Standortbestimmung nach dem Rücktritt des Papstes: Europa ist zwar – trotz allem – immer noch das „christliche Abendland“, aber die katholische Kirche wächst auf dem säkularisierten Kontinent nicht mehr. Wohlfahrtsstaat als alleiniger Baustein sei indes zu wenig, findet Hermann Kroll-Schlüter, Präsident des katholischen Internationalen Ländlichen Entwicklungsdienstes (ILD) und früherer CDU-Politiker, in seinem Standpunkt für „EURACTIV.de“.
Europa ist trotz allem noch immer das "christliche Abendland", das hat der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. wieder einmal ins Bewusstsein gerufen. Dieser ohne Zweifel historische Schritt ist ein mehrfaches, deutliches Zeichen der vitalen Kraft der katholischen Kirche. Mit diesem Akt sind die Kirche und ihre Administration nicht nur im Heute angekommen, sondern es wurden auch wichtige Richtpfeile für die Zukunft gesetzt, vor allem aber wurde Europa wieder an seine kulturellen Wurzeln erinnert. Und auch daran, dass materielle Fortschrittsgläubigkeit allein kein lebensbestimmender Faktor sein kann.
Die katholische Kirche wächst – in der Welt, nicht in Europa. Da wachsen andere Religionen. Wie auch immer sich die Gesellschaft gerade aufführt, eine religionsfreie Zeit gibt es nicht. Der Theologe Joseph Ratzinger hat das so formuliert: "…doch die Sache mit den Menschen geht nicht ohne Gott, und die Sache mit der Welt, mit dem ganzen weiten Universum, geht nicht ohne ihn."
In Europa zählt, was gezählt werden kann
Es gibt keinen Kontinent, der so stark säkularisiert ist wie Europa. Hier zählt, was gezählt werden kann. In ihrer Lebensperspektive gibt es für die Menschen die horizontale und vertikale Orientierung. Österreichs großer Kardinal Franz König hatte dies so erklärt: "Europa steht im Zeichen des Kreuzes. Wenn die Vertikale immer schwächer wird, dann bleibt schließlich ein Minuszeichen." Aktuell ist es die weltliche, das heißt die horizontale Lebenserwartung, die dominiert. Der wichtigste Baustein darin ist der Wohlfahrtsstaat. Das ist zu wenig.
Im Streit um Ehe und Familie und um das Adoptionsrecht für Homosexuelle – um ein aktuelles Beispiel zu nehmen – wird deutlich: nicht mehr Ehe und leibliche Abstammung definieren die Familie, sondern Familie wird politisch-sozial interpretiert als soziale Elternschaft. Geleugnet wird die Begründung von Ehe und Familie in der menschlichen Natur. Heute sind vielerorts in Politik und Gesellschaft nur Sozialingenieure am Werk.
Die Worte des emeritierten Oberhaupts der katholischen Kirche vor dem Deutschen Bundestag im September 2011 wurden auch den so genannten Machern ins Buch geschrieben: "Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen."
Der Autor
Hermann Kroll-Schlüter (Jahrgang 1939) ist Präsident des Internationalen Ländlichen Entwicklungsdienstes (ILD) und Vorstandsmitglied des Ökosozialen Forum Europa. 18 Jahre lang war er CDU-Bundestagsabgeordneter, danach 7 Jahre Staatssekretär im sächsischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forst und 3 Jahre Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

