Mit gemischten Gefühlen blicken die meisten EU-Nachbarn auf Deutschlands Rolle in der Euro-Krise. So sind die Griechen sehr schlecht auf die Deutschen zu sprechen, andere Länder sehen das deutsche Modell dagegen als Vorbild. EURACTIV.de hat eine Studie ausgewertet und das gewandelte Deutschland-Bild von 14 EU-Ländern zusammengefasst.
Das Deutschland-Bild der EU-Nachbarn schwankt sehr stark von Land zu Land – abhängig von den bilateralen Beziehungen, der Geschichte, der Rolle des jeweiligen Landes in der EU, seinen nationalen Interessen, seiner wirtschaftlichen Situation oder seiner geographischen Lage. Forscher aus verschiedenen Ländern haben Deutschlands Image in einzelnen EU-Ländern anhand dieser Faktoren analysiert und in der Studie des European Policy Institutes Network "Germany as viewed by other EU Member States" zusammengefasst. EURACTIV.de hat die allgemeinen Trends im Beitrag Blick der EU-Nachbarn auf Deutschland erläutert und gibt nachfolgend eine länderspezifische Übersicht.
Bulgarien
Die Bulgaren hätten, so die Forscherin Antoinette Primatarova, einerseits Verständnis für Deutschlands Europapolitik und respektierten seine Führungsrolle in der EU. Andererseits werde es immer natürliche Differenzen geben, die aus unterschiedlichen Interessen, z. B. zwischen großen und kleinen EU-Ländern, resultierten.
Bulgariens neuer Präsident Rossen Plevneliev unterstütze Deutschlands Krisenmanagement und seine Führungsrolle in der EU: Diese führe zu einem stärkeren Europa. Laut Primatarova vertrete Premier Minister Boyko Borisov dieselbe Meinung hinsichtlich finanzpolitischer Stabilität wie Angela Merkel. Die amtierende Regierung und die Bulgaren bekräftigten Deutschland auch darin, dass Solidarität und Vertrauen von Verantwortung abhänge.
Primatarova zufolge seien die positiven Wahrnehmungen von Deutschlands Rolle in der EU auf die Erfahrungen Bulgariens in der Transition und der Heranführung an die EU zurückzuführen. Zum einen hätten Deutschlands politische Stiftungen viel zur politischen Sozialisierung der bulgarischen Parteien beigetragen. Zum anderen habe sich das Land im Gegensatz zu Frankreich stark für den EU-Beitritt Bulgariens eingesetzt. Deswegen tendiere Bulgarien bei deutsch-französischen Konflikten eher dazu, Deutschland beizustehen.
Dänemark
Dänemark orientiere sich zunehmend mehr an Deutschland, ohne dabei sein Prinzip, keine Bündnisse einzugehen, aufzugeben, meinte der Forscher Peter Munk Jensen. Auf der politischen Ebene habe Dänemark sich schon immer an Deutschlands politischer Entwicklung orientiert. Auch wenn die Ressentiments der Bevölkerung weitestgehend negativ gewesen seien. Das Misstrauen dem südlichen Nachbarn gegenüber habe sich zu einer umfassenden Europaskepsis ausgeweitet. Erst jüngst sähen mehr und mehr Dänen die EU und Deutschland zunehmend positiver. Teile der dänischen Bevölkerung, vorwiegend die Älteren, blieben jedoch weiterhin skeptisch. Das hänge, Jensen zufolge, mit ihrer Geschichte, der Furcht vor deutscher oder europäischer Vorherrschaft, dem Festhalten an formaler und symbolischer Souveränität zusammen.
Eine große Mehrheit im dänischen Parlament und der Bevölkerung unterstütze den Fiskalpakt, schrieb Jensen. Zudem wolle Dänemark die Eurokrise mit ‚mehr Europa‘ lösen. Statt einer föderalistischen – deutschen – Version plädiere es jedoch dafür, die Zusammenarbeit im bestehenden institutionellen Rahmen zu verstärken.
Finnland
Laut der Forscherin Kaisa Korhonen zeige Finnland, genau wie Deutschland, klare konstruktive und pragmatische Ansätze, um in der EU eine gemeinsame Politik zu verfolgen. Die wirtschaftlichen Initiativen aus Brüssel befinde Finnland nicht immer für gut. Im Gegensatz zu anderen EU-Mitgliedsstatten kritisiere es aber deswegen nicht Deutschlands Führungsrolle und dessen Krisenmanagement. Das sei auf die engen finnisch-deutschen Beziehungen zurückzuführen. Der starke Einfluss Deutschlands auf die EU-Wirtschaftspolitik werde als notwendig und vernünftig angesehen. Und das nicht erst seit der Krise. Korhonen zufolge könne sich Finnland gut vorstellen, Deutschland ganz die Führung in der EU zu übertragen. Der föderalistischen Vision Deutschlands von der EU stehe das Land aber skeptisch gegenüber.
Frankreich
Vertrauen und Zuverlässigkeit sei es, was Frankreich mit Deutschland verbinde. Missverständnisse und Irritationen über das politische System und Berlins Vorstellungen von EU-Politik könnten trotzdem vorkommen. Diese Schlussfolgerungen zogen die Forscher Yann-Sven Rittelmeyer und Claire Demesmay.
"Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der alten Weltordnung haben die Franzosen Deutschland in ihrem kollektiven Gedächtnis mit der Frage ihrer eigenen Führungsrolle in Verbindung gebracht", meinten Demesmay und Rittelmeyer. Frankreich strebe danach, einen starken Einfluss in Europa zu bewahren und Deutschland auf Augenhöhe zu begegnen. Gute deutsch-französische Beziehungen hingen aber nicht von der Parteizugehörigkeit ab. Französische Politiker hätten die Zusammenarbeit beider Länder nie in Frage gestellt. Nicolas Sarkozys Verhalten im Umgang mit Deutschland sei von Pragmatismus gekennzeichnet gewesen.
Die Franzosen stellen vorwiegend in den Bereichen Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und Export einen Vergleich mit Deutschland an. So habe Sarkozy besonders im Wahlkampf oft vom "deutschen Modell" gesprochen. Rittelmeyer und Demesmay werteten das als Indiz für ein positives Deutschland-Bild in Frankreich. Auch Umfragen zeigten: Die letzten Jahrzehnte habe man Deutschland mit positiven Begriffen assoziiert: Ernsthaftigkeit, Disziplin, Arbeit. Die Eurokrise habe diese Tendenz verstärkt. Zu Beginn dieses Jahres sei das "deutsche Modell" von 62 Prozent der Franzosen positiv gesehen worden.
"Die Bürger kennen Deutschland im Allgemeinen besser als das in der Vergangenheit der Fall war", schrieben die beiden Wissenschaftler. Die Normalisierung der Wahrnehmung der beiderseitigen Beziehung umfasse Politiker und Bevölkerung in Frankreich. Deutschland werde nicht mehr dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht, man könne aber nicht von starken Emotionen sprechen. Rational und pragmatisch seien die Beziehungen. So sei Deutschland eher der "privilegierte" und "beste Partner" als der "Freund". Neben Deutschland (82 Prozent) habe auch Merkel in der französischen Bevölkerung ein sehr positives Image: zu 60 Prozent positiv, zu 24 Prozent negativ.
In einigen Punkten, so Rittelmeyer und Demesmay, gebe es Differenzen. Da Frankreichs wirtschaftliche Größe von der Inlandsnachfrage abhänge, sähen die französischen Politiker in der Sparpolitik ein Risiko: das der Rezession. Daher sei Deutschlands Bestehen auf der Haushaltsdisziplin oft als ungerecht, ineffizient und riskant interpretiert worden.
Griechenland
Die griechische Haltung führt der Forscher George N. Tzogopoulos auf das Verhalten von Politikern und Medien zurück. Eine beliebte Strategie der Politiker bestehe darin, Misserfolge politischen Gegnern oder externen Faktoren zuzuschreiben, kurz: Sündenböcke zu finden. Damit könnten politische Entscheidungen beeinflusst und eigene Prioritäten auf Kosten der griechischen Bevölkerung durchgesetzt werden. Seit Oktober 2009 machten sie Deutschland für den "langsamen Tod der Hellenischen Wirtschaft" verantwortlich, schrieb Tzogopoulos in seiner Analyse. Insbesondere Merkel und Finanzminister Wolfgang Scha?uble würden öffentlich kritisiert: Berlin habe mit seiner Griechenlandhilfe zu lange gewartet und eine aggressive Rhetorik angenommen, nur um daheim politische Vorteile zu erzielen, so die Kritik. "Viele griechische Politiker nutzen auch Emotionen", sagte Tzogopoulos. "Oft nennen sie die Reparationszahlungen aus dem Zweiten Weltkrieg und sagen, das seien finanzielle Verpflichtungen, denen Deutschland nicht nachgekommen sei." Die griechischen Medien spielten mit einer anti-deutschen Rhetorik eine aktive Rolle in den Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Ländern.
Eine Umfrage vom Februar 2012 zeigt: 79 Prozent der Griechen haben ein negatives Bild von Deutschland, 81 Prozent von Merkel. Rund 32 Prozent denken an Hitler, Nazis und das Dritte Reich. Mehr als drei Viertel der Griechen finden, dass Deutschland eine Politik mache, die der Gründung eines "Vierten Reichs" ähnele.
Auch auf deutscher Seite schüre man anti-griechische Ressentiments, heißt es in der EPIN-Studie. "Berlin zum Beispiel hat Athen manchmal offen angegriffen", so Tzogopoulos. Zudem seien die Deutschen von den Rettungspaketen nicht gerade begeistert. In den Medien würden die Griechen häufig als bankrott, korrupt und faul dargestellt. Die Folge sei ein "griechisch-deutsches Missverständnis".
Großbritannien
"Großbritannien scheint in den vergangenen 20 Jahren seinen Nachkriegs-Minderwertigkeitskomplex gegenüber Deutschland überwunden zu haben", meinte der Wissenschaftler Hans Kundnani. Dieser Trend habe sich während der Eurokrise wieder geändert. Seit Krisenbeginn sei eine Wiederkehr britischer Antipathie den Deutschen gegenüber feststellbar. Zur alten Europaskepsis (rechte Parteien) und Deutschlandphobie komme die Ablehnung der Sparpolitik (linke Parteien). Alles zusammen genommen erhöhe die Europaskepsis und die antideutschen Ressentiments in Großbritannien. Die Rechte sei zwar ihrerseits für die Sparmaßnahmen, aber gegen ‚mehr Europa‘. Bei der Linken sei das Gegenteil der Fall. Beide sähen in Deutschland zunehmend ein Problem. Daher verschlechtere sich das deutsch-britische Verhältnis während der Krise.
Italien
In Italien, so Forscher Federico Niglia, sei das Bild von Deutschland und den Deutschen schon immer durchmischt gewesen: mit Vorurteilen und alten Stereotypen. Gleichzeitig werde Deutschland öffentlich auch als Italiens engster politischer und wirtschaftlicher Partner gesehen. Das Land sei schon in der damaligen EWG für zu groß gehalten worden, um sich der Monopolisierung von Macht enthalten zu können. Seit jeher bestehe Skepsis gegenüber den deutschen Führungsbestrebungen: beim italienischen Bürger als auch der politischen Elite.
Seit Beginn der Finanzkrise 2008 seien sich Deutschland und Italien im Krisenmanagement uneinig, schrieb Niglia. Italienische Kommentare präsentierten Merkel als Verteidigerin der deutschen Interessen – diese widersprächen den europäischen.
Zudem etabliere sich Deutschland, so Niglia, zunehmend als globale politische Macht, etwa in den Vereinten Nationen. Würde Deutschland ein permanenter Sitz in der UN zugesprochen, nehme Italien das als Bedrohung wahr. Die Italiener seien besorgt, dass mit einer Aufwertung Deutschlands eine Abwertung ihres Landes einhergehe. Seit Adenauer- und De Gaulles Zeiten hätten die Italiener auch Angst vor einer Koalition zwischen Deutschland und Frankreich. Obwohl sich die Regierung unter Mario Monti um einen neuen Dialog mit Deutschland bemühe, sehe der Durchschnittsitaliener das Land eher als "Sorgenquelle" als als Partner. Das führe zu einer Verschlechterung der aktuellen deutsch-italienischen Beziehungen.
Österreich
Dem Forscher Franco Algieri zufolge profitierten die österreichische Regierung, die Industrie, die Unternehmen und die Wirtschaft selbst von der starken deutschen Wirtschaft. Deutschland sei weitestgehend als Motor des europäischen Wirtschaftswachstums akzeptiert. Österreich habe also ein Interesse daran, die "pragmatische Beziehungen" mit Deutschland weiterzuführen, so Algieri.
Wie die Deutschen seien sich die Österreicher nicht über das richtige Krisenmanagement in der EU einig. Bis jetzt habe die österreichische Regierung Merkels Schritte mitgetragen. Viele hätten die deutsche Position positiv gesehen. Jedoch werde die Sparpolitik zunehmend hinterfragt. Bedeutend seien stets auch die Beziehungen zwischen den Politikern.
Polen
"Die polnische Haltung gegenüber Deutschlands Europapolitik verändert sich", schrieb Forscherin Agnieszka ?ada. Sie reiche von Angst vor einer deutschen Vorherrschaft – eine Bedrohung für Polen – bis zur Unterstützung der deutschen Führungsposition in der EU. In jedem Fall, so ?ada, bedinge eine Unterstützung der deutschen Politik durch Polen die deutsche Versicherung der wechselseitigen Entscheidungsfindung. Polen wolle einerseits die EU-Institutionen stärken, um Deutschlands Positionen auszugleichen. Andererseits sei das Land auch bereit, Reformen zu akzeptieren und guten Willen zu zeigen, um Veränderungen in der EU möglich zu machen und als solider Partner akzeptiert zu werden. Laut ?ada hänge der polnische Standpunkt jedoch sehr von der regierenden Partei ab.
Die deutsch-polnischen Beziehungen seien besser denn je. Trotz kleinerer Auseinandersetzungen, zum Beispiel in Bezug auf die EU-Fonds oder die Klimapolitik, gebe es keine bedeutenden Probleme. Umfragewerten zufolge schätze die Mehrheit der Polen die bilateralen Beziehungen als gut ein. Drei von vier Polen glaubten, dass ihre beiden Länder sich auf die Gegenwart und die Zukunft konzentrieren sollten, und nicht auf die Vergangenheit. Trotz der Finanzkrise seien 62 Prozent der Polen davon überzeugt, dass ‚mehr Europa‘ gut für ihr Land sei. 58 Prozent seien aber der Meinung, Deutschland und Frankreich profitiere davon mehr als sie selbst. Die Hälfte der Befragten hätten Bedenken, das könne in ein von Deutschland dominiertes Europa führen. Hinzu komme die Angst Warschaus, dass es – sollte es zu einem ‚Europa der zwei Geschwindigkeiten‘ kommen – keine starke Stimme mehr habe. Gleichzeitig denke die Mehrheit der Polen, Deutschland verbessere die Zusammenarbeit in Europa. Das seien vier Prozent mehr als vor der Krise 2005, so ?ada.
Portugal
In Portugal gingen die Meinungen über Deutschland weit auseinander: Die portugiesische Regierung unterstütze Deutschlands Sparforderungen. Die Opposition und die Zivilgesellschaft verliere dagegen den Glauben daran, dass sich die zunehmende Sparpolitik unter deutscher oder europäischer Schirmherrschaft für Portugal lohnt. Zu diesen Schlussfolgerungen kommen die Forscher Joa?o Gil Freitas and Sandra Fernandes.
Nachdem das Land im April 2011 um ausländische Hilfe gebeten hatte, habe Portugal sich dem deutschen Modell des Krisenmanagements angepasst. Das Land habe in der Krise die Rolle des "guten Schülers" eingenommen und sich bemüht, ein Griechenlands Gegenbeispiel zu werden, so Freitas und Fernandes. Wie Deutschland habe die Regierung Coelhos die Sparmaßnahmen als notwendig erachtet. Von Seiten der Opposition und der Zivilgesellschaft werde deren Effizienz aber zunehmend hinterfragt. Auch die Debatte über die Eurobonds habe negative Ressentiments in Portugal hervorgerufen. So werde Merkel von portugiesischen Politik-Kommentatoren häufig übertriebene Härte vorgeworfen, was auch die Meinung der Bürger beeinflusse. Am häufigsten kritisiert werde Deutschlands Umgang mit Schuldnerländern und seine Haltung gegenüber einigen EU-Mitgliedsstaaten, obwohl diese es während der Wiedervereinigung unterstützt und ihm große Exportmärkte geöffnet hätten. Zudem habe Deutschland selbst die Regeln der Haushaltsdisziplin gebrochen. Viele Portugiesen forderten daher mehr Verständnis für andere Länder. Einige nationale Zeitungen und Magazine kritisieren letztlich Deutschlands Rolle in der Krise: Es missachte das große Gewicht der Geschichte in seiner Politik.
Rumänien
"Die Rumänen sehen Deutschlands Rolle in der EU positiv", schrieb die Forscherin Agnes Nicolescu. Deutschland sei ein Vorbild für die rumänische Wirtschaft und die heimischen Exporte. Durch die noch recht neue EU-Mitgliedschaft gehe die Debatte über Deutschlands Führungsrolle in der EU bisher nicht über professionelle, akademische und wissenschaftliche Kreise hinaus.
In eigenen Punkten jedoch, so Nicolescu, divergierten Rumänien und Deutschland. Mit wachsender Skepsis sehe Rumänien beispielsweise den strukturellen Rahmen, den die EU in Folge der Krise schaffte. Es bezweifele, dass sich dieser als effizient erweist. Zudem seien rumänische Experten der Meinung, Disziplin sei ohne finanzielle Solidarität nicht sinnvoll.
Kritisch finde Rumänien, Nicolescu zufolge, auch Deutschlands Orientierung nach Osteuropa. Die zunehmende Normalisierung der politischen Beziehungen zwischen Moskau und Berlin beeinträchtigte die positive Wahrnehmung Deutschlands bei den rumänischen Bürgern und in den Massenmedien. Bedingt durch historische Erfahrungen fühle es sich als kleines oder mittelgroßes Land zwischen zwei Großmächten unwohl. Zudem bedeute die Normalisierung, dass sich auch automatisch die Beziehungen zwischen Russland und der EU als Ganzes verbessern würden.
Spanien
Die Spanier seien immer begeisterte Europäer gewesen und blieben das auch. Das schrieb die Forscherin Laia Mestres in ihrer Analyse. So sagten 2011 weiterhin sechs von zehn Spaniern, sie hätten von der Mitgliedschaft in der EU profitiert. Das Eurobarometer zeige aber auch, dass das Vertrauen in die EU im vergangenen Jahr drastisch gefallen sei.
Die spanischen Politiker hätten jedes Problem stets mit ‚mehr Europa‘ lösen wollen. Durch die Wirtschaftskrise sei ihre politische Handlungsfähigkeit in der EU jedoch zurückgegangen. Die Sparmaßnahmen würden als von der EU "aufgezwungen" wahrgenommen, zunehmend als "unfair" bewertet und mit Deutschland in Verbindung gebracht. Merkel stehe für Sparpolitik. Demnach sei ihre Beliebtheit einer Umfrage des Think Tanks Real Instituto Elcano zufolge gefallen. Sie belegte dennoch nach Obama den zweiten Platz.
Seit der Wahl Merkels zur Kanzlerin, seien die Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland "etwas abgekühlt", meinte Mestres. Die Spanier fühlten sich zunehmend an die "Peripherie Europas" zurückversetzt. Einer der Gründe für die asymmetrischen deutsch-spanischen Beziehungen sei eine fehlende gemeinsame Agenda, sowohl auf bilateraler als auch auf europäischer Ebene. Diese sei durch die Krise noch stärker hervorgetreten. Spanien könne sich nicht als gleichberechtigter Partner etablieren, da es politisch und wirtschaftlich hauptsächlich von Deutschlands Führungsrolle in Europa abhängig sei. Wie andere südeuropäische Länder hätten die Spanier Angst vor einem "Europa der zwei Geschwindigkeiten". Denn: Das würde Spaniens Einfluss in Europa mindern. Schon jetzt glaubten die Spanier, dass sie Bürger zweiter Klasse in Europa seien. Der alte Minderwertigkeitskomplex Spaniens gegenüber Deutschland und Nordeuropa käme wieder auf. Jedoch verspürten die spanischen Bürger selbst kaum anti-deutsche Ressentiments. Deutschland sei in ihrem täglichen Leben allgegenwärtig.
Ungarn
Im Gegensatz zu anderen Ländern seien die deutsch-ungarischen Beziehungen nicht durch besondere historische Ereignisse vorbelastet, sagte Wissenschaftler La?szlo? J. Kiss. Angst bestehe nur vor einer deutschen Vorherrschaft oder Deutschlands Scheitern bei der Führung der EU. Die beiderseitigen Beziehungen seien für Ungarn wichtig. Denn: kein ungarischer Wirtschaftsaufschwung ohne Deutschland. Daher werde das Land als strategischer Partner gesehen und seine ökonomische Führungsrolle akzeptiert.
Dennoch, so Kiss, werde Deutschland in Ungarn nicht durchweg positiv wahrgenommen. So missfalle den Ungarn beispielsweise die kritische Berichterstattung deutscher Medien rund um Fidesz, Deutschlands Rolle als "Hegemon in der Eurokrise" oder der Fakt, dass die Deutschen für das Einfrieren von Ungarns Geldern aus dem Kohäsionsfonds gestimmt hätten.
Die Ungarn wüssten, dass die Deutschen die Führungsrolle nur sehr vorsichtig übernähmen. Dennoch habe man in Zentraleuropa Angst davor, "zwischen den Deutschen und den Russen erdrückt zu werden". Für die Ungarn sei Deutschland zu klein, um Europa wirklich zu dominieren, und zu groß, um die Bedenken anderer auszuräumen.
Tschechien
Auch für die Tschechen sei Deutschland wichtig: wirtschaftlich und handelspolitisch gesehen, sowie im Tourismus. Der Forscher David Kra?l schrieb in seinem Aufsatz, dass die Tschechen Deutschland mit einem Mix aus Furcht und Bewunderung wahrnehmen. Umfragen von 2010 zeigten, dass die Sympathie Deutschen gegenüber gestiegen sei, vor allem bei der jüngeren Generation.
Beide EU-Mitgliedsstaaten divergierten in einzelnen Punkten, wie etwa der Energie- und Klimapolitik. In Bezug auf die Eurokrise zeigten sich bei beiden Ländern Parallelen. Trotzdem lehne Tschechien den Euro-Plus-Pakt und den Fiskalpakt ab. Tschechiens Politiker seien, Kra?l zufolge, generell gespalten in der Frage, ob Deutschland Europa in die richtige Richtung führe. Die Sozialisten in der Opposition beispielsweise akzeptierten die deutsche Europavision, die amtierende Regierung habe die Beziehungen zwischen beiden Ländern mit ihrer Haltung dagegen komplizierter gemacht.
Daniela Heimpel
Links
EPIN: Germany as viewed by other EU Member States" (Juni 2012)
European Policy Institutes Network
Zum Thema auf EURACTIV.de
Blick der EU-Nachbarn auf Deutschland (31. Juli 2012)

