Der Berliner Mauerfall und die langanhaltende Euphorie – ein Tag, der Geschichte schrieb

Schwerelos schwebt eine gigantische, farbenfrohe Welle vom Brandenburger Tor über 150 Meter auf der Straße des 17. Juni. Darauf befinden sich 30.000 Wünsche, Hoffnungen und Ideen, die von deutschen Bürgern auf die Bänder geschrieben wurden, die diese eindrucksvolle Kunstinstallation bilden. [EPA-EFE/OMER MESSINGER]

Frankreich feiert seine Revolution gerne mit der Demonstration seiner militärischen Macht. Nichts davon findet man in Deutschland. Das Land, und vor allem Berlin, feiert heute den 30. Jahrestag des Mauerfalls und seiner friedlichen Revolution mit einem riesigen künstlerischen Werk in voller Farbe.

Das wird jedoch nicht ausreichen, um eine gewisse Bitterkeit und Traurigkeit zu verbergen.

Schwerelos schwebt eine gigantische, farbenfrohe Welle vom Brandenburger Tor über 150 Meter auf der Straße des 17. Juni. Darauf befinden sich 30.000 Wünsche, Hoffnungen und Ideen, die von deutschen Bürgern auf die Bänder geschrieben wurden, die diese eindrucksvolle Kunstinstallation bilden.

Ja, Deutschland, und insbesondere Berlin, erinnert sich auf farbenfrohe Weise an schwierige Zeiten.

Vor dreißig Jahren wurde die friedliche Revolution von den Wünschen, Forderungen, Hoffnungen und Visionen unzähliger Menschen angetrieben. In Leipzig, in Dresden, in Chemnitz, nicht nur in Berlin. 30 Jahre später, was ist aus diesen Hoffnungen und Visionen geworden?

EURACTIV Deutschland ging auf die Straße und übergab das Mikrofon an Bürger, deren Stimme sonst kaum zu hören ist, weil sie keine Politiker oder ehemalige Bürgerrechtler sind. Sie sind nur Bürger, wie du und ich.

Dr. Renate Werwigk-Schneider erzählt uns eine Geschicht, die unter die Haut geht. Ein gescheiterter Fluchtversuch führte zu der Verhaftung der damaligen 24 Jährigen Medizinstudentin. Und das war nicht ihre einzige Verhaftung: mit viel Mut und Ehrgeiz gelang es ihr, die DDR zu verlassen und ihren Traum von einem freien Leben zu verwirklichen.  Vor allem erklärt sie, warum sie “100.000 Deutsche Mark und einen Spion gekostet hat”.

Kristin Wesemann berichtet von ihrer Jugend in der damaligen DDR. Der Wunsch, ein Studium aufnehmen zu dürfen, schien ihr damals in weiter Ferne.

Michael Brack spricht darüber, warum er Zeit im Gefängnis verbringen musste.

Wolfgang Rümenapf erzählt die Geschichte über die Zeit vor dem Mauerfall, die Nacht vom 9. November und wie sein Dorf dank eines Luftballons eine Partnergemeinde und Freunde in der ehemaligen DDR fand.

Und Antje Wissel erzählt uns, wie es sich anfühlt, aus einem Land zu kommen, das es nicht mehr auf der Karte gibt. „Es ist ein seltsames Gefühl, eine Geburtsurkunde mit einem Siegel aus einem Land zu haben, das es nicht mehr gibt“, sagt sie.

Wenn es einen gemeinsamen Nenner dieser Geschichten gibt, der hervorgehoben werden muss, dann ist es dieser: Von einem Tag auf den anderen hat sich alles verändert. Und aus dem Erbe der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik bleibt nur wenig übrig.

Wenn man den deutschen Bürgern/Teilnehmenden zuhört, die sich die Zeit genommen haben, mit uns zu sprechen, kann man nicht anders, als zu denken, dass es einer Feier zum 30-jährigen Jubiläum bedarf, um endlich von einem ehemaligen Land zu hören, das ansonsten in einem westlich geprägten Deutschland – und in Europa – kaum Beachtung findet.

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