Integration durch Sprache

Deutschkurse können ein Mittel sein, die räumliche und soziale Isolation von Geflüchteten zu durchbrechen. [Christian bruna/ epa]

Fünf Jahre ist es her, dass sich die Gründer von „Teachers on the Road“ zum ersten Mal auf den Weg in fünfzig Flüchtlingsheime in Rheinland-Pfalz und Hessen machten. Seitdem ist viel passiert – nicht immer zum Besseren.

Laut Deutschem Bildungsbericht 2016 entstanden durch die Zuwanderung von Schutz- und Asylsuchenden zusätzlicher Platz-, Personal- und Finanzierungsbedarf. Bis zu 3 Milliarden Euro mehr schätzen die Autoren des Bildungsberichts vor zwei Jahren, müssten deutschlandweit pro Jahr für die frühkindliche Bildung, Schule und Berufsausbildung ausgegeben werden.

Alle Asylbewerber können während der vorläufigen Unterbringung die deutsche Sprache erlernen. Für die Einrichtung entsprechender Deutschkurse ist die jeweilige Aufnahmebehörde zuständig. 

Deutschkurse werden bei „Teachers on the Road“ für alle frei angeboten.


Als sich die Gruppe um Timur Beygo, der bereits seit dem Gründungsjahr 2013 dabei ist und das Projekt  „Teachers on the Road“ inzwischen leitet, vor fünf Jahren die Situation in den Flüchtlingsheimen vor Ort anschaute, bekammen dort 
viele Geflüchtete überhaupt keinen Deutschunterricht oder nur nach monatelangem Warten einen Platz in einem offiziellen Deutschkurs.

Daran hat sich auch in den vergangenen Jahren nicht viel geändert, kritisieren Hilfsorganisationen wie regionale Integrationsbeauftragte gleichermaßen. Der Zugang zu offiziellen Kursen fehle für viele Flüchtlinge heute noch. Die Bereitstellung ausreichender Deutsch- und Alphabetisierungskurse sei nach wie vor problematisch. 

Integration als Angebot und Verpflichtung

Das wesentliche Instrument der Sprachförderung von Asylbewerbern  durch die öffentliche Hand ist der Integrationskurs. Bis November 2015 war Geduldeten und Personen, die sich noch im Asylverfahren befanden, die Teilnahme an einem Integrationskurs nicht möglich. Seit dem Inkrafttreten des Integrationsgesetzes im August 2016 ist die Teilnahme an den Kursen verbindlich und kann sanktioniert werden.

Teilnehmer enthalten eine Sprachförderung von in der Regel 600 Unterrichtseinheiten und einen Orientierungskurs mit inzwischen 100 Unterrichtseinheiten. Das angestrebte Sprachniveau ist B1 der internationalen Klassifizierung von Sprachkompetenzen und wird durch einen Sprachtest nachgewiesen.

Seit November 2015 können Geduldete und Asylbewerber, bei denen ein rechtmäßiger und dauerhafter Aufenthalt erwartet wird – aktuell trifft dies unter anderem auf Personen aus Syrien zu – einen Antrag auf Zulassung zu einem Kurs beim Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) beantragen.

Darüber hinaus sind Geflüchtete – wie schon in der Vergangenheit – mit einem Schutzstatus antragsberechtigt. Ein Rechtsanspruch auf Sprachförderung besteht nicht.

Das Erlernen der deutschen Sprache steht ganz oben auf der Wunschliste vieler Flüchtlinge. Diesen Teilnehmer am Projekt „Teachers on the Road“  wird er erfüllt.


Raus aus der Isolation

Dabei stehen gerade das Lernen der deutschen Sprache und eine Tätigkeit ein dringender Wunsch vieler Menschen, die neu bei uns in Deutschland ankommen. Laut einer Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf), des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) strebt fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent) einen Schulabschluss in Deutschland an – darunter auch einige der 55 Prozent, die bereits einen höheren oder mittleren Abschluss in ihrem Herkunftsland erlangt haben. Grundvoraussetzung dafür sind jedoch ausreichende Sprachkenntnisse. 

Die Lücke zwischen dem Angebot an Sprachkursen und der starken Nachfrage seitens der Asylbewerber möchten die „Teachers on the Road“ schließen.  Alle Deutschkurse sind kostenlos und offen für alle. 

Nach eigenen Angaben des Projektes unterrichten derzeit etwa 250 Ehrenamtliche rund 580 Teilnehmer pro Woche in ganz Deutschland. Einige der Ehrenamtlichen sind selbst Geflüchtete und haben erlebt, wie wichtig deutsche Sprachkenntnisse für ein selbstbestimmtes Leben sind. So wie Nyet aus Eritrea, die 2013 nach Deutschland kam.

„Deutsch zu sprechen und viele Dinge selbst erledigen zu können, hat mir großes Selbstbewusstsein gegeben“, so Nyet. Diese Erfahrung möchte sie auch an andere weitergeben.  „Deshalb unterrichtet ich jetzt in den Kursen der Teachers on the Road.“

Derzeit unterrichten etwa 250 Ehrenamtliche bei „Teachers on the Road“.

 

Die Kurse finden immer außerhalb von den Flüchtlingsunterkünften statt. Damit wollen die ehrenamtlichen Lehrer die räumliche und soziale Isolation der Flüchtlinge durchbrechen –  Isolationbreaking heißt das bei „Teachers on the Road“. Sprachkurse, die Raum für Austausch, Begegnung und Freundschaft bieten. Die Ehrenamtlichen unterstützen die Teilnehmer zudem bei Behördengängen, bei der Suche nach Ausbildung und Beruf sowie bei Asylverfahren.

„Wir verstehen uns als politisches Bildungsprojekt. Alle Menschen, die hier leben, sollen auch Teil dieser Gesellschaft sein können“, so Timur Beygo.

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