Geschlechterquote: Frauen in den Vorstand

Franiska Giffey (SPD) bei einer Debatte im Bundestag. [HAYOUNG JEON/EPA]

Die deutsche Familienministerin will die Frauenquote ausweiten: Nicht nur Aufsichtsräte, auch Vorstände sollen zukünftig weiblicher werden. Sie erntet dafür Kritik vom Koalitionspartner, ist aber fest entschlossen, nicht mehr auf das Potential qualifizierter Frauen zu verzichten.

Familienministerin Franziska Giffey (SPD) möchte die Frauenquote für Unternehmen ausweiten. Die bestehende Quote für Aufsichtsräte soll für mehr Firmen gelten. Auch Vorstände sollen fortan eine Frauenquote erfüllen. Das Deutsche Institut für Wirtschaft sieht darin einen „Eingriff in die Herzkammer der unternehmerischen Freiheit“. Akivistin Laure Sophie Dornheim hält den Vorstoßt hingegen für „richtig und wichtig“.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Frauen sind massiv unterrepräsentiert im Spitzenmanagement. Stand Oktober 2019 bestanden Aufsichtsräten und Vorstände der 185 größten börsennotierten Unternehmen nur zu 10,1% aus Frauen. Das zeigt der Women-On-Board-Index (WOB) der Organisation FidAR („Frauen in die Aufsichtsräte“).

Die bestehende Frauenquote für deutsche Unternehmen gilt seit 2016. Sie verpflichtet Unternehmen dazu, ihre Aufsichtsrät zu mindestens einem Drittel mit Frauen zu besetzen, solange die Firma paritätisch besetzt (also über 2000 Mitarbeiter*innen beschäftigt) und börsennotiert ist. Letzteres Kriterium soll nun wegfallen. Damit soll der Kreis betroffener Unternehmen von momentan 105 auf insgesamt 600 erweitert werden.

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Erweiterung auf Vorstände

Ganz neu am Vorschlag ist, dass auch auf Vorstandsebene eine Quote gelten wird – allerdings nur für paritätische und börsennotierte Unternehmen, bei denen über drei Personen im Vorstand sitzen. Das sind etwa 70 Firmen. Diese Neubestimmungen gehen über das hinaus, was im Koalitionsvertrag vereinbart war. Die neue Quote soll ab 1. Mai 2021 gelten, und kürzlich den Ministerien zur Abstimmung vorgelegt worden sein, berichtet n-tv.de.

Der „Kernvorstand“ eines Unternehmens werde dabei nicht angegriffen, sagte Giffey im Interview mit dem Handelsblatt, da dieser meist aus nur drei Personen besteht: CEO, CDO und Arbeitsdirektor*in. Erst die vierte Person müsste weiblich sein.

Außerdem gelte die Quote nur bei Neubestellungen, niemand müsse dafür seinen Sessel räumen. Giffey gestand ein, dass es darüber Konflikt mit dem Koalitionspartner CDU/CSU gebe, meinte aber, das müsse man aushalten – denn auf das Potenzial qualifizierter Frauen könne man nicht verzichten.

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„Eingriff in das Herz“

Kritik kommt nicht nur aus der Politik. Oliver Stettes, Leiter des Kompetenzfeldes Arbeitsmarkt und Arbeitswelt beim Institut der Deutschen Wirtschaft, bezeichnet die neue Quote als „Engriff in das Herz der unternehmerischen Freiheit“. Im Gespräch mit EURACTIV erklärte Stettes, dass er es für falsch halte, Managern bei der Auswahl von Führungskräften reinzureden. Sie sollen die Freiheit haben, die kompetenteste Person auszuwählen.

Anders sieht das Sarah Khan-Heiser, Vorstand im Verein ProQuote Medien. Im Gespräch mit EURACTIV beschreibt sie den „People-like-us-effect“:  Er besagt, dass Führungskräfte bei Beförderungsentscheidungen jene Menschen bevorzugen, die ihnen selbst ähneln – bewußt oder unbewußt. So würden Männer eher Männer befördern. Dieses Phänomen wurde 2017 auch von Forschern der Harvard Business School dokumentiert.

Stettes empfindet es als „Anmaßung“, männlichen Aufsichtsräten zu unterstellen, bei Beförderungen das Geschlecht als Kriterium herzunehmen. „Es mag sein, dass man aus eigener Erfahrung heraus Personen bevorzugt, die einem selbst ähnlich sind, weil man das als Erfolgskriterium sieht“, das habe aber eher mit der Biografie als mit dem Geschlecht zu tun.

Als Hauptgrund für den geringen Frauenanteil sieht Stettes die soziale Rolle der Frau: Sie erledige bis heute einen Großteil der Sorgearbeit für Kinder und Senioren, das lasse sich zwar oft mit einem Beruf vereinbaren, nicht aber mit einer Karriere.

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„Gerechte Verteilung von Macht und Verantwortung“

Doch Khan-Heiser vertraut nicht darauf, dass berufliche Gleichstellung von selbst kommt. Sie habe zu oft erlebt, wie Frauen bei Beförderungen übergangen wurden. „Wir haben bereits ein ganzes Reservoir an qualifizierten Frauen“, die an der Unternehmenskultur scheitern.

Durch eine Quote wären Führungskräfte gezwungen, die Qualifikationen von Frauen zu sehen. Der „People Like Us“-Effekt hätte keine geschlechtliche Dimension mehr.

Auch Laura Sophie Dornheim, Netzaktivistin und Doktorin der Gender Studies, bezeichnet die Giffey’s Vorstoß als „richtig und wichtig“. Sie begrüßt besonders die Erweiterung der Quote auf Vorstände, denn diese seien „die wahren Entscheidungs- und damit Machtgremien“. Es gehe „um die gerechte Verteilung von Macht und Verantwortung“.

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