Alain Touraine: Proteste in Frankreich Ausdruck von Zukunftsangst [DE]

In einem Interview von Die Zeit übt der französische Soziologe Kritik an den Studentenprotesten in Frankreich. Ihnen gehe es vor allem darum „erworbenen Besitz zu verteidigen“.

„In Frankreich heißen alle Streiks seit jeher ‚mouvement social’. Doch längst besteht ihr einziger Erfolg nur noch darin, den öffentlichen Verkehr lahmzulegen“, sagte er zynisch. Diese Demonstrationen seien „kein Kampf um Zukunftschancen mehr“, vielmehr gehe es darum, „erworbenen Besitz zu verteidigen“. Während die Studentenproteste 1968 auf Vertrauen und Zuversicht beruhten, seien sie heute geprägt von „Angst und Misstrauen“. Damals kämpften die Studenten für eine neue Dynamik, während „heute Dynamik und Flexibilität als Unsicherheitsfaktoren gelten“, sagte Touraine weiter. 

Er zieht eine Parallele zwischen den Krawallen französischer Einwanderer in den Vororten von Paris im vergangenen Jahr und den Studentenprotesten. Immigranten und Studenten verbinde „das Gefühl von Diskriminierung und Exklusion“. Der Unterschied bestehe darin, dass die Einwanderer bereits ausgegrenzt seien, während die Studenten befürchteten, in der Zukunft ebenfalls Ausgeschlossene zu werden. Laut Touraine bräuchten die Franzosen eine „grundlegend neue Vision der Welt“ und müssten ihre „Vorstellungen vom Gemeinwohl gründlich revidieren“. 

Die Studentenproteste in Frankreich gegen einen neuen Arbeitsvertrag (CPE, "
première embauche"
), der es Unternehmen leichter macht, junge Menschen einzustellen und zu entlassen, sind mit den Demonstrationen, die im Mai 68 in Paris und anderen Hauptstädten stattfanden, verglichen worden. Die Tatsache, dass französische Gewerkschaften sich den Protesten angeschlossen haben, hat einige Kommentatoren dazu veranlasst, von einer neuen „sozialen Bewegung“ zu sprechen. Aber der Soziologe Alain Touraine, einer der führenden Akademiker für soziale Bewegungen, bringt in einem Interview von Die Zeit (23. März) eine andere Sichtweise der Anti-Reformproteste zum Ausdruck.

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