Französischer Kampf gegen sexistische Werbung kommt nach Deutschland

Sexismus schadet der Gesellschaft: Eine von der Bewegung "Nous Toutes" (Wir alle) organisierte Kundgebung gegen geschlechtsspezifische Gewalt und sexuelle Belästigung in Paris, am 23. November 2019. [EPA-EFE/CHRISTOPHE PETIT TESSON]

Seit nunmehr zwei Jahren kämpft die Organisation Pépite Sexiste gegen Sexismus und Geschlechter-Stereotypen in der französischen Werbung an. Seit einigen Wochen gibt es nun auch eine „Zweigstelle“ in Deutschland: Servus Sexismus. EURACTIV Frankreich berichtet.

Derartig rückschrittliche Werbung macht sprachlos: Um Freiwillige zu gewinnen, beschloss das Deutsche Rote Kreuz, Plakate mit dem Slogan zu schmücken: „Helfen steht jedem gut“, begleitet vom Bild einer Ersthelferin. Die blonde Diva im knappen Outfit – das wohl besser für eine Reise nach Saint-Tropez als für einen Notfalleinsatz geeignet sein dürfte – trägt außerdem eine Tasche mit der Aufschrift: „Natürlich auch für Schuhe.“

Die Message des DRK ist offenbar: Es ist bekannt, dass eine Frau zwar Erste Hilfe leisten kann; dabei ist das Modebewusstsein aber mindestens ebenso wichtig.

Die sexistische Anzeige war von Servus Sexismus vor gut drei Wochen zum Start der neuen Facebook-, Instagram- und Twitter-Konten in den sozialen Netzwerken geteilt worden. Auf diesen Seiten sammeln sich nach und nach immer mehr Aussagen und Werbeaktionen diverser Marken, Unternehmen und Organisationen.

Das Ziel: Firmen konfrontieren, die mit geschlechtsspezifischer bis sexistischer „Komik“ werben. Servus Sexismus folgt dabei der Taktik der französischen Mutterorganisation Pépite Sexiste, die entsprechenden Unternehmen zu konfrontieren und zu Stellungnahmen zu bewegen.

„Manchmal antworten sie uns; mit etwas Glück ziehen sie die problematische Anzeige zurück. Wenn nicht, haben unsere Fragen zumindest dazu beigetragen, die Öffentlichkeit auf diese Klischees aufmerksam zu machen,“ erklärt Marion Vaquero, Gründerin von Pépite Sexiste.

Warum ist rosa teurer?

Ursprünglich war Pépite Sexiste lediglich eine einzelne Twitter-Seite, auf der die junge Aktivistin Beispiele für geschlechtsspezifische Werbung veröffentlichte.

Vaquero erzählt: „Ich habe selbst Marketing studiert. Quasi als erstes erklärte man uns, dass es separate Anzeigen für Männer und Frauen gibt. Und selbst wenn es das absolut gleiche Produkt ist, zögern einige Werbetreibende nicht, für das Frauenprodukt – das oft (seltsamerweise) rosa ist – mehr Geld zu verlangen als für die Männerversion. Das ist als Pink Tax bekannt.“

Danke @dm-drogerie markt Deutschland für das gute Pink Tax Beispiel. 2€ mehr für die weibliche Version? 🤔

Geplaatst door Servus Sexismus op Donderdag 27 augustus 2020

Immer mit einer guten Prise Humor versehen, gingen viele Pépite-Sexiste-Posts viral. Schließlich wurde ein Jahr später ein Verein gegründet, der von Freiwilligen geleitet wird. Nun folgte Mitte August die deutsche Version, die von München und Straßburg aus koordiniert wird.

„Entsprechende Anzeigen zu finden, hat zunächst ein wenig gedauert,“ sagt die Aktivistin Elise Wehrlé und erläutert weiter: „In Deutschland scheinen die großen Marken eher darauf zu achten, keine Geschlechterstereotypen zu verbreiten und sind sich dieser Problematik bereits bewusst.“

Dass die deutsche Werbung weniger sexistisch als die französische, könnten die beiden Macherinnen der deutschen Seiten aber nicht bestätigen: Es fänden sich trotzdem zahlreiche Anzeigen, in denen Frauen leichtbekleidet, wenn nicht sogar völlig nackt dargestellt werden.

Internationales Problem, internationales Konzept

Die Gründerin von Pépite Sexiste betont derweil, sei es in der Werbung, in Stellenangeboten, auf Verpackungen, in Gebrauchsanweisungen: sexistischer Diskurs finde sich überall.

Ein Beispiel: „Wir finden immer wieder Hinweise auf Produkten: ‚von Müttern empfohlen‘. Dabei handelt es sich meist um Windeln, Babytöpfe, Lätzchen… Als ob Mütter die Einzigen wären, die wüssten, wie man sich um ein Kind kümmert,“ kritisiert Vaquero.

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Geschlechterstereotypen sind allgegenwärtig und grenzüberschreitend ein Problem. Seit dem Frühjahr 2020 expandierte die Organisation daher international. Inzwischen gibt es neben der französischen Gruppe acht regionale „Niederlassungen“ von Pépite Sexiste: In Mexiko, den Vereinigten Staaten, Québec, Marokko, auf Mauritius, in der Schweiz, im Vereinigten Königreich und eben in Deutschland.

Obwohl die Arbeitsprinzipien weltweit die gleichen sind, sei die Arbeit in manchen Regionen schwieriger bzw. intensiver: „In Marokko und auf Mauritius haben wir beispielsweise feststellen müssen, dass es sehr viel mehr zu tun gab. Es gibt zwar auch dort Marken, die man erreichen kann, aber auch sehr viel mehr Arbeitsbedarf, um das Bewusstsein zu schärfen,“ sagt Vaquero.

Es ist eine riesige Aufgabe, der die Freiwilligen sich verpflichtet haben. Nun soll das kleine blau-rote Kreuz in den kommenden Monaten in sechs neuen Ländern etabliert werden, darunter in Spanien, den Niederlanden, Tunesien und Algerien.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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