Reding: „Das Internet kann gefährdete Sprachen retten“

MEP Viviane Reding ist überzeugt, dass die Online-Kommunikation wenig gesprochene Sprachen wie Luxemburgisch retten kann. [European Parliament]

Onlineplattformen haben dazu beigetragen, das Internet mehrsprachig zu machen. Gerade weniger häufig gesprochene Sprachen wie Luxemburgisch profitieren davon, sagt Viviane Reding im Interview mit EURACTIV.com.

Viviane Reding ist eine konservative Europa-Abgeordnete aus Luxemburg. Bevor sie 2014 ins Parlament gewählt wurde, war sie EU-Kommissarin für Kultur und Bildung. Sie sprach am Rande einer Debatte im Europäischen Parlament über Internet-Domainnamen und Mehrsprachigkeit mit EURACTIV.

Haben Sie das Gefühl, dass seit Ihrer Zeit als Kommissarin die Mehrsprachigkeit im Internet zugenommen hat? Oder geschieht das Gegenteil und Englisch wird (noch) dominanter?

Für den Fall Luxemburg kann ich auf jeden Fall sagen: Luxemburgisch ist eine gesprochene Sprache, die nur in einem kleinen Landstrich vorkommt. Die Online-Community ist aber riesig. Alle Luxemburger – und Menschen, die einen Bezug zu Luxemburg haben – in unterschiedlichsten Ecken der Welt kommunizieren im Internet auf luxemburgisch. Diese Community ist also sehr viel größer geworden als der eigentliche Sprachraum. Weil die Rechtschreibung und die Grammatik in dieser gesprochenen Sprache in privaten Nachrichten nicht immer ganz klar ist, hat die Regierung nun sogar eine neue Initiative gestartet, um Regeln festzulegen, wie korrekt Luxemburgisch geschrieben wird.

Es könnte allerdings sein, dass solche Effekte eher in Ländern auftreten, die sehr gut vernetzt sind, wie eben Luxemburg. In Staaten mit einem größeren digitalen Graben, beispielsweise Bulgarien, trifft das möglicherweise weniger zu. [99,98 Prozent der Haushalte in Luxemburg haben Zugang zu Breitband-Internet; in Bulgarien liegt dieser Wert bei lediglich 55 Prozent.]

Das stimmt, es gibt einen digitalen Graben. In Luxemburg ist aber interessant zu sehen, dass es keinen Top-Down-Ansatz zu Internetfragen gab. Sie gehen nicht auf Luxemburgisch ins Internet, sondern über französisch-, englisch- oder deutschsprachige Seiten. Aber sobald die Leute auf diesen Seiten sind, sprechen sie in ihrer Muttersprache miteinander. Das ist sehr interessant. Auch, wenn wir keinen direkten Zugang über luxemburgischsprachige Seiten haben, zeigt dieses Verhalten der User, dass Luxemburgisch unsere Sprache ist und dass wir uns keine andere Sprache aufdrängen lassen wollen.

Das war das erste Mal, dass man solche Vorgänge messen konnte. Bei Diskussionen irgendwo in Frankreich oder in New York geht das nicht.  Die Online-Kommunikation auf luxemburgisch ist ein sehr interessantes Phänomen, das zeigt, dass weniger verbreitete Sprachen durch das Internet gerettet werden können.

Übersteigen für Menschen, die weniger häufig verwendete Sprachen sprechen, bei Sprachentwicklungen im Internet also die positiven Effekte die negativen?

Absolut. Was nun wichtiger wird, ist die Infrastruktur für solche Sprachen. Das wäre ein zweiter Schritt. Ich glaube aber nicht, dass die Infrastruktur alleine ausreicht, um solche Sprachen zu retten.

Es gab eine wichtige Aussage heute [während der Debatte im EU-Parlament]: „Nur, wenn mehr als 50 Prozent der Menschen einer Sprachgruppe diese Sprache für den Zugang und die Kommunikation nutzen, ändert sich etwas.“ Es ist also eindeutig eine Bottom-Up-Sache [die von den Usern ausgeht], als Top-Down [die von den Regierungen ausgeht].

Meinen Sie mit ‚Infrastruktur‘ die Domain-Namen?

Domainnamen und den Zugang in der benötigten Sprache. Das ist besonders wichtig für Menschen, die nicht das lateinische Alphabet benutzen. Sie haben vorhin zum Beispiel von Bulgarien gesprochen. Für Bulgaren ist dieses Thema noch wichtiger als für Luxemburger, weil wir das lateinische Alphabet haben und es deswegen leichter ist, andere Sprachen online zu nutzen.

'.eu' Domain auf kyrillisches und griechisches Alphabet ausgeweitet [DE]

Die Europäische Kommission verkündete letzte Woche (26. Juni 2009) Pläne es möglich zu machen, Webseiten unter dem Domainnamen .eu unter der Verwendung von kyrillischen und griechischen Buchstaben zu registrieren, was den Privat- und Geschäftsnutzern gleichermaßen ermöglicht .eu in allen 23 Sprachen zu benutzen.

Sie setzen sich seit Ihrer Zeit als Kommissarin für die Informationsgesellschaft [2004-2010] dafür ein, dass Domainnamen internationalisiert werden [So können Domainnamen nicht-lateinische Zeichen sowie Akzente, beispielsweise im Wort „Café” enthalten].

In dieser Hinsicht war auch die Domain „.eu“ eine wichtige Initiative. Wir sehen uns als den größten organisierten Binnenmarkt der Welt. Aber wir hatten vergessen, dieses Bild auch nach außen zu transportieren. Für mich war die Domain „.eu” ein wichtiges Element, um dies nach außen hin sichtbar zu machen und die Nachricht zu senden, dass dies nicht nur ein Markt für Güter und Dienstleistungen ist, sondern auch für den zwischenmenschlichen Austausch.

Wenn man sich Internet-Domains ansieht, sind allerdings bisher nur drei Prozent aller Domains weltweit internationalisiert. Glauben Sie, dass Entwicklungen wie die Domain „.eu“ und andere Initativen in Europa erfolgreich sind und der Trend sich in die richtige Richtung entwickelt?

Ja, aber leider sind die großen Domainnamen sehr dominant. Ich glaube, es ist aber eher eine technische Frage. Wenn man solche [internationalisierten] Domainnamen zulässt, dann werden die Leute auch darauf zugreifen. Wenn dieses Prinzip angewendet wird, löst sich die Blockade im Sinne von Sprachvielfalt.

In Brüssel gibt es viele Diskussionen, ob die großen amerikanischen Tech-Firmen aus dem Silicon Valley eine Gefahr für die europäischen Wettbewerber darstellen. Ist das so – in Hinblick auf Sprache und eine Dominanz des Englischen?

Ich verweise da auf Facebook, wo luxemburgische User, auch wenn sie in Washington oder Honolulu sind, auf luxemburgisch schreiben. Ihren Zugang zur Seite haben sie aber auf französisch oder in irgendeiner anderen Sprache. In dieser Hinsicht gibt es also ein Hindernis beim Zugriff.

Im Endeffekt wird die Sprache aber durch die Benutzer, von unten nach oben, durchgedrückt. Dadurch kommen dann auch die notwendigen technischen Veränderungen. Ich glaube, genau so passieren technische Änderungen. Es ist nicht so, dass ein technische Neuerung dafür sorgt, dass eine andere Sprache gesprochen wird.

Muss es Neuerungen in der EU-Politik geben, um das Internet mehrsprachiger zu machen?

Ja. Und vor allem muss immer, wenn dies angebracht und sinnvoll ist, die kulturelle Vielfalt in Betracht gezogen werden. Wir müssen bei der Entscheidungsfindung unterschiedliche Ansätze haben, aber das Grundprinzip sollte lauten: Kulturelle Diversität, Sprachvielfalt – und dann die Menschen machen lassen und sich erhalten, wer und was sie sind.

Subscribe to our newsletters

Subscribe