische Stabilität negativ beeinflussen und die über Jahre aufgebaute sozioökonomischen Entwicklung zunichte machen könnte. Es sei zu erwarten, dass die Gesellschaften zunehmend polarisiert werden.

„In Europa wird mit zunehmender politischer Instabilität gerechnet, wobei Unruhen und Generalstreiks zunehmen werden,“ so die Forscherinnen und Forscher. Sie identifizieren die wirtschaftlichen Auswirkungen der Lockdowns als eine erhebliche Bedrohung für den Frieden.

„Es ist wahrscheinlich, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 die Spannungen verstärken werden, indem sie die Arbeitslosigkeit erhöhen, die Ungleichheit vergrößern und die Arbeitsbedingungen verschlechtern – was zu einer Entfremdung vom politischen System und zu zunehmenden zivilen Unruhen führen wird. Wir befinden uns daher an einem kritischen Punkt,“ sagt auch Killelea.

Dem Bericht zufolge gehören Italien, Griechenland, Lettland und Polen zu den EU-Ländern, in denen die Wahrscheinlichkeit am geringsten ist, dass sie die Pandemie wirtschaftlich gut überstehen werden. Es gebe massive wirtschaftliche Herausforderungen und ein schwaches Abschneiden im Bereich „soziale Widerstandsfähigkeit“, so Killelea.

Auf Nachfrage von EURACTIV, ob die Reaktion der EU auf die Krise ausreichen werde, um soziale Unruhen in Zukunft abzuschwächen, erklärt Killelea, dies sei „eher unwahrscheinlich“.

Frieden, Militarisierung und Terrorismus

Insgesamt ist Island nach wie vor das friedlichste Land der Welt, eine Position, die es seit 2008 innehat. Darauf folgen Neuseeland, Österreich, Portugal und Dänemark. Am anderen Ende der Skala bleibt Afghanistan das am wenigsten friedliche Land, gefolgt von Syrien, dem Irak und dem Südsudan.

Die größte Verbesserung in Bezug auf „Friedlichkeit“ (peacefulness) ist indes in Russland und der Region Eurasien zu verzeichnen, wobei Armenien mit einem Sprung um 15 Plätze im Index die größte Verbesserung aller Länder aufweist.

Deutsche Militärausgaben um knapp 50 Milliarden Euro gestiegen

Die Militärausgaben in Deutschland und vielen anderen Ländern sind deutlich gestiegen: Weltweit gaben Staaten 2019 rund 1,92 Billionen Dollar (1,78 Billionen Euro) für Rüstung aus. Deutschland verzeichnet den größten Anstieg in Europa.

Trotz der allgemeinen Verschlechterung des Friedens haben mehr als 100 Länder seit 2008 ihre Militärausgaben reduziert.

Eine Handvoll Großmächte hat jedoch ihre Investitionen derart ausgebaut, dass die globalen Militärausgaben laut der jüngsten Umfrage des schwedischen Friedensforschungsinstituts (SIPRI) 2019 den größten Anstieg seit zehn Jahren verzeichnen.

Gleichzeitig ist die Zahl der Länder, die Waffen importieren und exportieren, auf das niedrigste Niveau seit 2009 gesunken.

Entwicklung und wirtschaftliche Kosten

Es ist desweiteren zu erwarten, dass die Kürzungen der internationalen Entwicklungsunterstützung zur weiteren Destabilisierung fragiler und von Konflikten betroffener Länder wie Liberia, Afghanistan und dem Südsudan beitragen werden.

Während sich die wirtschaftlichen Auswirkungen der Gewalt im letzten Jahr aufgrund der relativ geringeren Intensität und der geringeren Zahl der durch Konflikte verursachten Todesfälle verbessert haben, kostete die Gewalt die Weltwirtschaft 14,5 Billionen US-Dollar (10,6 Prozent des globalen BIP).

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Die Zahl der durch Terrorismus verursachten Todesopfer ging derweil im vierten Jahr in Folge zurück; von einem Höchststand von 33.555 Opfern im Jahr 2015 um insgesamt 75 Prozent auf knapp über 8.000 im Jahr 2019.

Umwelteinflüsse

Auch die Umwelt dürfte Einfluss auf die globale Protest- und Friedensentwicklung haben. Während sich die Zahl der Naturkatastrophen in den vergangenen vier Jahrzehnten verdreifacht hat, geht aus dem „Umweltbedrohungsregister“ (Ecological Threat Register) des IEP hervor, dass bis 2050 27 Prozent der Länder mit extremem Wassermangel und 22 Prozent mit Ernährungsunsicherheit konfrontiert sein werden.

„Wir gehen davon aus, dass aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie die Probleme im Bereich Ernährungssicherheit in den fragileren Ländern das System erschüttern werden – was wiederum zu vermehrten Unruhen führen wird, die an einigen Orten mit Konflikten einhergehen,“ erwartet Killelea.

Im Jahr 2019 lebten schätzungsweise 2,26 Milliarden Menschen in Gebieten mit hoher oder sehr hoher Exposition gegenüber Klimagefahren, davon 1,24 Milliarden in Ländern, die ohnehin bereits ein niedriges Friedensniveau aufweisen.

Laut Schätzungen könnte es aufgrund des Klimawandels darüber hinaus im Jahr 2050 weltweit bis zu 143 Millionen zusätzliche „Klimamigranten“ geben, insbesondere im Afrika südlich der Sahara sowie in Südasien und Lateinamerika.

[Bearbeitet von Benjamin Fox und Tim Steins]

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