Giffey: Zahlen zu Gewalt in Partnerschaften sind „schockierend“

Jede dritte Frau in der EU hat bereits körperliche oder sexuelle Gewalt am eigenen Leib erfahren. [Asiandelight/ Shutterstock]

Eine neue Studie des Bundeskriminalamts (BKA) über Gewalt in Partnerschaften zeigt erschreckendes. Letztes Jahr waren knapp 140.000 Menschen von Gewalt seitens des Partners betroffen, die meisten davon Frauen.

Angesichts anhaltend hoher Zahlen von Opfern häuslicher Gewalt haben Frauenministerin Franziska Giffey und Justizministerin Katharina Barley (beide SPD) betroffene Frauen ermutigt, Unterstützung zu suchen und Straftaten anzuzeigen. Die 2017 registrierten 138.893 Opfer belegten ein schockierendes Ausmaß von „Gewalt zwischen Menschen, die sich sehr nahe stehen oder einmal sehr nahe standen“, erklärte Barley am Dienstag. Auch Giffey nannte die Zahlen „schockierend“.

Laut einer von Giffey vorgestellten Auswertung des Bundeskriminalamts (BKA) zur Partnerschaftsgewalt waren gut 82 Prozent der im vergangenen Jahr registrierter Opfer Frauen. Demnach wird häufiger als jeden dritten Tag in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet.

„Für viele Frauen ist das eigene Zuhause ein gefährlicher Ort – ein Ort, an dem Angst herrscht“, erklärte Giffey in Berlin. Die Bundesfrauenministerin stellte zugleich eine neue Öffentlichkeitskampagne zum Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter dem Motto „Aber jetzt rede ich“ vor. Damit sollten noch mehr Betroffene ermutigt werden, „sich Hilfe zu holen und Unterstützungsangebote wahrzunehmen“.

Giffey fügte hinzu, es gehe „um Straftaten, die geahndet werden und für die die Täter zur Verantwortung gezogen werden müssen“. Genauso wichtig sei es, den Frauen Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen. „Dazu haben wir ein Aktionsprogramm gegen Gewalt an Frauen gestartet und einen Runden Tisch von Bund, Ländern und Kommunen eingerichtet, der abgestimmte Gegenmaßnahmen erarbeiten wird.“

Gewalt gegen Frauen: nordische Länder am schlimmsten

Nirgends in Europa sind mehr Frauen von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen wie im „emanzipierten“ Skandinavien. In der bislang größten Studie zum Thema gab rund die Hälfte der Frauen in Dänemark, Finnland und Schweden an, betroffen zu sein. Die eher patriarchal geprägten Länder im südlichen Europa schneiden dagegen vergleichsweise gut ab. Ist der Macho am Ende der bessere Gentleman?

Justizministerin Barley verwies darauf, dass die aktuellen Zahlen nur die angezeigten Taten widerspiegelten. „Das Dunkelfeld ist groß. Wir müssen weiterhin Tabus brechen und Frauen ermutigen, Unterstützung zu suchen und Taten anzuzeigen.“ Um den Opferschutz im Strafverfahren zu verbessern, solle künftig auch bei erwachsenen Opfern von Sexualdelikten eine Videoaufzeichnung der richterlichen Vernehmung in der Hauptverhandlung verwendet werden können.

Den regelmäßigen BKA-Auswertungen zufolge stieg die Zahl der registrierten Opfer partnerschaftlicher Gewalt zwischen 2013 und 2016 um insgesamt 9,3 Prozent auf seinerzeit gut 133.000 an. Erfasst wurden in diesen Jahren die Straftaten Mord und Totschlag, Körperverletzung, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Bedrohung und Stalking.

2017 wurden die Deliktsbereiche unter anderem um Freiheitsberaubung, Zuhälterei und Zwangsprostitution erweitert – daher lässt sich die für das vergangene Jahr ermittelte Zahl von knapp 139.000 registrierten Betroffenen nicht direkt mit den Vorjahreszahlen vergleichen. Ohne die Erweiterung auf weitere Deliktsbereiche wäre 2017 ein leichter Rückgang der Opferzahlen um 0,8 Prozent auf knapp 132.000 registrierte Betroffene verzeichnet worden.

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) forderte angesichts der aktuellen Zahlen eine stabile Finanzierung für Frauenhäuser und einen Rechtsanspruch auf Schutz. „Wir benötigen einen Rechtsanspruch auf Schutz und Hilfe vor Gewalt, und zwar schnell“, erklärte der AWO-Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler. Es sei ein „Skandal, dass in Deutschland über 40 Jahre nach der Gründung des ersten Frauenhauses diese noch immer keine stabile und auskömmliche Finanzierung erhalten“.

Auch die Linken-Fraktionsvize Cornelia Möhring forderte einen Ausbau des Hilfesystems für betroffene Frauen. „Wir brauchen dringend mehr Frauenhausplätze und eine bessere Finanzierung von Beratungsstellen“ forderte Möhring. „Frauen, die Hilfe brauchen, müssen diese auch umgehend erhalten. Keine Frau darf mehr von einem Frauenhaus abgewiesen werden müssen.“

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