Ein Amateurverein will klimaneutral werden

Sebastian Bubner, Vorstandsvorsitzender der SG Eintracht Peitz, präsentiert den Stern des Sports in Silber des Landes Brandenburg. [codiarts]

Die Sportgemeinschaft Eintracht Peitz hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt. Sie möchte der erste klimaneutrale Amateurverein Deutschlands werden: Mit Photovoltaik, neugepflanzten Bäumen und einem neuen Kleinbus. Spektakulär ist das Vorhaben auch deshalb, weil der Verein wahre Dreckschleudern in der Nachbarschaft hat.

„Wenn der Wind schlecht steht und aus Nordost kommt, zieht die Luft vom Kraftwerk genau zu uns rüber“, berichtet Sebastian Bubner, Vorstandsvorsitzender der SG Eintracht Peitz. Er meint das Kohlekraftwerk Jänschwalde, welches eines der schmutzigsten überhaupt ist und nur wenige Kilometer entfernt steht. „Jetzt erst recht“, dachte sich die Vereinsführung deshalb und schmiedete einen Plan: Die Klimaneutralität bis 2023. „Wir wollten Vorreiter sein und positiv voran gehen“, erklärt Bubner dieses Ziel, auch weil die Lausitz, wo der Verein beheimatet ist, als „Dreckschleuder-Nation“ gilt.

Die brandenburgische Lausitz ist eines der größten Kohlereviere Deutschlands. In unmittelbarer Nähe des Vereinsgelände der SG Eintracht Peitz wird nicht nur Braunkohle abgebaut, sondern auch verbrannt und in Strom umgewandelt. Doch weil die Kohle keine Zukunft hat und der Kohleausstieg 2038 längst beschlossene Sache ist, steht der Region ein folgenreicher Strukturwandel bevor. Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Lohnsenkungen könnten in den kommenden Jahren auf die Lausitz zukommen. Der Verein will dagegen steuern, indem er Aufmerksamkeit auf die Region und dessen Innovationsbereitschaft zieht.

Der Kohleausstieg und seine Folgen: Wie der Strukturwandel gelingen kann

Im Jahr 2038 endet die Stromerzeugung aus Kohle in Deutschland. Der Kohleausstieg hat schwerwiegende Folgen für die Regionen, die wirtschaftlich abhängig vom Tagebau sind. Ein erfolgreicher Strukturwandel in Regionen wie der Lausitz bietet auch Möglichkeiten, in Zukunft besser dazustehen.

Zum Strukturwandel beitragen

Ein proaktiver Strukturwandel könnte den Folgen des Kohleausstiegs entgegenwirken und das Ausmaß der Abwanderung und der Arbeitslosigkeit reduzieren. Eintracht Peitz hat sich entschlossen, etwas zur positiven Entwicklung der Region beizutragen, gemeinsam mit den 200 Vereinsmitgliedern. Durch verschiedenste Maßnahmen soll die Emissions-Netto-Null erreicht werden – also die Klimaneutralität. Eintracht Peitz wäre der erste Amateurverein, dem das gelingen würde.

Die Idee zu den Plänen hatte Vereinspräsident Bubner. Nachdem auf dem Dach der Vereinsräume eine Photovoltaikanlage installiert wurde, fingen die Peitzer an, ihre Emissionen genauer unter die Lupe zu nehmen. „Wir haben geguckt, was wir verbrauchen und was wir durch die PV-Anlage einsparen“, erzählt Bubner. Dabei wurden alle Fahrten zum und vom Verein gezählt und alles, was auf dem Vereinsgelände passiert. Das Ergebnis: Eintracht Peitz emittiert 25 Tonnen CO2 im Jahr und spart derzeit 12,5 Tonnen durch die PV-Anlage ein.

Obwohl das genug Strom wäre, um fünf Millionen Kilometer mit dem Segway oder 1,2 Millionen Kilometer mit dem E-Auto zu fahren, liegt die Bilanz im roten Bereich. „Unser Ziel ist es deshalb, in den nächsten drei Jahren diese rote Zahl wegzukriegen, um wirklich klimaneutral zu sein“, erzählt Bubner. Prompt wurde die PV-Anlage des Vereins vergrößert, um noch mehr Strom zu produzieren. Inzwischen speist die Anlage sogar grünen Strom ins Stromnetz in Peitz ein. Es gibt bereits Pläne, die Anlage 2021 noch weiter auszubauen.

Mit dieser Idee bewarb sich Eintracht Peitz beim „Großen Stern des Sports“. Der vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ins Leben gerufene Wettbewerb ehrt sozialpolitisches und ehrenamtliches Engagement im Sportbereich. Auf Landesebene in Brandenburg wurde Eintracht Peitz im Oktober bereits mit dem „Großen Stern des Sports in Silber“ ausgezeichnet. Beim bundesweiten Finale am 18. Januar 2021 sind sie nun für den goldenen Stern nominiert. 10.000 Euro Preisgeld warten auf den Gewinner.

Bund und Länder beginnen Zuteilung der 40 Milliarden Euro für Kohleregionen

Bis zum Jahr 2038 sollen die letzten deutschen Kohlekraftwerke dicht gemacht werden. Um die Regionen wirtschaftlich neu auszurichten, sollen an ihrer Stelle neue Forschungseinrichtungen und Unternehmen angesiedelt werden. Ein Koordinierungsgremium beginnt nun mit der Zuteilung der Fördergelder.

Klimaschonender Kleinbus wird angeschafft

Beworben hatte sich der Verein mit der Aktion „Peitz ist grün – Von den Ostereiern zur CO2-Neutralität“, die im Frühling stattfand. Im Rahmen der Initiative wurden auch Bäume gepflanzt, denn Eintracht Peitz will auf mehreren Wegen sowohl Emissionen kompensieren als auch direkt reduzieren. Dazu schafft der Verein gerade einen emissionssparsamen Kleinbus an, um auch bei Auswärtsfahrten der Kinder möglichst klimaschonend unterwegs zu sein. „Wir wollen auch unsere Mitglieder animieren, auch zu Hause CO2 einzusparen und schulen sie sogar darin“, berichtet Bubner.

Das nächste große Ziel ist eine Flutlichtanlage, die komplett aus LED bestehen soll und wenig Strom verbraucht. „Das sind die low-hanging Fruits“, sagt Bubner. Solche einfachen Ziele möchten Sie in Peitz möglichst schnell und unkompliziert umsetzen.

Eine langfristige Aufgabe, die zudem weit über das Drei-Jahres-Ziel hinausgeht, sieht Bubner darin, auch die Kinder im Verein und in der Region langfristig zu integrieren. „Das ist der Ansinn, warum wir das alles machen.“ Der Nachwuchs soll eben nicht abwandern, sondern in der Region bleiben, sich mit der Lausitz identifizieren. „Wir wollen es unseren Mitgliedern so wohlig-wohnlich machen, sodass sie hierbleiben.“ Die Lausitz soll das Image der Dreckschleuder durch den Ruf einer zukunftsfähigen Region ersetzen. Der erste Schritt für Eintracht Peitz ist die Klimaneutralität ihres Vereinslebens. Für Bubner kein außergewöhnliches Vorhaben, „denn was passt besser zu einer Kohleregion, als an das Morgen zu denken?“

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