„Frauen müssen ihren Platz in der Sprache und auf der Straße zurückerobern“

"Razia ist von ihrem Ex am 30.10.2018 ermordet worden." [Louise Rozès Moscovenko]

(Häusliche) Gewalt gegen Frauen hat in den vergangenen Pandemie-Monaten drastisch zugenommen – ebenso wie die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Die Zahl der Femizide steigt bereits seit 2019 an.

Im Interview mit EURACTIV Frankreich spricht die feministische Aktivistin und Autorin Marguerite Stern über die Stellung der Frauen in der französischen Gesellschaft sowie in der Sprache.

Marguerite Stern ist Feministin. Nach mehreren Jahren Aktivismus für und mit FEMEN startete sie 2019 eine Collage-Bewegung gegen Femizide, die heute in vielen Städten Europas und der Welt sichtbar ist. Ihr Buch „Héroïnes de la rue“ (Heldinnen der Straße) ist Ende September erschienen.

Stern sprach mit Louise Rozès Moscovenko von EURACTIV Frankreich.

Sie haben Ihr Buch im generischen Femininum geschrieben. Warum haben Sie sich dazu entschieden?

Das generische Femininum ist eine von Typhaine D* in ihrem Buch Contes à rebours erfundene Sprachform. Sie hat Kindergeschichten aus feministischer Sicht neu betrachtet und geht weit über inklusives Schreiben hinaus.

Ich hatte ebenso nicht vor, mein Buch, das die Feminisierung des öffentlichen Raums befürwortet, in einer maskulinen Sprache zu schreiben.

Das Patriarchat existiert auf globaler Ebene seit Jahrtausenden und drückt sich in verschiedenen Kulturen auf unterschiedliche Weise aus, aber immer mit den gleichen Mechanismen. In Frankreich zeigt sich dies besonders deutlich in der Sprache, die unser Denken strukturiert. Von dem Moment an, in dem die Sprache sexistisch ist, wird unser Denken zwangsläufig sexistisch.

Im Mai entschied die Académie française, dass COVID-19 in der weiblichen Form geschrieben werden sollte – nachdem es monatelang männlich gewesen war.

Über den tatsächlichen Sprachgebrauch hat die Académie française aber nichts zu sagen. Dort sitzen Männer, die sich seit Napoleon in ihrer überwältigenden Mehrheit selbst gewählt haben. Sie haben absolut keine Legitimität und sind keine Sprachwissenschaftler.

Es ist nicht Sache der Eliten, zu diktieren, wie man sprechen oder schreiben soll.

„Der Sexismus ist überall. Wir auch.“  Collage gegen Femizide im elften Arrondissement von Paris, 19. April 2020.

Welche Parallele ziehen Sie zwischen der Stellung der Frauen in der französischen Sprache und im öffentlichen Raum?

Ich denke, dass Männer schon immer alle Räume besetzt haben, auch die Welt der Sprachen. Die Frauen müssen [die Sprache] ebenso zurückerobern, wie sie auch ihren Platz auf der Straße zurückerobern müssen.

Es war ein echter Schock für mich, die Arbeit von Édith Maruéjouls** zu entdecken, gerade weil auch ich als Kind und dann als Heranwachsende viel unter Diskriminierung und Sexismus gelitten habe. Sie zieht eine Parallele zwischen der Art und Weise, wie der Platz auf dem Spielplatz übermäßig geschlechtsspezifisch genutzt wird: Die Jungen stehen durch Spiele wie Fußball mehr im Mittelpunkt, während die Mädchen am Seitenrand bleiben.

Diese geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen werden später im öffentlichen Raum reproduziert. Männer nehmen den kompletten Raum ein, stehen viel herum. Frauen nutzen den öffentlichen Raum sehr utilitaristisch, sie bewegen sich von Punkt A nach Punkt B und tendieren dazu, sich eher nahe an den Wänden zu halten und nicht zu viel Lärm zu machen.

Es ist in jeglichen Räumen, auch im öffentlichen Raum, gefährlich, eine Frau zu sein. Deshalb schlage ich in meinem Buch vor, eine vorübergehende Ausgangssperre für Männer ab 22 Uhr einzuführen, damit Frauen den Platz einnehmen und sich in Ruhe und Frieden bewegen können.

Das ist weder provokant noch ironisch gemeint.

Es gibt eine Parallele zu COVID-19: Wir waren gezwungen, individuelle Freiheiten zum Wohle der Allgemeinheit und der öffentlichen Gesundheit einzuschränken. Und Gewalt gegen Frauen ist ebenfalls ein Thema der öffentlichen Gesundheit: Wir leiden darunter und sind davon traumatisiert.

Ihnen wird oft vorgeworfen, „radikal“ zu sein. Wie sehen Sie das?

Ich definiere mich aus zwei Gründen als radikale Feministin: Ich glaube, dass man keine Zugeständnisse machen sollte, wenn es um die Rechte der Frauen geht.

„Radikal“ kommt etymologisch vom lateinischen Wort für „Wurzel“. Sich selbst als radikale Feministin zu definieren, bedeutet auch, dass man die Wurzel des Problems angreift.

Sie haben die Collagen-Kampagne gegen Femizide initiiert. Welche Auswirkungen hat sie Ihrer Meinung nach heute?

Letztes Jahr habe ich einen Aufruf an Frauen gestartet, mit mir zu malen und abends zum Kleben hinauszugehen. Von da an entwickelte sich die Bewegung in ganz Frankreich. Es entstanden Gruppierungen in den Provinzstädten, aber auch in den Dörfern. Die Bewegung breitete sich auch in Belgien und in der Schweiz aus. Ich sehe regelmäßig neue Gruppen entstehen: In Spanien, Portugal, Großbritannien, Italien, Deutschland und Polen halten die Frauen zusammen. Und auch außerhalb Europas, wie in Indien, Kanada, der Türkei oder Syrien.

Welches Feedback haben Sie zu den Collagen erhalten?

Die sichtbarste Reaktion von Männern ist, diese Slogans abzureißen und sich ihnen damit zu verweigern.

Auf der anderen Seite gibt es viele Frauen, die vielleicht nicht unbedingt selbst Collagen machen, aber die mir sagen, dass es ihnen ein Gefühl der Sicherheit im öffentlichen Raum gibt. Ein Gefühl, dass sie nicht mehr allein sind und dass sie zu diesem Kampf dazu gehören.

Bei diversen Aspekten der Frauenbewegung(en) konnten in den vergangenen Jahren Fortschritte erzielt werden. Haben Sie Hoffnung, dass auch Ihre Art von Beitrag in der Politik Gehör findet und berücksichtigt wird?

Ich versuche damit aufzuhören, das Handeln der Politik zu kommentieren. Ich halte das für sinnlos in Bezug auf meinen Aktivismus. Ich wende mich vielmehr an die Zivilgesellschaft.

Ich würde sagen: Es gibt in Frankreich Gesetze, die recht gut gemacht sind. Wir verfügen über ein ganzes Arsenal zur Bekämpfung von Femiziden, Prostitution usw. Wir haben eine Menge Gesetze zur Bekämpfung von häuslicher Gewalt. Doch leider leisten Polizei und Justiz aufgrund fehlender Mittel und mangelnder Ausbildung sehr schlechte Arbeit.

Ich wurde vor zwei Tagen verhaftet, weil ich die Zeugenaussage von Amelia Tiganus, einer Überlebenden der Prostitution, geklebt habe. Wir wurden wie Kriminelle behandelt, während Zuhälter und Freier, die im Pariser Stadtteil Belleville überaus sichtbar und präsent sind, von der Polizei nicht verhaftet werden.

Der Nutzen der Politik im klassischen Sinne besteht für mich darin, dass sie sich konkret auf das Leben der Bürgerinnen auswirken sollte. Und Fakt ist: Frauen sind nach wie vor in großem Umfang Opfer von häuslicher Gewalt, Vergewaltigung und Femizid. Dies ist nicht nur in Frankreich der Fall, sondern auch auf europäischer und globaler Ebene.

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Wie sehen Sie die Zukunft?

Ich bin jetzt seit acht Jahren sehr aktiv. Ich habe dabei beobachten müssen, dass sich nichts oder fast nichts ändert, so dass ich anfange, zunehmend separatistische Gedanken zu hegen.

Ich fange an zu denken, dass Pädagogik gegenüber Männern letztlich nutzlos ist. In meinem aktivistischen und persönlichen Leben komme ich an einen Punkt, an dem ich nicht mehr in einen Dialog eintreten und meine eigene Welt ohne sie aufbauen möchte.

Auf der anderen Seite habe ich viel Hoffnung in die Gemeinschaft der Frauen. An sie wende ich mich.

*Typhaine Duch, genannt Typhaine D, ist Schauspielerin, Autorin, Dramaturgin sowie Regisseurin.

**Édith Maruéjouls hat in französischer Geographie promoviert und ist Spezialistin für Gender-Geographie.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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