Jugendlichen wird oft Politikverdrossenheit unterstellt, obwohl sie im Grunde nur das Verhalten der Erwachsenen kopieren. Speziell EU-Politik erscheint den meisten Jugendlichen zu weit entfernt von ihrer eigenen Lebenswelt. Jugendgerechte europapolitische Kommunikation, Bildung und Beteiligung führen zu Identifikation mit der EU und zu Vertrauen in ihre Akteure. Daten, Fakten, Hintergründe.
Die Autorin
Ayaan Hussein, Jahrgang 1986, MA Europäische Kultur und Wirtschaft in Bochum, BA Mehrsprachige Kommunikation in Köln. Seit Juli 2012 Pressesprecherin der Stiftung für Zukunftsfragen.
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"Sage es mir, und ich werde es vergessen.
Zeige es mir, und ich werde mich daran erinnern.
Beteilige mich, und ich werde es verstehen."
Lao Tse (6. Jh. v. Chr.)
Aktuelle Daten
Europa ist in, Politik ist out. Zu diesem Ergebnis kommt die 16. Shell-Jugendstudie und diagnostiziert bei der Jugend in Deutschland gleichzeitig Politikverdrossenheit und Misstrauen gegen politische Institutionen. Doch nicht nur das Interesse, auch das Vertrauen der Jugendlichen in die politischen Parteien und in die nationale wie internationale Politik ist sehr gering: 63,6 Prozent der Jugendlichen vertrauen Politikern nicht und trauen ihnen nicht zu, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Die Shell-Jugendstudie befragt seit vielen Jahren Jugendliche zu ihren Interessen; während 1984 noch 55 Prozent der Jugendlichen ein Interesse an Politik bekundeten, waren es 1999 nur noch 43 Prozent, und 2002 erreichte das Interesse an Politik seinen bisherigen Tiefpunkt mit 34 Prozent.
Das schwindende Interesse Jugendlicher an Politik wird von Öffentlichkeit und Wissenschaft gleichermaßen beklagt. Im europäischen Vergleich jammert Deutschland jedoch auf hohem Niveau: Die Bundesrepublik gehört immer noch zu den Ländern mit den höchsten Jungwählerquoten.
Das Interesse der Jugendlichen an Politik wird spätestens zu Wahlen immer wieder intensiv diskutiert. Die Zukunft der Demokratie stehe auf dem Spiel[1], da die Beteiligung an Wahlen für eine repräsentativ verfasste Demokratie unerlässlich sei. Schenkt man den Debatten der letzten Jahre Glauben, so scheint die Zukunft unserer Gesellschaft tatsächlich gefährdet zu sein.
Kritik an undurchsichtigem Apparat
In den letzten 40 Jahren ist das Interesse der Jugendlichen an Politik stetig gesunken. Von der EU haben die meisten Jugendlichen ein durchaus positives Bild, mit dem sie positive Errungenschaften im öffentlichen Leben verknüpfen. 59 Prozent der Jugendlichen in Europa erachten die EU-Mitgliedschaft ihres Landes als etwas Gutes. Kritisch bewertet werden hingegen die Undurchsichtigkeit des Politikapparats und die geringen Partizipationsmöglichkeiten für Jugendliche.
Entsprechend gering ist das Interesse der Jugendlichen an europäischer Politik. Bei einer Umfrage des Eurobarometers im Auftrag des Europäischen Parlaments im Jahr 2008 gaben 54 Prozent der Jugendlichen an, sich für die Europawahl nicht zu interessieren. Nur 13 Prozent der Befragten konnten überhaupt das Jahr der nächsten Europawahl nennen, und 20 Prozent äußerten sogar, sie wollten auf gar keinen Fall wählen gehen.
Bedeutung politischen Interesses bei Jugendlichen
Politisches Interesse ist aus verschiedenen Gründen wichtig: Erstens ist es eine zwingende Voraussetzung dafür, dass junge Erwachsene eine politische Identität entwickeln, die wiederum von großer Bedeutung für die Entwicklung einer europäischen Identität und einer europäischen Bürgerschaft ist.
Eng mit politischem Interesse verknüpft ist, zweitens, die politische Partizipation. Diese kann nur stattfinden, wenn politisches Interesse existiert. Insbesondere die Beteiligung an Wahlen stellt eine Form der politischen Partizipation dar, die mit der Aufrechterhaltung demokratischer Strukturen unmittelbar zusammenhängt. Für Jugendliche sind die Möglichkeiten politischer Partizipation allerdings aufgrund ihres Alters limitiert. (So ist die Teilnahme an der Europawahl erst ab dem 18. Lebensjahr erlaubt.)
Von Protest bis Internet
Interesse an EU-Politik äußert sich aber durch weit mehr als nur die Teilnahme an den Europawahlen: Zum einen durch die aktive politische Partizipation, welche von der parteibezogenen Partizipation über Protestaktivitäten bis hin zur Beteiligung an neuen sozialen Bewegungen und politischen Internetbewegungen reicht. Zum anderen durch das passive, aber selbstständige, Informieren und Verfolgen der EU-Politik.
Interesse setzt die Möglichkeit aktiver Teilhabe voraus, denn man entwickelt nur selten Interesse für etwas, woran man nicht teilnehmen darf.[2] Umgekehrt erzeugt die Möglichkeit der Teilnahme jedoch nicht automatisch politisches Interesse und aktive politische Partizipation.
So haben Studien ergeben, dass das Interesse an Politik bei 18- bis 24-Jährigen nur unwesentlich höher ist als bei den unter 18-Jährigen. Es steigt zwar ab dem 16. Lebensjahr deutlich an, bleibt jedoch weit hinter dem Interesse Erwachsener an Politik zurück.[3]
Neben politischer Partizipation hängt auch politisches Wissen eng mit Interesse an Politik zusammen. "Die mit Abstand größte Bedeutung für das politische Wissen hat das Interesse an Politik"[4], diesen Zusammenhang belegen zahlreiche Untersuchungen zu Determinanten politischen Wissens.[5]
Gründe für das Desinteresse Jugendlicher an EU-Politik
Warum ist das Interesse an Politik und insbesondere an Politik auf europäischer Ebene so gering? Ist es schlicht Unwissenheit, die auf mangelnde Information über Europa und die Europäische Union zurückzuführen ist? Oder liegt es daran, dass Jugendliche in puncto Politik nicht richtig angesprochen werden? Entsteht durch zu wenig oder falsche Kommunikation eine Kluft zwischen Jugend und Politik, so dass Jugendliche sich nicht integriert fühlen? Können sie vielleicht keinen Bezug zwischen europäischer Politik und ihrer Lebenswelt herstellen?
Oder haben sie tatsächlich schlichtweg "keinen Bock auf Europa"?
Der "Jugend von heute" wird oftmals pauschal Politikverdrossenheit und Politikmüdigkeit unterstellt. Darum wurde geprüft, ob Jugendliche tatsächlich als politikverdrossen gelten können. Dafür wurden die für politisches Interesse maßgeblichen Bereiche politische Sozialisation, politische Bildung und politische Kommunikation genauer betrachtet und im Hinblick auf das Verhältnis deutscher Jugendlicher zur Europäischen Union analysiert.
Nicht mehr oder weniger politikverdrossen als Erwachsene
Erstes Ergebnis: Jugendliche sind nicht mehr oder weniger politikverdrossen als Erwachsene. Ihr Interesse an EU-Politik ist nicht besonders hoch, doch spiegelt es auch keine EU-Politikverdrossenheit wider. Dingen, über die sie wenig wissen und die ihnen weitgehend unbekannt sind, begegnen sie mit Desinteresse.
Politisches Desinteresse ist aber von Politikverdrossenheit abzugrenzen. Während Desinteresse hauptsächlich aus Unwissenheit resultiert, ist Politikverdrossenheit auf negative Erfahrungen mit politischen Prozessen zurückzuführen; die meisten Jugendlichen haben jedoch kaum eigene Erfahrungen mit europäischer Politik gemacht.
Von allgemeiner Politikverdrossenheit kann somit keine Rede sein. Ohne selbst entsprechende Erfahrungen gemacht zu haben, glaubt die Mehrheit der Jugendlichen, dass politische Partizipation nichts bewirkt.[6] Darum wird ihnen häufig Politikverdrossenheit unterstellt, obwohl sie im Grunde nur das Verhalten der Erwachsenen kopieren. Wenn aber persönliche Erfahrungen fehlen, bleibt die EU eine abstrakte Größe, die kaum anziehend wirkt.
EU-Politische Bildung und Kommunikation für Jugendliche
Da das Desinteresse deutscher Jugendlicher an EU-Politik größtenteils aus Unwissenheit resultiert, gilt es, das Wissen der Jugendlichen über politische Strukturen und Aufgaben der Europäischen Union ganz allgemein zu verbessern, um dadurch ein größeres Interesse zu wecken. Dies ist nicht nur eine Aufgabe der Schulen, sondern auch der Politik selbst.
Zahlreiche Beispiele belegen, dass Politik für Jugendliche durchaus ein spannendes Feld sein kann und bereits ist. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, sie zu integrieren und ihnen die Chance zu bieten, sich freiwillig einzubringen. Insbesondere die Beteiligung an punktuellen politischen Aktivitäten für eine Sache, die ihnen persönlich wichtig ist, erscheint Jugendlichen interessant und weckt ihr Interesse an politischem Engagement.
Trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen wird das politische Interesse von Jugendlichen stark durch Bildung, Schule und das Elternhaus bestimmt. Der Einfluss sozioökonomischer Merkmale und des familiären Hintergrunds auf das politische Interesse nimmt zwar aufgrund von Modernisierungs- und Individualisierungsprozessen mit dem Alter ab, dennoch bleiben sie signifikante Größen in der politischen Sozialisation und der Entwicklung einer politischen Identität.
In der Lebensphase, in der sich die politische Identität entwickelt, gibt es jedoch verschiedene andere Faktoren, die die Aufmerksamkeit der Jugendlichen auf sich ziehen und sie von der Teilhabe am politischen Leben ablenken.[7]
Jugendliche, die das wahlfähige Alter erreichen und dabei von der Familie getrennt sind, eignen sich nur selten eigenständig das Wissen an, das sie benötigen, um am politischen Leben teilzuhaben.[8] Daraus lässt sich ableiten, dass die fortschreitende Individualisierung und Anonymität unserer Gesellschaft die politische Zurückhaltung und die Enthaltung der Jugendlichen bei Wahlen fördert.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine Auseinandersetzung mit Politik, sowohl deutscher als auch europäischer, nicht erst mit dem Erreichen des wahlfähigen Alters beginnen darf und dass sie von allen Sozialisationsinstanzen gefördert werden muss.
Akteure in der EU-politischen Bildung Jugendlicher
Auch die Peergroup beeinflusst das politische Interesse. Sie bildet eine besondere Bezugsgruppe für Jugendliche im Prozess der gesellschaftlichen Sozialisation, die sich während der Pubertät von der Familie abgrenzen und versuchen, ihre eigene Identität zu finden. Die Peergroup kann einen erheblichen Einfluss auf die Identitätsentwicklung haben und somit auch auf die Entwicklung einer politischen Identität.
Die Europäische Union fördert die Jugend Europas in den unterschiedlichsten Bereichen durch gemeinschaftliche Aktionen, die von unmittelbarem Interesse für die Jugendlichen sind. Dazu zählen z.B. Aktionen, die die allgemeine und berufliche Bildung, die Beschäftigung sowie in jüngster Zeit den Zugang zu den Informationstechnologien betreffen (Vgl. Weißbuch der Europäischen Kommission 2001).
Konkrete Maßnahmen, die das Interesse und die Partizipation an der Europapolitik fördern, finden dagegen weniger statt. Die Bildung einer europäischen Identität wird nicht explizit verfolgt, es wird nur versucht, sie durch gemeinschaftliche europäische Aktionen indirekt zu fördern.
Randerscheinung im Schulunterricht
Wie bereits eingangs dargelegt, hängt politisches Interesse an der Europäischen Union stark vom politischen Wissen und somit der politischen Bildung ab. Die europapolitische Bildung an deutschen Schulen ist für umfassendes Wissen über die Europäische Union jedoch nicht ausreichend, da Europa im Politikunterricht oft nur eine Randerscheinung darstellt. Im Fach Politik spielt die Didaktik eine besondere Rolle. Politikunterricht in der Schule soll zu direktem, politischem Handeln befähigen und die Schüler zu mündigen Bürgern erziehen.
Neben der schulischen politischen Bildung ist auch außerschulische politische Jugendarbeit von Bedeutung. Diese bietet vielfältige Möglichkeiten, Jugendliche für politisches oder soziales Engagement zu begeistern. Wie Evaluationen entsprechender Maßnahmen zeigen, bewerten Jugendliche hier besonders die Zwanglosigkeit sowie die Möglichkeit, Inhalte mitzubestimmen, positiv.
Über Aktionen zu Themen der Europäischen Union oder Programme der EU äußerte sich die Mehrheit der Jugendlichen, die daran teilgenommen haben, im Anschluss sehr positiv. Die Teilnahme an solchen Programmen erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer Wahlteilnahme sowie das Wissen über die EU und ihre Akteure.
Fehlende Repräsentation und mangelnde Information führt zu allgemeiner Politikmüdigkeit bei den Jugendlichen. Politiker und Parteien versäumen es, auf die Bedürfnisse der jungen Wähler einzugehen oder diese zumindest konkret anzusprechen. Es konnte festgestellt werden, dass einer der Gründe für mangelndes Vertrauen in die Politik die unverständliche Sprache der Politiker ist.
Mangelndes Vertrauen führt zu Frustration
Mangelndes Vertrauen führt zwangsläufig zu Frustration und zur Abkehr von politischen Aktionen. Ineffektive Kommunikation seitens der EU und der Politiker konnte darüber hinaus als Erklärung für das geringe Interesse an Politik herangezogen werden.
Die Jugendlichen werden ihrer Meinung nach über politische Angelegenheiten unzureichend informiert. Es wurde herausgearbeitet, dass es den Jugendlichen nicht leichtfällt, die komplexen Zusammenhänge der Europapolitik zu verstehen. Eine zielgruppenspezifische Sprache sowie weitere alternative Medien wären für sie eine Hilfe.
EU-Politik erscheint den meisten Jugendlichen zu weit entfernt von ihrer eigenen Lebenswelt. Dennoch sind sie nicht generell politisch uninteressiert. Ihr Interesse fokussiert sich auf Bereiche ihrer eigenen Lebenswelt. In Bezug auf die Gestaltung ihres persönlichen und sozialen Umfelds sind sie sogar bereit, sich zu engagieren. Wichtig sind ihnen ungebundene und themenspezifische Möglichkeiten der Partizipation.
Dafür bieten sich durch das Internet und seine Möglichkeiten neue Chancen. Die politische Kommunikation muss sich weiter verändern, ebenso wie die Politik selbst.
Fazit
Alles in allem lässt sich festhalten, dass die Frage "Keinen Bock auf Europa?" mit Nein beantwortet werden kann. Das Interesse der deutschen Jugendlichen an Politik ist heute nicht anders als in den letzten Jahren, und ihre Einstellung zu Europa ist sogar durchaus positiv. Dies heißt jedoch nicht, dass das Verhältnis der Jugend zur Europapolitik unproblematisch wäre. Das Interesse an Politik im Allgemeinen war auch bei den heutigen Erwachsenen besorgniserregend niedrig und ist es immer noch.
Insofern muss die Wahlbeteiligung in der Gesamtbevölkerung erhöht werden, nicht nur die der Jugend. Darüber hinaus ist eine gesellschaftliche und politische Entwicklung zu verzeichnen, die die Kluft zwischen Bürgern und politischen Akteuren immer größer werden lässt.
Um dieser Entfremdung entgegenzuwirken, muss bei der Jugend angesetzt werden. Jugendgerechte europapolitische Kommunikation und Bildung können zu einer stärkeren Identifikation mit der Europäischen Union führen, deren Ansehen in der Bevölkerung steigern und das Vertrauen in ihre Institutionen und Akteure erhöhen. Die Entwicklung einer europäischen Identität ist für die Zukunft Europas entscheidend. Doch Umfragen und Studien deuten darauf hin, dass es noch ein langer Weg ist, bis die Menschen ihre nationale Identität gegen eine europäische Identität eintauschen.
Umso wichtiger ist es, die Jugendlichen früh an Europa heranzuführen, sie zu bilden, zu informieren und zu beteiligen.
[1] Abendschön, Simone und Sigrid Roßteutscher (2011): Jugend und Politik: Verliert die Demokratie ihren Nachwuchs? in Evelyn Bytzek und Sigrid Roßteutscher (Hrsg.): Der unbekannte Wähler? Mythen und Fakten über das Wahlverhalten der Deutschen, Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 52-71.
[2] Vgl. Pickel, Gerd (2002): Jugend und Politikverdrossenheit. Zwei politische Kulturen in Deutschland nach der Wiedervereinigung?, Opladen: Leske & Budrich, S. 152.
[3] Vgl. Shell Jugendstudie (2010) & Roller, Edeltraut und Jan van Deth u.a. (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 185-208.
[4] Schulz, Winfried (2008): Politische Kommunikation, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 169.
[5] Vgl. Ettema und Kline (1977), Garramone (1985), Schönbach und Eichhorn (1992), Sotirovic und McLeod (2004) in Schulz, Winfried (2008).
[6] Vgl. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (2011): Deutschland und Europa. Politische Partizipation, Heft 62, Stuttgart, S. 36.
[7] Vgl. Ellis, Andrew (2006): S. 27.
[8] Vgl. ebd. S. 29.

