Jasmina Prpi? ist „Frau Europas 2012“

Die Frau Europas 2012 wurde in Banja Luka im Norden von Bosnien und Herzegowina geboren. Foto: Rade Nagraisalovi? (CC BY-SA 3.0)

Die Juristin Jasmina Prpi? erhält den „Preis Frauen Europas – Deutschland“ 2012. Seit vielen Jahren kämpft die 58-Jährige mit juristischen Mitteln für Frauenrechte auf der ganzen Welt. Mit dem Preis würdigt das Netzwerk Europäische Bewegung Deutschland (EBD) ihr Engagement als „Anwältin ohne Grenzen“.

" /Vorsitzende und Mitgründerin des Vereins "Anwälte ohne Grenzen e.V.", engagierte Bürgerin, Frauenrechtlerin, ausgebildete Juristin, ehemalige Richterin und Anwältin, Kellnerin, Putzfrau, Dolmetscherin, bis vor kurzem wieder Studentin und nicht zuletzt Ehefrau und Mutter. Jasmina Prpi? jongliert zwischen ihren Rollen, die vielfältiger nicht sein können. "Wir haben gerade ein neues Projekt zum Arabischen Frühling", sagt sie in ihrer Rolle als Anwältin ohne Grenzen. "Wir werden Frauen in Tunesien, Libyen und Ägypten dabei unterstützen, mehr Gleichberechtigung zu erlangen". Treffen zwischen ihrem Verein und Organisationen vor Ort sowie gemeinsame Diskussionen seien geplant. "Wir zeigen, wie der Weg in Deutschland ausgesehen hat. Schließlich war und ist es auch bei uns ein Kampf um Gleichberechtigung".

Hoch motiviert erzählt Prpi? von ihren Projekten. Da ist Begeisterung für die Teamarbeit, Überzeugung von gemeinsamen Zielen und die nötige Kreativität. "Unser Vereinslogo hat meine große Tochter entworfen und ein Informatikstudent hat mir gezeigt, wie man eine Internetseite anlegt und pflegt", sagt sie und lacht. Die Seite sei noch nicht perfekt, aber nehme Form an. Neben dem Eifer bleibt eine gewisse Nachdenklichkeit und Ernsthaftigkeit in Hinblick auf die oft ernüchternde Realität. Die Lage der Frauenrechte sei in einigen Ländern katastrophal, das könne einem schon zu schaffen machen.

1992 als Flüchtling nach Freiburg

Ihre Ausdauer scheint sie aus den eigenen Erfahrungen zu schöpfen. Prpi? wurde 1954 in Banja Luka, im heutigen Bosnien und Herzegovina, geboren und hat dort zehn Jahre als Richterin und zwei Jahre als Anwältin gearbeitet, bevor sie kurz vor Kriegsausbruch 1992 als Flüchtling nach Freiburg kam. "Da war erst mal völlige Ungewissheit", erinnert sie sich, "ich konnte kein Wort Deutsch, es gab noch keine Integrationskurse, Sprachkurse waren zu teuer und auch mein Studium wurde nicht anerkannt. Ich stand vor dem Nichts." Nur mit einem bisschen Glück habe sie an einem kostenlosen Deutschkurs teilnehmen können, der eigentlich ausschließlich für russische Spätaussiedler gedacht war. Dank der Stelle ihres Mannes als Maschinenbauingenieur hätten sie mit ihren beiden Töchtern ein Leben ohne Sozialhilfe führen können. Dennoch wollte Prpi? immer arbeiten. Mal als Putzfrau, als Kellnerin. "Ich war stolz, dass ich so weit mit der Sprache war, um einen Job zu finden".

Ein wenig Enttäuschung darüber, dass sie ihren Beruf nicht ausüben kann, schwingt trotzdem mit. Der Magisteraufbaustudiengang, den Prpi? an der Freiburger Universität in Jura gemacht hat, befähigt sie trotz des akademischen Grades LL.M. nicht dazu, in Deutschland als Anwältin zu arbeiten. Und doch habe ihr Leben wieder eine entscheidende Wende genommen, als Monika Hauser von der Organisation medica mondiale e.V. zufällig eine ihrer Seminararbeiten über "Vergewaltigung als Kriegsverbrechen gegen die Menschlichkeit" in die Hände bekam. Mit medica mondiale e.V. ging sie dann für drei Jahre in den Kosovo, um dort potenzielle Zeuginnen von Vergewaltigungsverbrechen zu begleiten und juristisch zu betreuen. Es sei eine harte Zeit gewesen. "Ich habe das Leben im Kosovo und die Stellung der Frau in der Gesellschaft kennen gelernt, eine völlig unbekannte Welt", sagt Jasmina Prpi?, "ich habe Dinge gesehen und erlebt, von Blutrache, über Bigamie, bis häusliche Gewalt". Um Prozesse gewinnen zu können, müssten die Frauen auf verschiedene Gerichtsprozesse vorbereitet werden. Organisationen, die eine solche juristische Hilfe anbieten, habe es nicht gegeben.

Daher die Idee, eine solche zu schaffen. Mit elf Kolleginnen hat Prpi? 2007 den Verein "Anwältinnen ohne Grenzen e.V." gegründet, mit dem sie über Frauenrechte aufklärt, Vorträge hält und Frauen juristisch unterstützt. Die Vereinsmitglieder sind, neben deutschen, auch Juristinnen verschiedener Herkunftsländer, die zum Großteil in Deutschland leben und über Kenntnisse verschiedener Rechtssysteme und Sprachen verfügen.

"Ich habe jahrelang nicht lachen können"

Die Erfahrungen sind an Jasmina Prpi? nicht spurlos vorbeigegangen. "Ich habe jahrelang nicht lachen können". Als sie 2004 in Bosnien Aussagen von vergewaltigten Frauen aufnehmen und an das Haagener Tribunal weitergeben sollte, musste sie am achten Tag mit hohem Fieber zurück nach Deutschland fliegen. "Was ich gesehen und gehört habe, hat mich ziemlich mitgenommen", sagt sie. Erst in der vergangenen Zeit habe sie gelernt, Abstand von den Geschichten zu nehmen. "Ich bin keine Psychologin. Klar ist immer Menschlichkeit dabei, aber ich muss die juristischen Mittel in den Vordergrund stellen". Das habe sie gestärkt. "Ich habe lange gebraucht, um das zu begreifen und wieder lachen zu können".

Heute scheint die selbstbewusste Frau ihre Kraft aus eben diesen Erfahrungen zu ziehen. Sie spricht einwandfreies Deutsch, arbeitet neben ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Dolmetscherin und hat viele Freunde in Freiburg, der Stadt, die ihre "Heimat" geworden ist. Obwohl sie ursprünglich zurück nach Bosnien gehen wollte und jahrelang dafür gekämpft hatte. Die neue Heimat sieht sie realistisch. "Lohngleichheit haben wir noch nicht und Männer dominieren die Chefetagen, wir haben noch viel zu tun." Und Frau Europas geworden zu sein, entlockt ihr ein freudiges Lachen.

Daniela Heimpel

Links


Netzwerk Europäische Bewegung Deutschland:
"Anwältin ohne Grenzen" ist Frau Europas 2012: Jasmina Prpi? (5. Juli 2012)

Anwältinnen ohne Grenzen e.V.: Website

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