Freiberufliche Dolmetscher bei den EU-Institutionen: Harte Rückschläge, wenig Unterstützung

Protestaktion von Dolmetscherinnen und Dolmetschern vor dem Berlaymont-Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel. [Laura Neri / Facebook]

Dass es während des Coronavirus-Lockdowns in Belgien kaum zu physischen Treffen in den EU-Institutionen kam, ist für fast 1.200 freiberufliche Dolmetscherinnen und Dolmetscher verheerend. Einige von ihnen nahmen am Mittwoch an einer Protestaktion im Herzen des Brüsseler EU-Viertels teil. EURACTIV Bulgarien berichtet.

Vor dem COVID-19-Ausbruch waren freiberufliche Dolmetscherinnen und Dolmetscher (sogenannte Agents for Conference Interpreting, ACIs) bei den europäischen Institutionen mit lang-, mittel- und kurzfristigen Verträgen beschäftigt. Ähnlich wie den festangestellten Vollzeitdolmetschern war zuvor auch ihnen nahegelegt worden, nach Brüssel umzuziehen – und eine große Zahl von ihnen kam dieser Aufforderung nach.

Für sie sind die EU-Institutionen der wichtigste und oftmals einzige Auftraggeber. Als Folge des Lockdowns in Belgien wurden jedoch fast alle Sitzungen in den EU-Institutionen abgesagt – eine Maßnahme, die selbstverständlich ohne vorherige Absprache mit ACI-Vertretern durchgesetzt wurde.

Dank vertraglicher Verpflichtungen wurden ihnen zumindest bis Ende Mai noch eine kleine Vergütung ausgezahlt.

Aufgrund ihres rechtlichen Status als Freiberufler sind die ACIs jedoch benachteiligt. Und die europäischen Institutionen stellen sich angesichts ihrer Probleme weithin „taub“, kritisieren sie.

Erster Coronavirus-Fall in einer EU-Institution bestätigt

In einer internen Mail, die EURACTIV einsehen konnte, hat die Europäische Verteidigungsagentur (EDA) bestätigt, dass einer ihrer Mitarbeiter positiv auf Coronavirus getestet wurde.

Als Mitarbeitende der EU-Institutionen zahlen rund 1.200 ACIs ihre Steuern direkt an die EU. Da sie Teil dieser EU-Strukturen sind, haben sie jedoch keinen Anspruch auf nationale Unterstützungsleistungen oder Sozialversicherungsschutz im Falle von Arbeitslosigkeit.

Während durch die Pandemie die Nachfrage nach ihren Dienstleistungen auf dem privaten Markt erheblich geschrumpft ist, zieht sich nun auch der Hauptarbeitgeber zurück, kritisiert Ines Pawlowa, eine freiberufliche Dolmetscherin bei den EU-Institutionen, gegenüber EURACTIV Bulgarien.

Der rechtliche Status der ACIs ähnele somit dem von LKW-Fahrern oder Scheinselbstständigen in der Lieferdienstbranche: Sie erhalten weniger Sozialleistungen, da sie offiziell freiberuflich tätig sind, wobei die Art der Arbeit in der Regel aber dazu führt, dass sie faktisch nur einen einzigen Auftraggeber (oder besser: Arbeitgeber) haben.

1.300 Euro Überbrückung – für mehrere Monate

Ende Mai, einen Monat nach dem letzten Treffen mit der zuständigen Gewerkschaft Association of Conference Interpreters (AIIC), legten zwei der drei Dolmetscherdienste der EU-Institutionen (die Generaldirektion SCIC der Kommission und die Generaldirektion LINC des Parlaments) einen Vorschlag vor. Bei dem Angebot handele es sich aber „im Wesentlichen um ein Darlehen“ an die Dolmetscherinnen und Dolmetscher, um den Einkommensverlust während der Pandemie auszugleichen, so die AIIC.

Tatsächlich soll die Ausgleichszahlung lediglich in Form von drei bis vier „zurückgestellten Aufträgen“ getätigt werden und beläuft sich auf nur 1.300 Euro. Diese neue Art von später zu erfüllenden Verträgen wurde bisher noch nie eingesetzt.

Die ACIs würden demnach mit der Annahme des Aufragspakets eine einmalige Zahlung für diese Vereinbarungen erhalten und müssten die entsprechenden Tage dann im Laufe des Jahres, vor dem 31. Dezember 2020, abarbeiten.

Somit erhalten freiberufliche Dolmetscherinnen und Dolmetscher anstelle von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe – auf die die meisten Arbeitnehmenden in den EU-Mitgliedstaaten Anspruch haben – bis Ende des Jahres im Wesentlichen lediglich eine vorgezogene Vergütung für einige wenige Arbeitstage in der Zukunft.

Ifo: Noch nie so viele Deutsche in Kurzarbeit

Berechnungen des Münchener Ifo-Instituts zeigen, wie viele Menschen während der vergangenen Wochen tatsächlich in Kurzarbeit gegangen sind. Selbst in Zeiten der Finanzkrise waren es nicht so viele.

Mangelnder Dialog

Obwohl die Verhandlungsdelegation der Gewerkschaft AIIC diesen Vorschlag entschieden ablehnt, kann sie offenbar keinen weiteren Dialog mit den Institutionen führen. Aus Sicht letzterer ist das Angebot endgültig und nicht verhandelbar.

„Die EU-Institutionen sollten über ein „Darlehen“ von 1.300 Euro, um drei bis sechs Monate ohne Arbeit abzudecken, hinausgehen und in dieser beispiellosen Krise angemessene Unterstützung anbieten,“ fordert die AIIC.

Die Europäische Kommission räumte auf Nachfrage von EURACTIV Bulgarien ein, dies sei tatsächlich ein Problem; die vorgeschlagene Lösung aber der einzige rechtlich umsetzbare Mechanismus.

In der Antwort wurde erneut erläutert: „Die Kommission hat im Bewusstsein der Einkommensunsicherheit in den Monaten Juni und Juli für freiberufliche Dolmetscher eine vertragsbasierte Abhilfemaßnahme mit Vorauszahlungen entwickelt, um diese Monate mit geringerer Nachfrage – Juni/Juli – zu überbrücken. Das heißt, dass freiberufliche Dolmetscher für Leistungen, die später im Jahr erbracht werden, im Voraus bezahlt werden.“

IAO warnt vor "verheerenden" Coronavirus-Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte

Die Lockdown-Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie werden überall auf der Welt „verheerende“ Folgen für die Arbeitsmärkte haben. Dies betrifft bereits rund 81 Prozent der Beschäftigten weltweit, warnte die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) am Dienstag.

Tanja Popowa, freiberufliche Dolmetscherin mit neun Jahren Erfahrung in den EU-Institutionen, gehört zu denjenigen, die mit ihren Familien nach Brüssel umgezogen sind. Ihre Arbeitssprachen sind neben der Muttersprache Bulgarisch Englisch und Französisch. Aktuell lernt sie darüber hinaus Deutsch.

„Ich fühle mich wirklich geehrt, zur sprachlichen Vielfalt im Herzen Europas beizutragen. Ich habe mich immer von dem Motto „Einheit in Vielfalt“ angezogen gefühlt. Eine Union, in der die Stimme eines jeden von uns gehört wird… Leider sehe ich in diesen herausfordernden Zeiten keinerlei Einheit und Solidarität mit uns, den freiberuflichen Dolmetscherinnen und Dolmetschern in der EU,“ zeigt sie sich im Gespräch mit EURACTIV enttäuscht.

Ihre Kollegin Ines Pawlowa, ebenfalls freiberufliche Dolmetscherin für Englisch-Bulgarisch, fügt hinzu, während der Pandemie dürften die sonst gültigen formalen Kriterien für die Verweigerung eines Ersatzeinkommens für freiberufliche Dolmetscher nicht gelten: „Die Regeln der Vergangenheit sind in der gegenwärtigen Situation einfach nicht anwendbar,“ unterstreicht sie.

Auch sie ist frustriert, dass aus Sicht der EU-Institutionen keine rechtliche Grundlage besteht, um Freiberuflern „echte Solidarität“ zu bieten.

Angesichts dessen müssen die Versprechungen der vergangenen Monate – „Solidarität ist das Herzstück Europas“ oder „Niemand wird zurückgelassen“ – für die beiden Frauen und ihre zahlreichen freiberuflichen Kolleginnen und Kollegen überaus leer klingen.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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