Die Studenten Damian, Bernhard und Jan bereisen 20 Länder, reden mit den Jugendlichen und werfen mit ihrem Projekt Euroskop einen anderen Blick auf Europa. Für EURACTIV.de schreiben sie über den Spanier Nacho und den Griechen Gerasimos, deren Sorgen und Hoffnungen.
Nacho macht einen erschöpften Eindruck. Während der letzen sechs Monate hat der junge spanische Architekt in England, China und Frankreich gearbeitet. Seine Freunde sind in ganz Europa verteilt – nichts Ungewöhnliches in dieser Zeit, der schwersten Rezession seit der Franco–Diktatur. 23,6 Prozent Arbeitslosigkeit plagen das Land, unter den 15 bis 25-Jährigen ist es beinahe jeder Zweite. Nacho ist einer von vielen Universitätsabsolventen, die Spanien verlassen haben, um sich einen Job im Ausland zu suchen. Die Wahl ist recht simpel: Entweder du ziehst in reichere europäische Länder oder du bleibst zu hause, arbeitslos, bei den Eltern wohnend.
Die Krise trifft jeden, wirklich jeden
Drei Wochen später in Athen, das gleich Szenario. Gerasimos, ein junger Grieche sitzt mit seiner Freundin auf dem Syntagma-Platz. Ende letzten Jahres hat er hier mit Tausenden gegen die Sparpläne der Regierung protestiert. Gerasimos hat nach der Schule zwei Jahre lang in England gearbeitet, nun studiert er in Athen Ingenieurwesen. Obwohl er gute Noten hat und hervorragendes Englisch spricht, wird er nach dem Abschluss zurück nach England gehen, um Arbeit zu finden. Die Krise treffe jeden, wirklich jeden, meint er. Sein Vater verdiene als Pilot der Luftwaffe statt 1500 Euro nur noch 1400, so dass ihm seine Eltern nun auch 100 Euro weniger zum Studieren geben.
Junge Griechen richten ihre Hoffnungen auf Europa – und das in vielerlei Hinsicht. Sie erwarten sofortige Konjunkturunterstützung aus dem reichen Norden Europas, sowie mehr Vertrauen und Investitionen. Gleichzeitig wollen sie Jobs suchen und von der europäischen Freizügigkeit profitieren. Motivierte, gut ausgebildete Südeuropäer strömen ins Ausland.
Soziale Struktur tiefgreifend erschüttert
Sich in Europa frei bewegen zu können, stellt einerseits für viele junge Europäer eine Hoffnung dar. Andererseits verschlimmert der Brain-Drain-Effekt die Situation zu Hause. Denn wenn junge, gut ausgebildete Südeuropäer ins Ausland gehen, verlieren die Volkswirtschaften ihr wertvollstes Kapital. Zur kostenlosen Universität gehen die meisten noch im eigenen Land, dann verdienen sie ihr Geld für große Unternehmen im Ausland. Aber Spanien, Italien und Griechenland leiden nicht nur am Brain-Drain. Die Krise hat die soziale Struktur viel tiefgreifender erschüttert. Traditionell starke Familienbindungen werden gesprengt, die Jugend geht zum Geldverdienen ins Ausland, während den Großeltern die Pensionen gekürzt werden.
Erfolgreiche Odyssee für Nacho
Für Spanier wie Nacho ist es unüblich, alleine ins Ausland zu reisen geschweige denn sich dort niederzulassen. Die europäische Einigung hat das Leben der Menschen auf einem fundamentalen Level beeinflusst. Nachos Odyssee war erfolgreich. Nach mehreren Praktika hat er nun eine Festanstellung in einem Pariser Büro gefunden. Von all den Orten, die er in Europa bislang gesehen hat, gefällt ihm Paris am besten. Er genießt die entspannte, aber nicht allzu träge Atmosphäre der Stadt und macht täglich Fortschritte in Französisch.
Unterdessen wurde einigen seiner Freunde gekündigt, die nun daran denken, nach Madrid zurückzukehren. Sie sind verärgert, aber nicht demotiviert. Keiner von ihnen ist zum Euroskeptiker geworden. Dafür hat Spanien zu viel von der EU profitiert. Außerdem glauben sie, dass die Krise nur ein temporäres Phänomen ist. Die Vorzüge Europas haben sie schnell aufgezählt: frei reisen zu können, der gemeinsame Wirtschaftsraum, Erasmus. Sie sind Experten aller europäischer Fußballligen und über die letzten Merkel-Witze bestens informiert.
Mit Europa assoziieren sie auch die kritischen politischen Entscheidungen, die uns bevorstehen. Was heißt Solidarität über Ländergrenzen hinweg? War der Euro eine gute Entscheidung? Welche Regierung hat in Zukunft welche Kompetenzen? Es liegt in den Händen der jungen Generation, diese Herausforderungen anzupacken.
Halbzeit für Euroskop
Doch welche Bedeutung soll das alles für europäische Politiker haben? Zur Halbzeit des Reiseprojekts Euroskop (siehe unten) könnte man drei Kernthesen festhalten. Erstens ist es ein populistisches Argument von Euroskeptikern, den vermeintlich faulen Süden gegen die hartarbeitenden Nordeuropäer auszuspielen. Sowohl die britische als auch die spanische und griechische Jugend fühlt sich europäisch. Viele sind bereit, die Kosten zu tragen, die die Integration mit sich bringt.
Zweitens machen kleine Dinge den Unterschied. Wenn die EU eine beliebte Institution werden will, muss sie lernen, das Leben der Bürger auf einem greifbaren, alltäglichen Level zu verbessern. Roaming Gebühren zu senken und kompatible Steckdosen einzuführen sind verhältnismäßig simple Maßnahmen. Aber es sind genau diese Beispiele, die immer wieder genannt werden, wenn man nach den Vorteilen der Union fragt.
Drittens muss die institutionelle Struktur in Brüssel dringend entschlackt werden. Selbst politisch interessierte junge Europäer verlieren den Überblick und können Verantwortlichkeiten nicht länger zuordnen. Das macht sich auch daran bemerkbar, dass viele ihre Beschwerden und Wünsche an nationale Politiker adressieren statt Brüsseler Institutionen als Akteure zu identifizieren. Europa ist noch nicht genuin in der politischen Diskussion der Menschen angekommen.
Viele der Probleme lassen sich anpacken. Die mediale und politische Elite muss nun nur aufpassen, dass sie das Vertrauen der jungen Bevölkerung nicht verspielt. In Griechenland erstarken vor den Wahlen anti-europäische, nationalsozialistische und kommunistische Parteien. Es ist also Zeit, etwas zu unternehmen. Zeit für junge Visionen für Europa.
Damian Böselager, Bernhard Clemm, Jan Stöckmann (Euroskop)
Über Euroskop
Euroskop ist ein journalistisches Projekt, das einen anderen Blick auf Europa wirft. Während ihrer Reise durch 21 Länder sprechen die Studenten Damian, Bernhard und Jan mit jungen Europäern, die ihnen auf der Straße begegnen. Daneben führen sie Interviews mit Politikern und Wissenschaftlern. Sie bloggen auf euroskop.org.

