In einem Interview von Die Zeit übt der französische Soziologe Kritik an den Studentenprotesten in Frankreich. Ihnen gehe es vor allem darum „erworbenen Besitz zu verteidigen“.
„In Frankreich heißen alle Streiks seit jeher ‚mouvement social’. Doch längst besteht ihr einziger Erfolg nur noch darin, den öffentlichen Verkehr lahmzulegen“, sagte er zynisch. Diese Demonstrationen seien „kein Kampf um Zukunftschancen mehr“, vielmehr gehe es darum, „erworbenen Besitz zu verteidigen“. Während die Studentenproteste 1968 auf Vertrauen und Zuversicht beruhten, seien sie heute geprägt von „Angst und Misstrauen“. Damals kämpften die Studenten für eine neue Dynamik, während „heute Dynamik und Flexibilität als Unsicherheitsfaktoren gelten“, sagte Touraine weiter.
Er zieht eine Parallele zwischen den Krawallen französischer Einwanderer in den Vororten von Paris im vergangenen Jahr und den Studentenprotesten. Immigranten und Studenten verbinde „das Gefühl von Diskriminierung und Exklusion“. Der Unterschied bestehe darin, dass die Einwanderer bereits ausgegrenzt seien, während die Studenten befürchteten, in der Zukunft ebenfalls Ausgeschlossene zu werden. Laut Touraine bräuchten die Franzosen eine „grundlegend neue Vision der Welt“ und müssten ihre „Vorstellungen vom Gemeinwohl gründlich revidieren“.
