Die „Monuments Men“ in Europa und die NS-Raubkunst

"Historische Begegnung" von Göring und Matisse: Hitlers Reichsmarschall Hermann Göring, zweiter Mann im NS-Deutschland, eifriger Sammler geraubter Kunstwerke, betrachtet zwei Bilder von Henri Matisse (1941). Sie waren von den Nazis aus der Sammlung von Pa

Die dramatische Rettung der von den Nationalsozialisten geraubten und verschleppten Kunstwerke in Europa wird erst jetzt, viele Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs, durch Buch und Film „Monuments Men“ ein Thema. Ein Lehrstück für mögliche künftige Konflikte.

George Clooney dreht seinen Film "Monuments Men" nicht an Europas Originalschauplätzen, sondern im Studio Babelsberg in Potsdam bei Berlin. Das als Grundlage des Films dienende Buch schrieb der Amerikaner Robert M. Edsel. Er stellte sich am Mittwoch in Berlin den Fragen von Journalisten.

Wieso braucht es einen Mann aus Texas, der nach seiner Tennisprofikarriere und anschließenden 16 Jahren Ölgeschäft in Florenz Kunst studierte, um ein so spannendes Thema erstmals zu recherchieren? Wieso wurden Zehntausende Bücher über den Zweiten Weltkrieg geschrieben, davon Tausende allein über die Landung in der Normandie, aber kein einziges über den wohl größten Kunstdiebstahl der Geschichte? Wieso war so gut wie nichts bekannt über jene Leute, die unzählige Kunstwerke vor den Nazis gerettet, versteckt und wieder zurückgeführt haben?

Am Beispiel des Irak-Kriegs

"Je mehr ich recherchierte und Informationen suchte, desto frustrierter wurde ich", sagte Edsel. Im Jahr 2003 sei er regelrecht besessen gewesen, mehr Informationen zu sammeln. Anlass war damals der Irak-Krieg mit den Schäden an dortigen Museen und Kunstwerken. "Wie konnte man das im Zweiten Weltkrieg so gut hinbekommen?" Im Irak-Krieg seien viele Fehler gemacht worden. Auch wenn es nicht die Schuld der Amerikaner gewesen sei, dass die Museen ausgeraubt wurden: "Man hätte wohl vorausschauender handeln können", meinte Edsel und hofft, dass man daraus Lehren für künftige Konflikte zieht.

Die Zeitzeugen sterben weg

Die Zeit drängt: Die Akteure sind betagt. Edsel machte in den vergangenen Jahren lange Interviews mit 17 "Monuments Men" aus der von den Amerikanern und Briten gegründeten Spezialeinheit. Nur noch sechs von ihnen leben heute noch. Der jüngste von ihnen, Harry Ettlinger, ist jetzt 87 Jahre alt.

Die Männer haben bis zu den Interviews kaum über ihre Erlebnisse mit Hitlers Raubkunst gesprochen. Nicht in ihren späteren Berufen, nicht in ihren Familien. Nur wenige hatten versucht, Anfang der 50er-Jahre ein Buch zu schreiben, doch kein Verleger interessierte sich dafür. "Die Leute hatten damals andere Sorgen", erklärte Edsel, "der Kalte Krieg, der Korea-Krieg, und es war noch zu nahe dran an den Ereignissen." Nach 60, 70 Jahren indes seien die Heldentaten der Monuments Men deutlicher geworden. Er wolle deren Geschichte nach Amerika tragen, sagte der Autor, und er wolle damit das Andenken an diese Männer – es waren freilich auch einige Frauen dabei – ehren.

Gesprächig erst durch die Archivfotos


Die Interviews mit den Zeitzeugen allein waren Edsel zu wenig. Auch wenn sie tief in ihren Erinnerungen kramen konnten, als er ihnen Fotos von damals aus Archiven vorlegte: Es fehlten das Atmosphärische, die Emotionen, die Ängste, das Heimweh. Das entnahm er erst den Briefen, die die Monuments Men damals an ihre Familien geschrieben hatten.

Die Familien seien mit den authentischen Briefen sehr kooperativ gewesen, sagte Edsel. So auch im Falle von James Rorimer, dem späteren Direktor des Metropolitan Museum. Weder im Museum noch in der Familie kannte jemand Rorimers Rolle im Zweiten Weltkrieg. Rorimers Tochter suchte auf Bitten Edsels so lang nach Originaldokumenten, dass sie ihm endlich – zwei Wochen vor Manuskriptabgabe an den Verlag – die Briefe überlassen konnte.

Die Amerikaner und das Erbe der Europäer

Dass Italiener, Franzosen, Deutsche, Österreicher versucht hätten, das nationale Erbe zu schützen und zu retten, sei noch verständlich, aber dass sich Amerikaner in Europa dafür engagierten, sei für ihn sehr überraschend gewesen. "Es waren durchschnittliche Leute, die Außergewöhnliches getan haben." Sie seien damals rund 40 Jahre alt gewesen, mitten in etablierten Karrieren, in der Regel verheiratet und mit Familien. Sie hätten also genug Gründe gehabt, lieber nichts zu riskieren, und haben sich dennoch für die gefährdeten Kunstwerke engagiert. Als Kunsthistoriker mussten sie sich ihre Position in der Armee anfangs sehr schwer erkämpfen, später seien sie respektiert worden.

Die Erben finden Fotos und beginnen zu suchen

Weit mehr als fünf Millionen Objekte waren betroffen. Nicht nur berühmte Gemälde und Skulpturen, sondern auch Kirchenglocken, Thorarollen und wertvolle Gebrauchsgegenstände. Noch immer versuchen Familien, die Rückgabe von geraubten Objekten zu erreichen, es wird indes immer schwieriger. "Jetzt haben wir eine interessante Zeit: Die Zeitzeugen sterben jetzt, die Erben entdecken im Nachlass Fotos und beginnen zu suchen", so Edsel.


Ewald König


Links

Buch: "Monuments Men" von Robert M. Edsel mit Bret Witter. Übersetzt von Hands Freundl. Residenz Verlag, 560 Seiten)

Homepage: Monuments Men

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