Ewald Lienen: Fußball-Rebell for Future

Ewald Lienen, hier noch Trainer bei AEK Athen, steht für politischen Fußball. [PANAGIOTIS MOSCHANDREOU/EPA

Der deutsche Fußball-Veteran Ewald Lienen ist überzeugt: Fußball ist politisch und trägt gesellschaftliche Verantwortung. Heute engagiert sich der Technische Direktor des FC St. Pauli für Klimaschutz – nicht nur auf dem Rasen.

Ewald Lienen zeigt wie kein Zweiter in Deutschland, dass Fußball und soziales Engagement zusammenpassen. „Ich war immer schon ein Rebell“, betitelte der Profi-Kicker seine Biographie. Seit Beginn seiner Karriere nutzt Lienen seine Prominenz, um auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen – bis heute. Lienen, inzwischen 66 und technischer Direktor beim Club FC St. Pauli, kämpft für den Klimaschutz. Privat unterstützt er Aktionen der „Parents for Future“, beruflich trimmt er seinen Verein auf Nachhaltigkeit.

„Fußball ist die Sportart Nummer Eins, gesellschaftlich hochrelevant und somit per Definition schon politisch“, sagt Lienen im Gespräch mit EURACTIV. Diese Verbindung zu negieren und Fußball für unpolitisch zu erklären, gehöre „in die Top Ten der dümmsten Äußerungen, die man tätigen kann.“

Nicht jeder sieht das so: Fußball solle eine „unpolitische Rolle“ einnehmen, meint zum Beispiel RB-Leipzig-Sportdirektor Ralf Rangnick.

Schlechtes Gras?

Die EU prüft derzeit eine Regelung, die Mikroplastiken einschränken soll. Davon wären auch Kunstoffrasen auf zehntausenden Fußballplätzen betroffen. Müssten die Flächen alle durch echtes Gras oder andere Belege ersetzt werden, wäre das zwar deutlich umweltfreundlicher – aber kaum umsetzbar.

Ein Rebell unter Rebellen

Ewald Lienen und St. Pauli scheinen wie gemacht füreinander. Denn der Zweitligist und seine Fans zeigen gerne mal Flagge. Als 2015 eine große Anzahl von Menschen nach Deutschland floh und die Gesellschaft gespalten schien zwischen Willkommenskultur and Abschottung, gründete der Verein einen „Arbeitskreis Refugees Welcome“, um Geflüchtete zu unterstützen.

Auf ihren Trikots prangen Regenbögen, das Zeichen für Toleranz gegenüber der LGBTQI-Community. Und auf den Fan-Tribünen wehen Banner der antifaschistischen Bewegung. Seit Januar findet man den FC St. Pauli sogar auf der Website der britischen Anti-Terror-Polizei: Das Vereinslogo, die Totenkopfflagge im Piraten-Stil, ist als Symbol einer linken politischen Bewegung gelistet.

Unter solchen Umständen war es für den FC St. Pauli im Vergleich zu anderen Clubs „leichter, Akzeptanz auch für unbequeme Maßnahmen bei unseren Fans zu bekommen“, sagt Lienen. Diese Maßnahmen waren etwa die Umstellung auf Mehrpfandsysteme im Stadion im Januar, um Plastikmüll zu vermeiden. Auch das Merchandise wird fair und ökologisch hergestellt, heißt es – selbst wenn dadurch der Preis einiger Artikel steigt.

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Guter Spielzug

Andere Maßnahmen sind alles andere als unangenehm, wie die bewachte Fahrradständer. Hier können Fans ihre Räder parken, ohne Angst vor Diebstahl haben zu müssen.

Generell ist Mobilität einer der größten Ursachen für CO2-Emissionen im Fußball, speziell bei Auswärtsspielen. Die Mannschaft fährt mit der Deutschen Bahn, dem „offiziellen Mobilitätspartner“, und fordert in DB-Werbespots Fans dazu auf, es ihnen nachzutun. Auch sonst nutzt der FC St. Pauli seine mediale Reichweite, um Bewusstsein zu schaffen für Umweltschutz, etwa bei den Kampagnen #netzgegenplastik oder #waldverbesserer.

Popularität nutzen, um Gutes zu tun – das ist Lienens alte Methode. Als Technischer Direktor sei es sein Ziel, dass St. Pauli „dem Vorbildcharakter und der Strahlkraft unseres Fußballs“ gerecht wird. Er honoriere die Leistungen anderer Vereine in diesem Bereich, wie Werder Bremen, Schalke 04 oder Mainz 05. Es bleibe aber noch viel zu tun, nicht nur im Fußball, sondern in „allen gesellschaftlichen Bereichen“ und in der Wirtschaft, wo „rücksichtslose Gewinnmaximierung uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt stehen“.

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Scham und Reue

Darum engagiert sich Lienen auch abseits des Fußballs für Nachhaltigkeit. Er unterstützt die Klimaschutz-Bewegung „Parents for Future“, insbesondere bei der Aktion „Rote Klimakarte“. Dabei schickten UnterstüzerInnen aus ganz Deutschland rot bedruckte Postkarten an die Organisation, angelehnt an rote Karten, die im Fußball für Fouls verteilt werden.

Gemeinsam mit der Organisation „Parents for Future“ übergab Fußball-Veteran Ewald Lienen über 100.000 „rote Klimakarten“ an die Bundesregierung. [FCSP]

Gemeinsam mit den OranisatorInnen der Aktion übergab Lienen am 12. Dezember diese 100.000 roten Karten an die deutsche Regierung. Auch der FC St. Pauli unterstützte die Aktion. In seiner Rede vor dem Bundeskanzleramt wendete er sich an Angela Merkel: „Frau Bundeskanzlerin: Handeln Sie bitte, Deutschland muss Klimaweltmeister werden!“

Wenn Lienen daran denkt, dass junge Umwelt-AktivistInnen lange Zeit von seiner Generation ignoriert und allein gelassen wurden, empfinde er „Scham und Reue.“ Ob er durch sein Engagement das Versäumte gut machen kann, wisse er nicht.

Aber er werde es versuchen: Denn „zufrieden kann man erst sein, wenn das Klima gerettet ist.“

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