Gewalt gegen Frauen: nordische Länder am schlimmsten

Jede dritte Frau in der EU hat bereits körperliche oder sexuelle Gewalt am eigenen Leib erfahren. [lolostock/ Shutterstock]

Nirgends in Europa sind mehr Frauen von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen wie im „emanzipierten“ Skandinavien. In der bislang größten Studie zum Thema gab rund die Hälfte der Frauen in Dänemark, Finnland und Schweden an, betroffen zu sein. Die eher patriarchal geprägten Länder im südlichen Europa schneiden dagegen vergleichsweise gut ab. Ist der Macho am Ende der bessere Gentleman?

Gewalt gegen Frauen betrifft im modernen Europa nur noch eine kleine Minderheit – sollte man meinen. Eine aktuelle Studie der EU-Grundrechte-Agentur (FRA) beweist nun das Gegenteil: Jede dritte Frau in der EU hat bereits körperliche oder sexuelle Gewalt am eigenen Leib erfahren. Das entspricht etwa 62 Millionen Frauen. Frappierend sind insbesondere die ausgeprägten regionalen Unterschiede: Demnach ist die Gewalt-Rate ausgerechnet in den skandinavischen Ländern Dänemark (52 Prozent), Finnland (47 Prozent) und Schweden (46 Prozent) am höchsten. Dabei sind es gerade die nordischen Länder, die bei der Gleichberechtigung der Geschlechter weltweit als Vorbild gelten. Am wenigsten betroffen (zwischen 10 und 19 Prozent) sind Frauen in den als eher „machistisch“ geltenden südlichen Ländern Griechenland, Kroatien, Italien, Malta, Slowenien, Spanien, Portugal und Zypern sowie in Irland, Österreich und Polen.

Ist das Klischee vom fortschrittlichen Norden und dem konservativen Süden damit hinfällig? Nicht unbedingt. Die Autoren der Studie nennen mehrere mögliche Gründe für die regionalen Unterschiede. So müsse man zum Beispiel berücksichtigen, inwieweit es für Frauen gesellschaftlich überhaupt akzeptabel ist, mit anderen Personen – auch mit Interviewerinnen in einer Befragung – über Gewalterfahrungen zu sprechen. Auch dürfte die Wahrnehmung davon, welche Handlungen von Frauen als Übergriffe interpretiert werden, von Land zu Land unterschiedlich sein. Während viele Frauen in Ländern, in denen die Gesellschaft für das Thema sexuelle Belästigung stark sensibilisiert wurde, vielleicht bereits anzügliche Blicke oder Sprüche als Grenzüberschreitungen werten könnten, ist für anders geprägte Frauen eventuell sogar ein Tätscheln des Hinterns noch akzeptabel. „Die Gleichstellung der Geschlechter könnte zu höherer Bereitschaft führen, Fälle von Gewalt gegen Frauen zu berichten. Fälle von Gewalt gegen Frauen werden in Gesellschaften mit besserer Gleichstellung mit größerer Wahrscheinlichkeit offen angesprochen und hinterfragt“, heißt es dazu in der Studie.

Mit anderen Worten: Die hohe Zahl der berichteten Übergriffe in den nördlichen Ländern liegt wahrscheinlich weit näher an der Realität als in anderen Ländern. Demgegenüber dürfte die Dunkelziffer der verschwiegenen Gewalt-Ereignisse im übrigen Europa massiv höher sein.

Laut Studie könnte die tatsächliche Zahl der Übergriffe jedoch auch von weiteren Faktoren beeinflusst werden. So könnten auch das Ausgeh- und Trinkverhalten von Männern und Frauen in den verschiedenen Ländern sowie der unterschiedliche Urbanisierungsgrad und die damit verbundene Kriminalitätsrate eine Rolle spielen.

5 Prozent wurden vergewaltigt

An der bisher umfangreichsten Erhebung zum Thema Gewalt an Frauen wurden über 42.000 Frauen im Alter zwischen 18 und 74 Jahren in allen 28 EU-Mitgliedsstaaten befragt. Die Frauen wurden zufällig ausgewählt, die Gespräche wurden bei ihnen zuhause in Einzelinterviews geführt. 22 Prozent der Frauen gaben an, schon mal vom eigenen Partner körperlich oder sexuell angegriffen worden zu sein. Jedoch nur jede Dritte von ihnen meldete den schwerwiegendsten Vorfall der Polizei oder einer anderen Organisation.

Ein Drittel der Frauen hat bereits in ihrer Kindheit körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Weniger als die Hälfte dieser Taten wurde von fremden Männern ausgeübt. Jede zwanzigste Frau wurde seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal vergewaltigt. 18 Prozent der Befragten wurden bereits Opfer von Stalking, wurden also wiederholt von einer Person verfolgt oder belästigt. Diese Form der Belästigung macht auch vor den neuen sozialen Medien nicht halt: 11 Prozent haben unangemessene Annäherungsversuche über digitale Wege erlebt. Bei jungen Frauen zwischen 18 und 29 ist jede Fünfte betroffen.

Mehr als die Hälfte der Frauen (55 Prozent) hat bereits irgendeine Form der sexuellen Belästigung erlebt. Von ihnen nannte ein Drittel Vorgesetzte, Kollegen oder Kunden als Täter. Deutschland liegt bei der Gewalt-Rate mit 35 Prozent übrigens leicht über EU-Schnitt (33 Prozent).

Die FRA fordert als Konsequenz der Studie Arbeitgeber, medizinisches Fachpersonal sowie Internet-Provider dazu auf, Maßnahmen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen zu ergreifen. Von den Entscheidungsträgern in Brüssel und in den EU-Hauptstädten fordert die Organisation konkrete politische und rechtliche Schritte sowie Sensibilisierungskampagnen. An erster Stelle fordert die FRA die Staaten jedoch dazu auf, das Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt, die sogenannte Istanbul-Konvention, zu ratifizieren. Sie wurde 2011 vom Europarat verabschiedet und ist das erste rechtsverbindliche regionale Instrument in Europa, das sich umfassend mit verschiedenen Formen der Gewalt gegen Frauen wie psychischer Gewalt, Stalking, körperlicher Gewalt, sexueller Gewalt und sexueller Belästigung beschäftigt. Die Konvention soll zehn Jahre nach ihrer Ratifizierungen in Kraft treten. Bislang haben jedoch lediglich Österreich, Italien und Portugal das Übereinkommen ratifiziert, das von 17 EU-Mitgliedstaaten unterzeichnet wurde.

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