Europas Frauen verdienten 16,3 Prozent weniger

Frauen sind in Führungspositionen weiterhin unterrepräsentiert. [Sam Churchill/Flickr]

Morgen, am 3. November, begeht die EU den Tag der Lohngleichheit – die verbleibenden beiden Monate des laufenden Kalenderjahres arbeiten Frauen gratis. Denn ihre männlichen Kollegen haben jetzt schon so viel eingenommen, wie die Frauen bis zum Jahresende.

Dabei ist die Gleichstellung von Mann und Frau am Arbeitsmarkt einer der zentralen Punkte, auf den sich EU-Institutionen, Gewerkschaften und Arbeitgeber problemlos verständigen können. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort“ lautet das Credo, das wohl die meisten sofort unterschreiben würden. Umso unverständlicher ist es, dass der Lohnabstand zwischen den Geschlechtern seit Jahren stagniert.

So kritisieren auch die zuständigen EU-Kommissare Frans Timmermanns, Marianne Thyssen und Věra Jourová in einer gemeinsamen Erklärung: „Die Gleichstellung von Frauen und Männern – auch beim Lohn – ist ein Grundwert der EU. Die Realität sieht jedoch völlig anders aus. Das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen konnte in den letzten Jahren praktisch nicht verringert werden. Im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen arbeiten Frauen quasi zwei Monate pro Jahr umsonst. Im Europa des 21. Jahrhunderts ist das eine schockierende und nicht hinnehmbare Ungerechtigkeit.“

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Weiter heißt es: „Die Europäische Kommission möchte eine Vorreiterrolle im Kampf gegen diese Ungerechtigkeit einnehmen. In wenigen Wochen werden wir einen Aktionsplan zur Bekämpfung des geschlechtsspezifischen Lohngefälles vorlegen. Dadurch werden laufende Aktionen beschleunigt und neue Maßnahmen vorgestellt.“

Handlungsbedarf gibt es nicht nur bei den ungleichen Stundenlöhnen. Laut einem Factsheet der Kommission kommt hinzu, dass Frauen häufig Jobs mit kürzeren Arbeitszeiten haben und dass die Erwerbsquote von Frauen niedriger ist als jene von Männern. 2016 waren laut EU-Statistik 71,9 Prozent der Männer, aber nur 61,4 Prozent der Frauen erwerbstätig.

An der Qualifikation liegt es nicht. Dieses Argument mag vor einigen Jahrzehnten noch gegolten haben, heute jedoch verfügen 33 Prozent der Frauen und nur 29 Prozent der Männer über einen tertiären Bildungsabschluss.

Ein wichtiger Ansatzpunkt sind die Erwerbsbiographien. Dabei geht es um Regelungen zu Mutterschutz, den anschließenden Wiedereinstieg in den Beruf, zum Übergang von Teilzeit in Vollzeit und um Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Einen ersten Schritt hat die Kommission bereits gemacht, als sie im April 2017 eine Richtlinie zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben vorlegte. Durch dieses Gesetz sollen die Mindeststandards beim Mutterschutz verbessert werden. Zudem würden Väter gestärkt werden, die eine Auszeit vom Beruf nehmen wollen, um sich um den Nachwuchs zu kümmern.

Das ist ein Anfang. Vieles lässt sich jedoch nicht auf EU-Ebene klären, da mitgliedsstaatliche Kompetenzen berührt sind. Das zeigt sich auch in den großen Unterschieden der geschlechterspezifischen Lohnlücke zwischen den Mitgliedsstaaten: Während das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern in Italien, Luxemburg und Rumänien bei unter sechs Prozent liegt, beträgt es in Estland, Tschechien, Deutschland und Österreich mehr als 20 Prozent.

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Dabei wird zum Beispiel Deutschland kaum von der neuen Richtlinie berührt, da vor allem Mindeststandards definiert werden, die hierzulande ohnehin längst übertroffen werden. Die große geschlechterspezifische Lohnlücke in Deutschland hat vor allem mit dem überproportional großen Niedriglohnsektor zu tun, der durch die Agenda 2010-Politik geschaffen wurde und der hauptsächlich so genannte Frauenjobs umfasst.

Hinzu kommt der weiterhin eklatante Mangel an Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Nur 16,1 Prozent der Kinder unter drei Jahren genießen in Deutschland eine formelle Kinderbetreuung von mindestens 30 Stunden in der Woche. In Portugal und Schweden liegt dieser Wert bei über 40 Prozent, in Dänemark sogar bei 70 Prozent.

Das sind jedoch Themen, die auf Bundesebene angegangen werden müssen. Die EU kann hier wenig ausrichten. Die laufenden Koalitionsverhandlungen böten die Möglichkeit, entsprechende Prioritäten für die kommenden vier Jahre zu vereinbaren.