Wie reagieren christliche Politiker auf den neuen Papst?

Othmar Karas an der Leitung: Was bringt der neue Papst in der Globalisierung? Foto: Europaparlament

Zwischen Abwarten und Zurückhaltung (I)Die Globalisierung und der neue Papst: Kann die Papstwahl den dringend benötigten Beitrag zu gemeinsamer Werte-, Wirtschafts-, und Sozialordnung sowie zum Parlamentarismus leisten, fragt sich mancher EU-Politiker. Insgesamt sind die christdemokratischen Politiker jedoch eher schweigsam, ihre Reaktionen verhalten. EURACTIV.de-Gespräch mit EU-Parlamentsvizepräsident Othmar Karas.

Im amerikanischen Repräsentantenhaus gibt es eine parteiübergreifende Arbeitsgruppe, die sich "Christians in Responsibility" (Christen in Verantwortung) nennt. Im EU-Parlament gibt es eine solche Vereinigung nicht. Selbst in der Europäischen Volkspartei (EVP), die derzeit 73 christlich-demokratische und konservativ-bürgerliche Parteien aus 39 Ländern Europas zählt, gibt es nur einen "Arbeitskreis für interkulturellen Dialog".

Wie reagieren jene Parteien, die sich in ihren Programmen zum hohen "C" in der Politik bekennen, auf den neuen Papst, der heute offiziell in sein Amt eingeführt wird und dessen Wahl zu einer in diesem Ausmaß nicht erwarteten Medienperformance geführt hat?

Die offiziellen Statements fallen sparsam und zurückhaltend aus, man ist um die Trennung von Kirche und Staat bemüht. So etwa spricht der Vorsitzende der EVP-Fraktion, Joseph Daul, zwar von einer "historischen Wahl", um sich dann auf ein sehr allgemein gehaltenes Statement zurückzuziehen: "Als erster lateinamerikanischer Papst in der Geschichte wird von ihm erwartet werden, den Herausforderungen der Schwellenländer wie Armut und soziale Probleme besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Die Welt ändert sich schnell, und dies betrifft alle Nationen, Religionen und Glaubensansichten."

Dieser Wandel gilt erst recht für politische Bewegungen, wie man am Beispiel Europa erkennt. Die Großparteien haben ihren Zenit überschritten, immer mehr Spontanbewegungen werben um Wählerstimmen, das ideologische Profil ist weitgehend verschwommen oder austauschbar geworden.

Ein Spitzenpolitiker, der sich dennoch nicht bedeckt hält und auch am "interkulturellen Dialog" immer wieder teilnimmt, ist einer der Vizepräsidenten des EU-Parlaments, Othmar Karas, Leiter der EU-Delegation der Österreichischen Volkspartei.

Interview mit EP-Vizepräsident Othmar Karas


Was bedeutet die Wahl dieses Papstes für Europa und das hohe "C" in der Politik?

KARAS: Mit der Wahl des aus Argentinien stammenden Kardinals Jorge Mario Bergoglio zum Papst wurden starke Zeichen gesetzt. Mit dem Namen Franzikus hat der neue Papst ein Programm gewählt, das es nun umzusetzen gilt. Weitere Signale sind: Mehr Sensibilität für die soziale Verantwortung, Handlungsfähigkeit im Sinne einer raschen Entscheidungsfindung und die Annahme der globalen Herausforderungen.  

Als 1978 ein Kardinal aus dem damals noch kommunistischen Polen zum Papst gewählt wurde, hatte dies einen Aufbruch im so genannten Ostblock zur Folge. Welche Folgewirkungen könnte die Wahl eines südamerikanischen Kardinals für die Welt haben?

KARAS: Die Papstwahl könnte ein Beitrag zu einer positiven Globalisierung sein, bei der sich unterschiedliche Kulturen auf Augenhöhe konstruktiv begegnen. Die Globalisierung benötigt dringend eine gemeinsame Werte-, Wirtschafts-, und Sozialordnung sowie Parlamentarismus.

Die südamerikanische Kirche ist für ihr soziales Engagement bekannt. Wird das sich generell auf die Diskussion über mehr soziale Ausgewogenheit und Gerechtigkeit auswirken?

KARAS: Die historische und soziale Erfahrung des neuen Papstes kann auch in Europa neue Impulse geben. Im Lissabon-Vertrag wurde zu Recht die Umsetzung einer nachhaltigen sozialen Marktwirtschaft festgelegt. Es muss klargestellt werden, dass neben der Banken- und Fiskalunion die weitere Integration der EU nur in sozialer Verantwortung und dem Ausbau der europäischen Demokratie gelingen kann.

Was bedeutet die Wahl des Papstes für das so genannte christliche Abendland, also für Europa. Muss Europa zurückstecken, andere auch kontinentale Gewichtungen zur Kenntnis nehmen?

KARAS: Die EU ist die noch unfertige Antwort Europas auf die Globalisierung. Gerade weil sich die Welt verändert, dürfen wir uns nicht mit dem Status quo zufrieden geben, sondern müssen die Europäische Union weiterentwickeln und an die Gegebenheiten anpassen. 

Politik, Gesellschaft und der innere Kompass


Das Profil vieler christdemokratischen Parteien ist sehr verschwommen geworden. Könnte mit der Wahl des neuen Papstes christliche Politik eine neue Dynamik erhalten?

KARAS: Es geht nicht darum, politische Parteien kirchlicher zu machen. Die Frage ist, wie das christliche Menschenbild und die christliche Soziallehre Orientierungspunkte für unser politisches Handeln sein können.

Ich glaube nicht, dass ein neuer Papst das Profil von Parteien schärfen kann und soll. Wir brauchen Menschen mit Mut und Überzeugungen, mit innerem Kompass, die sich in der Politik und in der Gesellschaft engagieren. Dies waren und sind oft Menschen, die dies aus einer religiösen Überzeugung tun. 

Die letzten Wochen vom Rücktritt bis zum Konklave haben den Eindruck verstärkt, dass die katholische Kirche im Heute angekommen ist. Könnte sich das auch auf unsere Gesellschaft, ihre Strukturen, ihr Selbstverständnis auswirken?

KARAS: Es zeigt sich, dass die jungen Menschen ausgeprägtes Interesse an bedeutenden Entscheidungen in sämtlichen Bereichen haben. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass sie auch einen positiven Zugang zu Europa und zur politischen Mitgestaltung haben. Entscheidend ist, dass wir dieser Aufgeschlossenheit der Jugend auch mit entsprechenden Teilnahmemöglichkeiten und Informationen begegnen. Glaubwürdigkeit und Vertrauen entscheiden in Politik wie Kirchen über die Einstellung und Bewertung der Menschen.


Herbert Vytiska (Wien)

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