Online-Gewalt gegen Frauen „ist leider eine logische Konsequenz“

Dr. Laura Dornheim engagiert sich für ein Internet, das verbindet. [Felix Speiser]

Laut Studien sind Frauen besonders oft von Online-Gewalt betroffen. Laura Dornheim will das nicht akzeptieren. Die Wirtschaftsinformatikerin kämpft  für ein Internet, in dem niemand Angst haben muss, online für Ideale einzustehen. Im Gespräch mit EURACTIV spricht sie über Fehler des Staats, die „Brechstange“ Frauenquote und ihre eigene Erfahrung mit Hass.

Laura Sophie Dornheim ist Diplomierte Wirtschaftsinformatikerin und promovierte Geschlechterwissenschaftlerin. Sie war grüne Bundestagskandidatin 2017, engagiert sich heute ehrenamtlich bei den Grünen/Bündnis 90 und arbeitet als Head of Communications bei der AdBlock-Firma eyeo GmbH.

Frau Dornheim, wann entschieden Sie, sich in der Netzpolitik zu engagieren?

Ich war von klein auf fasziniert von Technologie, war früh online und baute eigene Websites. Mir war rasch klar, dass dieses Thema für unsere Gesellschaft immer wichtiger wird, und dementsprechend politisch angegangen werden sollte. Als Frau in technischen Sphären muss man schon sehr blind sein, um das Geschlechterthema nicht ständig auf dem Schirm zu haben. Mir war schnell klar, wie wichtig es ist, dass diese Tech-Themen nicht nur von Männern bespielt werden. Ich hatte also sowohl Überzeugung als auch fachlichen Background.

Haben Sie als Frau im Technikbereich persönlich Diskriminierung erlebt?

Ja, die gab es immer. Mein Papa war Handwerker, darum war es für mich selbstverständlich, als Mädchen in einer Werkstatt zu sein, doch mir wurde dauernd vermittelt: Normal ist das nicht. Im Kindergarten musste ich rechtfertigen, wieso ich in der Bau-Ecke spielen will. Mein Lehrer erklärte mir, Frauen seien einfach nicht gut in Naturwissenschaften. Im Studium wurde ich im Informatik-Gebäude mehrmals gefragt, ob ich mich verlaufen habe.

Die Politik versucht ja verzweifelt, mehr Frauen an die technischen Universitäten zu bringen…

…aber da ist es schon zu spät. Man wird als Kind in Schubladen sortiert, Mädchen bekommen Puppen, Jungs bekommen was zum Tüfteln. Die haben später einen anderen Erfahrungsschatz.

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Es geht also um Sozialisierung, nicht um angeborene Unterschiede in den Interessen?

Die Debatte „Nature vs. Nurture“ ist eine Scheindiskussion. Es gibt sicher einen angeborenen Teil, doch der ist gering. Den Einfluss der Sozialisierung aber kann man belegen.

Wäre es die Aufgabe der Politik, hier einzugreifen? Ginge das über staatliche Verbote?

Verbote können grundsätzlich sehr sinnvoll sein, doch bei solchen kulturellen Phänomenen kommt man damit nur begrenzt weit. Ein bisschen was könnte man machen: wir haben einen riesigen Nachholbedarf in der Bildung, wo Stereotypen perpetuiert werden. Aber kulturelle Veränderungen lassen sich eben schwer durch Gesetze verändern, auch wenn das manchmal frustrierend ist.

Sind sie dennoch für eine Frauenquote?

Ja. Sie ist eine Brechstange, aber sie funktioniert. So entstehen weibliche Vorbilder, das verändert die Kultur und das Denken. Das gilt auch für die Politik: Internet-Regulation wird hauptsächlich von Männern geschrieben.

Schafft das Probleme für die Gleichstellung im Netz?

Ja, beispielsweise bei Hass und Drohungen. Nicht-betroffene Männer haben da eine eingeschränkte Perspektive, weil man sich vieles einfach nicht vorstellen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Ich habe einmal bei einem Vortrag solche Hass-Kommentare vorgelesen, und bekam von Männern oft die Rückmeldung: Krass, wir wussten nicht, dass es so schlimm ist. Das eine ist es, blöde Kommentare zu lesen; das andere, sich eine Stunde lang anonym bedrohen zu lassen. Von daher würde es einen großen Unterschied machen, wenn mehr Frauen Netzpolitik machen würden.

Wie hoch ist das Risiko, dass solche verbale Gewalt in physischer Gewalt endet?

Das in Zahlen zu fassen, wäre Aufgabe der zuständigen Ministerien. Fest steht, das Risiko ist real. Das fängt beim Datenschutz an. In Deutschland ist es möglich, zum Meldeamt zu gehen und die Adresse einer Person zu bekommen. Dazu muss man nur zwei Merkmale angeben, beispielsweise Name und Familienstand. Letztes Jahr wurde ein Mob gegen mich mobilisiert, zuerst nur auf Twitter. Doch dann kamen Pakete bei mir zu Hause an. Die Drohung war klar: „Ich weiß, wo du wohnst.“

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Gingen Sie zur Polizei?

Ich habe Anzeige erstattet, aber nie wieder etwas gehört. Wie die Anwältin Christina Clemm schon sagte: Wir haben ja die passenden Gesetze für solche Fälle. Sie werden nur nicht angewendet. Es gibt die Möglichkeit, die eigene Adresse für solche Auskünfte sperren zu lassen, doch alle Frauen, die ich kenne, bekamen das nicht durch. Ich weiß nur von zwei erfolgreichen Fällen, beides Männer, einer sehr prominent. Zu oft ist die Haltung der Behörden immer noch: „Solange keine physische Gewalt passiert ist es ja nicht so schlimm.“ oder „Ist ja nur das Internet, das kann man ja abschalten.“

Laut einer Studie von Andreas Kick sind Frauen öfter Opfer von Netz-Gewalt als Männer. Wieso?

Ich glaube, das ist leider eine logische Konsequenz. Wir sind eben doch noch eine patriarchale Gesellschaft, in der Frauen als schwächer gelten. Wenn ich also der Stärkere bin, kann ich leichter angreifen. Das wird leider verstärkt durch technische Möglichkeiten, die es leicht machen, sich zu wellenartigen Internet-Angriffen zu koordinieren.

Nun gibt es in der Politik einen prinzipiellen Konsens, dass Hass im Netz verwerflich ist. Wieso findet man dann keine Lösung?

Ein großes Problem ist, dass Zahlen fehlen. Man hat keine Statistiken zu Hassverbrechen gegen Frauen im Netz. Das wäre Aufgabe des Familien- und Frauenministeriums, doch ich wüsste nicht, dass da etwas passiert. Hinzu kommt, dass Polizei und Staatsanwaltschaft diese Fälle entweder nicht ernst nehmen, oder nicht über Ressourcen und Know-How verfügen, um damit umzugehen. Die wenigen Verurteilungen, die es für Hasskommentare gab, hatten eine wichtige abschreckende Wirkung. Doch großteils wird vermittelt, dass man im Netz tun kann, was man will, auch unter eigenem Namen.

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Das heißt, die von Schäuble geforderte Klarnamenpflicht wäre kein effektives Gegenmittel?

Nein, das ist ein absoluter Griff ins Klo. TäterInnen agieren meist schon jetzt unter Klarnamen, und Betroffene Akivist*innen sind umgekehrt darauf angewiesen, anonym zu posten, um nicht zum Ziel zu werden – wie gesagt, Adressen beim Meldeamt sind mit Namen leicht zu erheben. Klarnamenpflicht ist eine Idee von Leuten, die das Internet nicht verstehen.

Was wären denn dann effektive Maßnahmen?

Wie gesagt: Mehr Frauen in die Netzpolitik, Erhebung von Zahlen, Anwendung bestehender Gesetze wie der Auskunftssperre, mehr Ressourcen für Behörden. Auf rechtlicher Ebene gibt es noch ein Problem: Bei digitalen Drohungen werden Verfahren oft eingestellt, weil angeblich kein öffentliches Interesse besteht. Doch das sind öffentliche Kommentare, die sehen Alle. Und welches Signal sendet das an eine 16-jährige, die in einem Dorf sitzt und sich überlegt, politisch aktiv zu werden? Es schreckt davor ab, online Meinung zu beziehen.

Weil sie sich vor physischer Gewalt fürchten, wenn ihre Adressen herausgefunden werden?

Ja, aber auch verbale Gewalt ist Gewalt. Es hat Auswirkungen. Für die Personen aber eben auch für unsere Demokratie. Es macht fast wahnsinnig, dass dafür so andere Maßstäbe gelten als bei physischer Gewalt.

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