Marija Gabriel: Den digitalen Gender Gap überwinden

Digitalkommissarin Marija Gabriel. [Martens Centre]

Die für die digitale Wirtschaft zuständige EU-Kommissarin Marija Gabriel hat sich am Dienstag auf einer vom Martens Centre in Brüssel organisierten Konferenz zur Geschlechtergleichstellung für eine „gemeinsame Antwort“ auf den Gender Gap im Digitalbereich ausgesprochen.

Die Gleichstellung der Geschlechter sei einer der Grundwerte der EU, und doch noch lange nicht erreicht, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt.

„Trotz der Tatsache, dass wir im Jahr 2019 leben, ist die Frage nach der Rolle von Frauen in einer von Männern dominierten Welt immer noch relevant. Und ich würde sagen: Sie muss dringend angegangen werden,“ sagte Gabriel dem Publikum.

„Die Zukunft Europas, sowohl unserer Wirtschaft als auch unserer Gesellschaft, ist digital,“ so die Kommissarin weiter. Doch die digitale Welt sei immer noch „größtenteils eine Männerdomäne, in der Frauen unterrepräsentiert sind und es ihnen schwer fällt, ihren Platz zu finden.“

Europas langer Weg zur Gleichstellung

Die EU-Kommission betont in einer gemeinsamen Erklärung anlässlich des Weltfrauentags die Gleichstellung von Frauen und Männern als Grundwert der EU.

Die Digitalisierung habe erhebliche Auswirkungen auf das Leben der Bürger und Unternehmen. Dieser Prozess biete jedoch „viel mehr Chancen als Risiken – wenn es uns gelingt, ihn zu nutzen. Wir müssen [die Digitalisierung] in den Dienst unserer Bürger stellen und sicherstellen, dass unsere Werte und Prinzipien respektiert werden,“ erklärte Gabriel. Dies sei insbesondere für Frauen wichtig, die im IT- und Digitalbereich nun einmal deutlich unterrepräsentiert seien.

Deutlicher Digital Gender Gap

Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) warnte in einem kürzlich erschienenen Bericht, Hindernisse beim Zugang zu Bildung und Qualifikationen sowie soziokulturelle Verzerrungen und Stereotype seien für die „digitale Geschlechterdisparität“ verantwortlich. Dadurch würde die Beteiligung von Frauen an der digitalen Wirtschaft eingeschränkt.

Laut einer Studie des Europäischen Parlaments zeigen Mädchen und Jungen in jungem Alter ein ähnliches Interesse an IT- und Kommunikationsthemen (IKT), während nur 9,6 Prozent der weiblichen Studierenden im Hochschulbereich IKT-bezogene Abschlüsse anstreben – verglichen mit 30,6 Prozent unter Männern.

Die Studie weist ebenfalls darauf hin, dass diese Unterschiede in erster Linie auf Geschlechterstereotypen zurückzuführen seien, die sowohl zu Hause als auch in der Schule reproduziert werden. Darüber hinaus fehle es an Vorbildern für Mädchen. Kommissarin Gabriel erklärte, sie stimme dieser Einschätzung voll und ganz zu.

Europas Frauen verdienten 16,3 Prozent weniger

Morgen begeht die EU den Tag der Lohngleichheit – die verbleibenden beiden Monate des Kalenderjahres arbeiten Frauen gratis. Ihre männlichen Kollegen haben jetzt schon so viel eingenommen, wie die Frauen bis zum Jahresende.

Die Kluft manifestiert sich auch auf dem Arbeitsmarkt: Nach Angaben der EU-Kommission sind nur 32 Prozent der Beschäftigten im ITK-Bereich Frauen. Darüber hinaus sind Frauen in der Branche vor allem in Niedriglohnberufen tätig und machen nur 19,2 Prozent der Führungspositionen aus – eine viel schlechtere Quote als in anderen Bereichen.

Auch die Abbrecherquote sei in diesem Wirtschaftsfeld auffällig: „Frauen, die im digitalen Sektor arbeiten, tendieren dazu, ihn schneller wieder zu verlassen als Männer,“ sagte Gabriel. Dies gelte insbesondere für Fachkräfte im Alter von 30-40 Jahren.

Nach Angaben der Kommission kostet dies die Digitalindustrie rund 16 Milliarden Euro:  „Das kann sich Europa nicht leisten,“ so Gabirel. „Wir machen etwas falsch,“ gab die Kommissarin zu bedenken. Sie fügte allerdings hinzu, dies sei „noch keine Katastrophe. Es ist nicht zu spät, um Maßnahmen zu ergreifen“.

Geschlechtsspezifische Gewalt, das Lohn- und das Rentengefälle sowie die Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt seien weiterhin relevante Debatten für alle europäischen Bürger, betonte sie abschließend: „Es liegt in unseren Händen, eine konkrete Antwort auf sie zu geben.“

Kommission wird aktiv

„Als ich mein Amt antrat, war eine meiner ersten Fragen, ob es eine europäische Strategie für mehr Frauen in der digitalen Wirtschaft gibt,“ erinnerte Gabriel sich. Die Antwort habe „nein“ gelautet.

Im März vergangenen Jahres stellte Gabriel dann am Tag der Frauenrechte eine entsprechende Strategie vor. Die Ziele des Aktionsplans sind die Infragestellung von Stereotypen, die Förderung digitaler Fähigkeiten/Qualifikationen und Bildung sowie verstärkte Unterstützung für Unternehmerinnen.

Darüber hinaus hat die Kommission das „Women in Digital Scoreboard“ ins Leben gerufen, um die spezifische Situation in den verschiedenen EU-Mitgliedstaaten besser zu verstehen. Der Index bewertet die Leistungen der EU-Länder in diesem Bereich und bietet so eine Grundlage für die Kommission, um Handlungsempfehlungen zu geben.

Noch zwei Jahrhunderte bis zur Geschlechtergleichheit

Bei der aktuellen Geschwindigkeit der Verringerung von Unterschieden würde es noch 202 Jahre dauern, bis wirtschaftliche Parität zwischen Frauen und Männern erreicht wird.

Um die Repräsentation von Frauen in der Digitalwirtschaft insgesamt zu verbessern, hat die Kommission außerdem eine Erklärung abgegeben, in der sie die Unternehmen ermutigt, Maßnahmen zur Beseitigung des digitalen Gender Gaps zu ergreifen. Nun will Brüssel Folgemaßnahmen verabschieden, um sicherzustellen, dass die Unternehmen sich verpflichten, diese Lücke zu schließen.

Kommissarin Gabriel hat darüber hinaus auch eine Debatte auf Ministerebene darüber eingeleitet, wie die Präsenz von Mädchen und jungen Frauen in der Technikbranche verstärkt werden kann. Im März findet eine informelle EU-Ratssitzung zu diesem Thema statt. „Nur gemeinsam können wir die Situation der Frauen im Digitalbereich ändern“, betonte die Digitalkommissarin.

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