Die EU und der sexuelle Missbrauch im Sport

Allein in Deutschland toben sich zehn Millionen Kinder in Sportvereinen aus. Für einige wird das Training zum Alptraum. Foto: michael hirschka / pixelio.de

Die Kirche. Die Schule. Und nun der Sport. Sexuelle Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche in Sportvereinen sollen nicht länger Tabuthemen sein. Die EU-Kommission unterstützt ein europaweites Präventionsprojekt.

Zwei Tage lang haben Experten aus 25 Ländern in Berlin das Tabuthema debattiert, das in Fachkreisen mit SHA abgekürzt wird: Sexual Harassment and Abuse, sexuelle Belästigung und Missbrauch.

"Die EU-Kommission hat dieses Thema nicht erwartet", gestand Bart Ooijen von der Generaldirektion der EU-Kommission für Bildung und Kultur, zuständig für Sport. "Aber wir haben die Anfrage sofort sehr willkommen geheißen. Und die bisherige Arbeit der Experten ist exzellent."

60 Prozent der Opfer sind Mädchen

Die wenigen bisher existierenden Studien aus einigen EU-Ländern ergeben, dass mehr als ein Viertel der weiblichen Sportler sexuell belästigt oder missbraucht worden seien.

Aber auch Jungen sind gefährdet: Die Opfer sind zu sechzig Prozent Mädchen und zu dreißig Prozent Jungen. Bei zehn Prozent geht aus den Berichten bzw. den Meldungen per Helpline das Geschlecht nicht hervor.

In zwei Dritteln der Fälle geschieht der Missbrauch an einem Opfer mehr als einmal. In der Hälfte der Missbrauchsfälle greift der Täter mehr als nur ein Opfer an. Das zeigen zumindest die dokumentierten Fälle; die Dunkelziffer dürfte größer als die Hälfte sein. Und in der Hälfte aller Fälle kommen mehrere Arten von sexueller Belästigung vor.

"Helpline" rund um die Uhr

Manche Vereine haben eine "Helpline" eingerichtet, über die sich Opfer Tag und Nacht an eine Vertrauensperson wenden können. Erfahrungsgemäß melden sich junge Leute mit einschlägigen Hinweisen nach 21 Uhr – nach dem abendlichen Training.

An einer solchen Nummer melden sich aber auch Trainer, entweder weil sie Beratung für eine Selbstanzeige suchen oder weil sie Opfer einer Diffamierungskampagne geworden sind und wissen wollen, wie sie sich gegen Gerüchte wehren können.

Nur 16 Prozent der Vereine haben eine präventive Politik entwickelt. Trotz intensiver Kommunikation der Dachverbände haben immer noch viele Vereine keine Ahnung davon. Sie sind sich der Problematik nicht bewusst. Sie erkennen nicht die Dringlichkeit einer vorbeugenden Politik. Sie müssen erst davon überzeugt werden, dass eine offene und öffentliche Präventionspolitik gegen sexuellen Missbrauch ein wichtiges Qualitätsmerkmal für Vereine ist – durchaus ein Argument in konkurrierenden Sportvereinen, das für die Auswahl eines Vereins das ausschlaggebende Kriterium sein kann.

Jede Sportart betroffen

"Sport ist keine Insel", sagte einer der Experten. Doch immerhin gebe es im Sport prozentual nicht mehr Fälle als in der sonstigen Bevölkerung. Allerdings ist jede Sportart betroffen, jede Ebene von Anfängern bis Elitesportlern, jede Altersgruppe, jedes Geschlecht.

Erklärungsbedürftig scheint es auf den ersten Blick, dass ein Verein angeblich null Fälle hat, aber sobald sich Betreuer damit befassen, schnellt die Zahl der Missbrauchsfälle in die Höhe. "Je mehr wir arbeiten, desto mehr Fälle gibt es", erzählte die Sicherheitsbeauftragte eines britischen Rugby Vereins. Die Sozialarbeiter bekommen immer mehr Hinweise, weil die jugendlichen Opfer, aber auch deren Eltern erstmals erfahren, dass sie Meldungen erstatten und was und wie sie konkret berichten können.

"Und Sie wollen mir jetzt meinen Job erklären?"

Typische Reaktion von Vereinschefs, sobald sie mit der Frage Missbrauch konfrontiert werden: Er kenne die Trainer seit vielen Jahren, "und Sie wollen mir jetzt meinen Job erklären?" Plakate mit der Helpline-Telefonnummer werden rasch wieder abgerissen. Wenn Missbrauchsfälle bei den Fußballern vorkomme, tue ihm das für die Fußballer leid, aber in seiner Sportart und in seinem Verein habe es so etwas nie gegeben. Bis dann doch Fälle aus der Vergangenheit bekannt werden – sogar in Tischtennisvereinen und Paragliding Clubs.

Viele Unterschiede in den einzelnen Ländern

Doch gibt es zahlreiche Unterschiede in den einzelnen Ländern. Allein schon die Definition von sexuellem Missbrauch ist in vielen EU-Ländern unterschiedlich. Die gesellschaftlichen Normen sind verschieden. Das gesetzliche Rahmenwerk variiert. Die Sportstrukturen sind nicht jedem Land gleich.

Nicht zuletzt ist das Mündigkeitsalter von Land zu Land verschieden. Spanier sind mit 13 mündig; Bulgaren, Deutsche, Kroaten, Portugiesen und Ungarn mit 14; Dänen, Franzosen, Griechen, Polen, Rumänen, Schweden, Slowenen und Tschechen mit 15; Belgier, Briten, Finnen, Niederländer und Norweger mit 16; Iren und Zyprer mit 17; Maltesen und Türken erst mit 18 Jahren.

Außerdem gibt es rund fünfzig unterschiedliche Verhaltenscodices.

Unterschiede gibt es auch in den diversen Ebenen. Mehr als fünfzig Prozent der Elitesportler haben demnach ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht.

Missbrauch nicht nur in den Trainingsstunden

Gelegenheiten finden sich nicht nur in den Sportstunden selbst. Es beginnt schon beim Transport der Kinder zum und vom Verein. Die Umkleideräume können Tatort sein, das Vereinsbüro, die Wohnung des Trainers. Bei Fotoaufnahmen der Kinder im Verein sollte man aufpassen. Oder wenn sich ein Coach nach den Trainingsstunden mit den Schützlingen zusammensetzt, die Jugendlichen auf alkoholische Getränke einlädt und sehr private Fragen stellt.

Manche Trainer machen ihre Schutzbefohlenen im Internet an und spielen mit sexuellen Andeutungen (Fachleute nennen das "grooming"). Eine ganz andere Variante ist "Cyber Bullying", auf Neudeutsch: Mobbing übers Netz. Auch so lässt sich Druck ausüben.

Vereinsstrategien zum Schutz der Kinder

Welche Schritte empfehlen die Experten? Vereine sollen einen Beauftragten bestimmen, der dann bei den Vereinsmitgliedern auch bekannt gemacht werden muss. Sie sollen eine Kinderschutzstrategie entwickeln und diese auch transparent machen und veröffentlichen, da dies ein Kriterium für die Auswahl eines Vereins sein kann. Und schließlich sollen sich die Vereine an diese Strategie zum Schutz der Kinder auch gebunden fühlen.

Iris Jensen von der Sportjugend Berlin (rund 2.000 Berliner Sportvereine mit 220.000 Kindern) berichtete, dass es allein in Berlin insgesamt 700 Missbrauchsfälle pro Jahr gibt, in Kirchen und Schulen, "und natürlich ist der Sport keine Ausnahme". In ganz Deutschland werden alljährlich 15.000 Fälle dokumentiert, was freilich nur als die Spitze eines Eisbergs gilt.

In Großbritannien sind polizeiliche Führungszeugnisse obligatorisch, in Deutschland nur für professionelle Trainer, nicht aber für Freiwillige.

Nicht alle Trainer unter Generalverdacht

Wichtig ist es den Organisatoren freilich, dass die Trainer, die in der Regel ehrenamtlich ihre Zeit zur Verfügung stellen, nicht unter Generalverdacht geraten.

Es gibt auch heikle Vorkommnisse. Etwa wenn ein Trainer völlig unschuldig angeschwärzt wird. Manchmal rächen sich junge Sportler auf diese Art und Weise, nur weil ihnen im Verein der Aufstieg verwehrt wird. Für den Trainer kann dies existenzvernichtende Folgen haben.

Eltern, die sich "wie Groupies" benehmen

Und es sind sogar Fälle bekannt, in denen sich Eltern gegenüber dem vergötterten Trainer "wie Groupies benehmen", so ein Konferenzteilnehmer, "die alles akzeptieren und sogar Schaden für ihren Nachwuchs  in Kauf nehmen, nur um ihren Kindern zu guten Resultaten zu verhelfen."

Zu diskutieren gibt es noch viel: Was ist, wenn die sexuelle Belästigung nicht körperlich, aber massiv verbal erfolgt? Was ist, wenn sexuelle Belästigung und Missbrauch nicht durch einen Coach, sondern durch ein Vereinsmitglied erfolgt? Was ist, wenn der Altersunterschied zwischen Trainer und Vereinsmitglied weniger als fünf Jahre beträgt und die Tat eher als Erfahrungsammeln für beide Seiten zu werten ist? Was ist, wenn der Täter, der sich an einem Mädchen oder an einem Jungen vergeht, nicht männlich, sondern eine Trainerin ist? Wenn der Trainer aus dem engsten Umfeld des Opfers (Familie, Verwandtschaft, Nachbarschaft) stammt? Wenn die Opfer erst spät darüber reden und die Tat mittlerweile verjährt ist?

Europäisches Netzwerk im Aufbau

Mit Hilfe des EU-geförderten Projekts "Prevention of Sexualized Violence in Sports" (Prävention sexueller Gewalt im Sport) soll ein europäisches Netzwerk entstehen, das die Aufmerksamkeit für das Thema erhöhen, Informationen vermitteln, Erfahrungen austauschen und international kooperieren soll. Das Projekt hat zum Ziel, Einzelpersonen genauso wie Sportorganisationen auf allen Ebenen der europäischen Strukturen zu sensibilisieren.

Vor allem soll, das betonten alle Konferenzteilnehmer, Kindern und Jugendlichen eine Stimme gegeben werden, und man soll auf sie hören.

Seit Januar 2012 befassen sich elf Wissenschaftler aus zehn Ländern mit dem Thema; die Berliner Konferenz war die Schlussphase. Es sind dies Stiliani Chroni aus Griechenland, Kari Fasting aus Norwegen, Mike Hartill aus Großbritannien, Nadezda Knorre aus Tschechien, Montserrat Martín aus Spanien, Maria Papaefstathiou aus Zypern, Daniel Rhind aus Großbritannien, Bettina Rulofs aus Deutschland, Jan Toftegaard Støckel aus Dänemark, Tine Vertommen aus Belgien und Joca Zurc aus Slowenien.

Zehn Millionen Kinder in deutschen Sportvereinen


Ingo Weiß
und Jan Holze ist das Thema ein großes Anliegen: Weiß ist Vorsitzender der Deutschen Sportjugend (dsj), dem 91.000 Vereine mit zehn Millionen Kindern und Jugendlichen angehören, ferner ist er Vorstandsmitglied des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sowie Präsident des Deutschen Basketballbundes (DBB), Vizepräsident des europäischen Basketballverbandes und Präsident der Weltjugend-Basketballkommission. Holze ist Weiß‘ Stellvertreter in der DSJ sowie der Vorsitzende der ENGSO Youth, der Europäischen Non-Governmental Sports Organisation für die Jugend.

Weiß und Holze setzen auf den europäischen Rahmen des Präventionsprojekts. Offenbar deshalb luden sie Teilnehmer aus 25 Ländern ein, um nicht den Eindruck zu erwecken, einige Länder zu diskriminieren, in denen mehr Fälle gemeldet werden als in anderen.

Wie ein pädophiler Olympiatrainer das Leben von Karen Leach zerstörte

Den stärksten Eindruck auf der Berliner Konferenz hinterließ Karen Leach. Als die 41-jährige Irin schilderte, wie der pädophile Derry O’Rourke vom King’s Hospital Swimming Club Dublin ihr Leben zerstörte, war es total still. Für Karen Leach war es erst das vierte Mal, dass sie über ihre Erlebnisse sprach. Sie hatte mit sich zu kämpfen. Doch sie will ihr Leid öffentlich machen, um anderen Kindern solche Torturen zu ersparen.

Derry O’Rourke war irischer Nationaltrainer bei den Olympischen Spielen in Moskau 1980. Er hatte Karens Eltern versprochen, die Tochter zur Olympiareife zu bringen. Und mit diesem Traum von Olympia erpresste er sie.

"I was a dead girl walking"

Schon im Alter von elf Jahren betete sie jeden Abend, den nächsten Tag nicht mehr erleben zu müssen. "I was a dead girl walking." Ihr Geist hatte ihren Körper längst verlassen. Missbrauch in der Kabine, während draußen der ahnungslose Vater im Auto wartete, Missbrauch im Trainerzimmer, im Trainingslager, auf den Trainingsreisen.

Niemand hätte ihr geglaubt, wenn sie Andeutungen gemacht hätte: Der Trainer war wie Gott. Alle vertrauten und glaubten ihm, dem großen Olympiatrainer. Als Karen und andere Missbrauchsopfer einmal sagten, was passiert sei, glaubte man nicht ihnen, sondern dem allmächtigen Coach.

Alkohol, Suizidversuche, Anstalt

Sie wollte nur noch sterben. Ihr Körper gab auf, verweigerte die Trainingsleistungen. Es folgten Isolierung, die Flucht in den Alkohol, eine Serie von Selbstmordversuchen, die Einweisung in eine geschlossene Anstalt. Als die Eltern den Grund erfuhren, brach es ihnen das Herz. Die Mutter, die sich selbst Vorwürfe machte, beging Selbstmord und wurde leblos aus dem Grand Canal gefischt.

Als Karen im Fernsehen einmal ein Missbrauchsopfer eines pädophilen Priesters reden hörte, fasste sie plötzlich Mut. O’Rourke kam vor Gericht. Er bekannte sich schuldig und wurde für diese und andere Taten zu 22 Jahren verurteilt. Im Gericht konnte sie es kaum fassen, dass endlich ihr und nicht ihm Glauben geschenkt wurde.

Fünf irische Trainer angeklagt

Nach neun Jahren kam er frei. Sein Nachfolger war übrigens ebenfalls pädophil. Insgeamt wurden fünf Trainer angeklagt, vier davon inhaftiert. In einem Fall waren die Taten verjährt, der Täter tauchte in den USA unter. In einem anderen Fall eines prominenten irischen Schwimmtrainers wurde ein Mädchen schwanger, und der Trainer führte zu Hause eine Explosion herbei, bei der seine Frau und sein Kind ums Leben kamen. Der Schwimmverband wurde aufgelöst.

Dreißig Lebensjahre habe ihr der Trainer gestohlen, sagte sie. Bald ist sie, Mutter des sechsjährigen Jake, mit einer psychotherapeutischen Ausbildung fertig, mit der sie ihre eigenen Erfahrungen zur Prävention von sexuellem Missbrauch einsetzen und andere junge Leute davor bewahren will.

"Man muss die Kinder davor schützen, dass sie ein Leben haben wie meines", plädierte Leach. "Wir dürfen niemandem die Macht geben, Kindern ihr Kindheit zu stehlen!"

Ewald König

Links

Homepage Deutsche Sportjugend 

Homepage Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS Frankfurt am Main) 

Homepage Deutscher Olympischer Sportbund 

Homepage European University Sports Association

EU-Kommission Sport Unit

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