Gauck scheut das klare Wort und ignoriert die Jugend

Joachim Gauck warnt die EU-Länder vor einer"Pose des Gekränkten" gegenüber Briten. [Foto: dpa]

Es war eine historische Chance, doch Gauck, „der Europäer“, hat sie vergeben, findet Christoph Sebald von der Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) nach der Europarede des deutschen Bundespräsidenten und meint: Der Bundespräsident geize mit klaren Worten und degradiere die Jugend Europas zur Randnotiz – „ein Affront!“

Man hatte sie erwartet, diese Rede, über die Perspektiven und Ideen des Bundespräsidenten für Europa. Als Gauck ankündigte, seine erste große Rede der Zukunft Europas zu widmen, hatte er ein starkes Vorzeichen gesetzt. Allein, diese europäische Chance hat er gnadenlos vergeben.

In gutpastoralem Ton hob der Bundespräsident die Bedeutung Europas als Friedensstifter hervor. Er rief alle Bürger auf, sich mit Mut und Tatkraft Europa zu nähern und die Verantwortung nicht an andere zu delegieren. Auch forderte er eine "Europäische Agora", "Arte für Alle", und an die Medien appellierte er, sich vermehrt um europäische Themen zu kümmern. Wohlfeil gesprochen, doch wenig mehr als Schall und Rauch.

Klarheit, wir brauchen Klarheit!

Unsicherheit und Angst solle man den Bürgern nehmen, so Gauck, denn auch wenn manche eine Reform der Institutionen wünschen, so stelle kaum jemand die Werte Europas in Frage. Frieden, Freiheit, Solidarität seien nicht nur ein Versprechen, sondern verbindlich und das einigende Band Europas. Ja, Probleme habe man schon, aber im Grunde handle es bei Europa dann doch um eine Erfolgsgeschichte, das war zumindest seine Botschaft. In Hinblick auf den massiven "Vertrauensverlust" in die Europäische Integration und ihre Institutionen, waren das geradezu dürre Sätze.

Mit einem Appell an die Medien ist es nicht getan. Wie soll das Misstrauen in Europa gegenüber den Institutionen denn nun wiederhergestellt werden? Auch ein Bundespräsident muss hier konkreter werden.

Jedenfalls reicht es nicht, den Medien und den Bürgern den schwarzen Peter zuzuschieben. Die Europäischen Institutionen bedürfen grundlegender Reformen. Gerade das Europäische Parlament muss weiter gestärkt, seine Wahrnehmung in den Medien durch europäische Parteien und Spitzenkandidaten erhöht werden. Wer einen europäischen Diskurs fordert, der muss sich auch klar für einen europäischen Moderator aussprechen!

Jugend als Randnotiz im Skript des Bundespräsidenten

Ich bin enttäuscht und empört, dass ein Bundespräsident in einer Grundsatzrede zur Zukunft Europas und angesichts enorm hoher Jugendarbeitslosigkeit in zahlreichen Mitgliedsstaaten die Jugend schlichtweg ignoriert. Wenn jemand die historischen Errungenschaften Europas über den grünen Klee lobt, sich freimütig auf die eigene Schulter klopft und dann nicht einmal in der Lage ist, die Jugendlichen Europas in diese Kulturgemeinschaft angemessen einzubinden, ja dies nicht einmal angemessen zur Sprache bringt, dann ist er seiner Aufgabe nicht gerecht geworden.

Gauck, "der Europäer", hat die Bürger an ihre Pflichten erinnert, er hat auch die Medien an ihre Pflichten erinnert. Seine eigenen scheint er über all dem Erinnern vergessen zu haben, und vergessen hat er auch die Jugend Europas. Mut hätte er gebraucht, Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Doch Gauck, der Europäer, kennt keine Klarheit, und Jugendliche sind für ihn wenig mehr als eine Randnotiz.

Wer Jugendliche nicht anspricht, der kann sie auch nicht erreichen. Schade. Denn ohne die europäische Jugend wird es die europäische Integration in Zukunft schwer haben.

Der Autor

Christoph Sebald ist Leitender Redakteur von "Le Taurillon – magazine eurocitoyen", studiert in Erfurt Staatswissenschaften und Literatur und ist Mitglied der JEF Erfurt.

Ganz anders sieht das Stefan Kunath, Mitglied der JEB (JEF Berlin-Brandenburg): "Eine Kritik der Kritik an Gauck – Warum der Bundespräsident bei seiner Europa-Rede doch die richtigen Worte gefunden hat".

Links

Die Rede des Bundespräsidenten im Wortlaut (auf Deutsch)

Die Rede des Bundespräsidenten im Wortlaut (auf Englisch)  

Pressemitteilung JEF zur Rede des Bundespräsidenten (JEF-Vorsitzender Daniel Matteo: "Der Bundespräsident stellt Fragen, aber gibt noch keine Antworten")

EURACTIV.deGauck: "Es gibt Klärungsbedarf in Europa" (22 Februar 2013)

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