Der drohende Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union hätte gravierende Folgen für die restlichen 26 EU-Mitgliedsstaaten. Wie EURACTIV erfuhr, erwägen Londoner Kreise, gleichzeitig mit dem Austritt des Landes auch die englische Sprache zurückzuziehen. Brüssel prüft bereits, wie es die Maßnahme umgehen könnte.
Zur Zeit wird in den europäischen Institutionen in Brüssel und im EU-Parlament in Straßburg hauptsächlich Englisch gesprochen, gefolgt von Französisch. Obwohl das Deutsche eine offiziell gleichrangige Amtssprache ist, liegt es weit abgeschlagen auf Platz drei. Immer wieder werden die häufig zu späten oder sogar ausbleibenden Deutsch-Übersetzungen wichtiger Dokumente beklagt.
Lange Zeit schien es, als wären die Briten mit ihrer englischen Sprache führend und als hätten sie Wissensvorsprünge und Wettbewerbsvorteile allein dadurch, dass die meisten EU-Akteure Englisch sprechen. Dadurch ersparen sich die Briten, in einer Fremdsprache zu konferieren. Sie können überall ihre Muttersprache verwenden – und werden, sofern sie nicht allzu starke regionale Akzente mitschwingen lassen, auch überall verstanden.
"I want my language back"
Das könnte sich bald ändern. Die Briten erörtern Möglichkeiten, gleichzeitig mit ihrem potenziellen Rückzug aus der EU auch ihre Sprache zurückzuziehen. D?e internen Planungen laufen – ?n Anspielung auf Margaret Thatchers berühmten Ausspruch "I want my money back" – unter dem Arbeitstitel "I want my language back".
Das hieße nicht nur, dass Englisch keine Amtssprache mehr sein dürfte, sondern bedeutete auch gravierende Änderungen im Brüsseler Alltag. EU-Akteure, die nicht muttersprachlich Englisch sprechen, hätten demnach nicht mehr das Recht, Englisch als professionelles Verständigungsmittel zu verwenden.
Auch Anglizismen werden einkassiert
Ähnliches gilt für die zahlreichen Anglizismen, die sich die deutsche Sprache angeeignet hat und die nun gleichsam einkassiert werden sollen.
Nicht davon betroffen ist die Brüsseler Redaktion von EURACTIV.com, da das Headquarter des Netzwerks gesellschaftsrechtlich in London registriert ist. EURACTIV.com kann also weiterhin aus Brüssel auf Englisch berichten.
Dass die EU-Außenbeauftrage Catherine Ashton jüngst ihren Rückzug für das Jahr 2014 ankündigen musste, hat Insiderinformationen zufolge ebenfalls mit dem erwogenen Rückzieher der englischen Sprache zu tun.
"International" als Verständigungsmittel?
In Brüssel und Straßburg wird indessen vorausschauend geprüft, ob und wie Englisch dennoch weiter verwendet werden kann, allerdings unter einer anderen Bezeichnung wie etwa "International" (freilich englisch ausgesprochen), was dann an den Dolmetscherkabinen auch so vermerkt sein soll.
Konsequenzen unbekannten Ausmaßes könnte der Rückzieher des Englischen auch im Medienbreich zeitigen. Zur Zeit haben ausgerechnet die Medien aus dem EU-skeptischen Inselreich den größten Einfluss auf die Meinungsbildung der EU-Parlamentarier. Die Brüsseler Korrespondenten der angelsächsischen Medien stellen vorerst noch den Großteil der akkreditierten Berichterstatter und Kommentatoren. Auch sie dürften, sollte sich das Vereinigte Königreich in absehbarer Zeit aus dem Kreis der EU-Mitgliedsländer verabschieden, zurückgezogen werden, wie EURACTIV.de heute (1. April) erfuhr.
Wie sich anhand der steigenden Zahl von akkreditierten EU-Korrespondenten chinesischer Medien abzeichnet und wie die europaweit zunehmenden Aktivitäten der Volksrepublik zur Verbreitung von Chinesisch-Sprachlehrgängen signalisieren, scheint China den Rückzug des Englischen aus der EU für seine Zwecke instrumentalisieren und die Lücke füllen zu wollen.
ekö, desi

