Der Europäische Sozialdialog ist den meisten Arbeitern unbekannt

Der Europäische Soziale Dialog soll unter anderem maximale Arbeitszeiten festlegen - beispielsweise im Transportsektor. [Val Thoermer/Shutterstock]

Mehr als 30 Jahre nach der Einführung durch Jacques Delors ist der Europäische Soziale Dialog bei Arbeitern nach wie vor eher unbekannt. EURACTIV Frankreich berichtet.

Das Fazit der Odoxa-Umfrage der Sozialrechte-Organisation Humanis, die am Dienstag veröffentlicht wurde, spricht ein vernichtendes Urteil. Der Europäische Soziale Dialog sei wie eine schlechte Telefonverbindung: Man versteht die Grundaussage – aber eben nicht vollständig.

Zwischen August und September 2017 waren französische, deutsche, britische, spanische und italienische Arbeiter befragt worden.

Im Durchschnitt sagten lediglich acht Prozent der Befragten, sie wüssten, wofür dieser Eckpfeiler des EU-Sozialmodells – der Diskussionen, Verhandlungen und gemeinsame Aktionen der Sozialpartner, und in gewissen Umständen eine Einmischung der EU-Behörden vorsieht – steht. Gleichzeitig sagten 47 Prozent, ihnen sei der Sozialdialog absolut unbekannt.

Lediglich die Hälfte der Befragten wusste, dass wichtige Grundrechte, beispielsweise in Bezug auf maximale Arbeitszeiten oder Elternzeit, in europäischen Abkommen vereinbart sind. Fast zwei Dritteln war nicht bewusst, dass der Europäische Soziale Dialog auch Tele-/Fernarbeit und den Kampf gegen übermäßigen Stress am Arbeitsplatz einschließt.

Besonders auffällig war das Unwissen bei französischen Arbeitern, von denen 58 Prozent noch nie vom Sozialen Dialog gehört haben. Laut Émile Leclerc, der für die Studie verantwortlich zeichnet, ist gerade das „ein Mittelfinger Richtung Geschichte“: Schließlich sei der Franzose Jacques Delors 1985 der Hauptinitiator des Programms gewesen, als er der Europäischen Kommission vorsaß.

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„Obwohl der soziale Dialog scheinbar missverstanden wird, funktioniert er dennoch konkret. Er ist in Europa sehr aktiv in bestimmten Bereichen, beispielsweise im Transport, im Baugewerbe und der Landwirtschaft und bei der Förderung der Arbeitsmobilität. Er tritt auch sehr dynamisch in den großen europäischen Unternehmen in Erscheinung,“ erklärt allerdings Agnès Colonval, Vize-Chefin für Außen- und europäische Beziehungen bei Humanis.

Französische Arbeiter bleiben misstrauisch

In Frankreich paart sich das Unwissen mit dem Nebeneffekt der Skepsis: So scheint es am schwierigsten, französische Arbeiter von den Vorteilen des Europäischen Sozialen Dialogs zu überzeugen. Während nur die Hälfte (51 Prozent, im Vergleich zu 63 Prozent im Gesamtdurchschnitt) glaubt, dass die Initiative einen effektiven Weg bietet, um Sozialstandards und den Kampf gegen Sozialdumping in Europa zu harmonisieren, sagten 59 Prozent, der Dialog habe keinen oder nur wenig Einfluss auf ihre persönlichen Arbeitsbedingungen.

Derweil glauben 62 Prozent der britischen und 61 Prozent der spanischen Angestellten, dass der soziale Dialog einen wichtigen Einfluss hat. Eine deutliche Mehrheit der befragten Spanier (69 Prozent) und Italiener (74 Prozent) gaben außerdem an, dass der Europäische Soziale Dialog ihre Arbeitsbedingungen verbessert habe. Sie wünschen sich daher einen weiteren Ausbau des Instruments.

Deutsche sind die glücklichsten Angestellten

Aus Sicht deutscher und französischer Arbeiter hingegen sollte der Sozialdialog eher nationale Sache sein. Dabei sind die deutschen Belegschaften auch die glücklichsten in Europa (80 Prozent) und mit Abstand am zufriedensten, was die Qualität des Sozialdialogs in ihren jeweiligen Unternehmen angeht: 83 Prozent schätzten diese als „gut“ oder „sehr gut“ ein. Ähnlich wie die Briten oder Spanier betonten deutsche Angestellte ihre persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten im Unternehmen positiv.

In Frankreich zeigt sich wiederum ein anderes Bild: Die Arbeiter glauben nicht nur, dass der Sozialdialog in ihren Firmen konfliktgeladen ist; sie sind auch die einzige Gruppe, die der Ansicht ist, dass sich die Situation verschlechtert.

Für Colonval gibt es dafür eine einfache Erklärung: „Der Soziale Dialog ist eine Realität in Frankreich. Er ist sehr gut in die nationalen Arbeitsschutzmaßnahmen integriert. Wenn die Franzosen am kritischsten sind, liegt das möglicherweise daran, dass sie auch am meisten fordern.“

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