„COVID-19 zeigt: Der Tod ist nicht demokratisch“

Der in Seoul geborene Philosoph Byung-Chul Han. [ EFE/ISABELLA GRESSER/HERDER EDITORIAL]

„Wir leben in einer Überlebensgesellschaft, die letztlich auf der Angst vor dem Tod beruht. Heute ist das Überleben das absolut Höchste, als befänden wir uns in einem permanenten Kriegszustand,“ kommentiert der südkoreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han. Die Pandemie mache den Tod wieder sichtbar – was die Menschen wiederum verunsichert.

Byung-Chul Han gilt als Kritiker der modernen Gesellschaft, die seiner Meinung nach von Hyper-Transparenz und Hyper-Konsumismus, einem Übermaß an Informationen und einem zwanghaften Positivismus durchdrungen ist, der die Gesellschaft unweigerlich zur Erschöpfung führt.

Han ist überzeugt, dass die aktuelle Krise auch der Beginn einer neuen Ära ist, die dafür sorgen wird, dass sich die weltpolitischen Machtstrukturen ein Stück weiter in Richtung Asien und weg vom Westen bewegen werden.

Das komplette Interview im englischen Original finden Sie bei EURACTIVs Medienpartner Efe.

Herr Han, es heißt manchmal, COVID-19 habe menschliches Leiden demokratisiert. Sind wir aktuell fragiler – und womöglich anfälliger für Manipulationen, für Autoritarismus und Populismus? 

COVID-19 zeigt zunächst einmal, dass die menschliche Verwundbarkeit oder Sterblichkeit nicht demokratisch ist, sondern vom sozialen Status abhängt. Der Tod ist nicht demokratisch. Daran hat COVID-19 nichts geändert. Vor allem die aktuelle Pandemie zeigt soziale Probleme und Unterschiede in den jeweiligen Gesellschaften auf. Denken Sie an die Vereinigten Staaten: Afroamerikaner sterben unverhältnismäßig häufig an COVID-19 im Vergleich zu anderen Gruppen. In Frankreich ist die Situation ähnlich. Was nützt eine Ausgangssperre, wenn die Vorortzüge, die die Stadt Paris mit den einkommensschwächeren Banlieues verbinden, überfüllt sind. Die erwerbstätigen Armen mit Migrationshintergrund aus den Vororten stecken sich an und sterben an COVID-19. Man muss ja schließlich arbeiten gehen.

Die Reichen hingegen ziehen sich in ihre Landhäuser und Villen zurück. Die Pandemie ist also nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein soziales Problem. Ein weiterer Grund, warum in Deutschland nicht so viele Menschen gestorben sind, ist, dass die sozialen Probleme dort nicht so gravierend sind wie in anderen europäischen Ländern oder den USA. Auch das Gesundheitssystem ist in Deutschland viel besser als in den USA, Frankreich, England oder Italien. Aber selbst in Deutschland zeigt COVID-19 soziale Unterschiede auf: Auch in Deutschland sterben die sozial Schwachen früher. Arme Menschen, die sich kein Auto leisten können, drängen sich in vollbesetzten Bussen, Straßenbahnen und U-Bahnen. COVID-19 zeigt, dass wir in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft leben.

Das zweite Problem ist, dass COVID-19 der Demokratie nicht förderlich ist. Bekanntlich ist Angst ein guter Nährboden für Autokratie. In einer Krise sehnen sich die Menschen wieder nach starken Führern. Viktor Orbán profitiert massiv davon. Er setzt den Ausnahmezustand als neue Normalität fest. Und das ist das Ende der Demokratie.

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Es wirkt wie ein Wechselspiel: Freiheit oder Sicherheit. Was ist der Preis, den wir für den Kampf gegen die Pandemie zahlen (werden)?

Angesichts der Pandemie steuern wir auf ein biopolitisches Überwachungsregime zu. Nicht nur in unserer Kommunikation, sondern auch in unserem eigenen Körper: Unsere Gesundheit wird einer digitalen Überwachung unterliegen. Laut der kanadischen Autorin Naomi Klein ist die Krise ein Moment, der ein neues Regelsystem einläutet. Der Schock durch die jetzige Pandemie wird dafür sorgen, dass sich die digitale Biopolitik weltweit durchsetzt, die mit ihrem Kontroll- und Überwachungssystem die Kontrolle über unsere Körper in einer biopolitischen Disziplinargesellschaft ergreift; die auch unseren Gesundheitszustand ständig überwacht. Angesichts dieses Pandemie-Schocks wird der Westen gezwungen sein, seine liberalen Prinzipien aufzugeben. Der Westen bewegt sich in Richtung einer biopolitischen Quarantänegesellschaft, in der unsere Freiheit dauerhaft eingeschränkt wird.

Was sind die unmittelbaren Konsequenzen aus Angst und Unsicherheit im Leben der Menschen?

Das Virus ist ein Spiegel. Es zeigt, in welcher Gesellschaft wir leben. Wir leben in einer Überlebensgesellschaft, die letztlich auf der Angst vor dem Tod beruht. Heute ist das Überleben das absolut Höchste, als befänden wir uns in einem permanenten Kriegszustand. Alle Lebenskräfte werden aufgewendet, um das Leben möglichst zu verlängern. Eine solche Überlebensgesellschaft verliert jeglichen Sinn für das gute Leben. Auch der Genuss wird der Gesundheit geopfert, die zum Selbstzweck erhoben wird. Das rigorose Nichtraucher-Paradigma zeugt von dieser Hysterie des Überlebens.

Je mehr das Leben ein Leben des reinen Überlebens ist, desto mehr Angst hat man vor dem Tod. Die Pandemie macht den Tod, den wir sorgfältig verdrängt und ausgelagert haben, wieder sichtbar. Die ständige Präsenz des Todes in den Massenmedien macht die Menschen nervös.

Die Hysterie des Überlebens macht die Gesellschaft auch unmenschlich: Der Nachbar ist ein potenzieller Virusträger – jemand, von dem man sich fernhalten sollte. Ältere Menschen müssen allein in ihren Pflegeheimen sterben, weil niemand sie wegen der Ansteckungsgefahr besuchen darf. Ist es wirklich besser, das Leben um ein paar Monate zu verlängern und dafür allein zu sterben? In unserer Hysterie des Überlebens vergessen wir völlig, was gutes Leben ist. Für das Überleben opfern wir bereitwillig alles, was das Leben lebenswert macht: Geselligkeit, Gemeinschaft und Nähe. Und angesichts der Pandemie wird eine radikale Einschränkung der Grundrechte ohne Wenn und Aber akzeptiert.

Die Angst und die Panik vor dem Virus sind übertrieben. Das Durchschnittsalter derer, die in Deutschland an COVID-19 gestorben sind, liegt bei 80 oder 81 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80,5 Jahren. Unsere panische Reaktion auf das Virus zeigt, dass mit unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt.

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Sprechen wir über potenzielle Folgen: Wird unsere Gesellschaft nach Corona die Natur mehr respektieren und gerechter und fairer sein? Oder macht die Pandemie uns egoistischer und individualistischer?

Es gibt das Märchen „Sindbad der Seefahrer“: Auf einer Reise kommt Sindbad auf eine kleine Insel, die wie der Garten Eden aussieht. Er und sein Begleitung schlemmen und genießen Spaziergänge auf der Insel. Sie zünden ein Feuer an und feiern. Dann bäumt sich die Insel plötzlich auf; Bäume knicken ab. Die Insel war in Wirklichkeit der Rücken eines riesigen Fisches, der so lange bewegungslos war, dass viel Sand angespült wurde und Bäume auf ihm gewachsen waren. Diese Erzählung ist ein Gleichnis: Sie lehrt, dass es im Menschen eine grundlegende Blindheit gibt. Er ist nicht einmal in der Lage zu sehen, worauf er steht, und so arbeitet er stetig an seinem eigenen Untergang.

Wir verhalten uns wie Bakterien oder ein Virus auf der Erde: Wir vermehren uns rücksichtslos und zerstören letztlich den Wirt selbst. Wachstum und Zerstörung gehen Hand in Hand. Die Pandemie ist ein Ergebnis menschlicher Skrupellosigkeit. Wir greifen rücksichtslos in ein empfindliches Ökosystem ein.

Sindbad der Seefahrer, der den Rücken eines Fisches für eine sichere Insel hält, ist eine ständige Metapher für die menschliche Unwissenheit und Ignoranz. Der Mensch glaubt, er sei sicher, während es nur eine Frage der Zeit ist, bis er von den Elementarkräften in den Abgrund gerissen wird. Die Gewalt, die er der Natur antut, schlägt mit größerer Wucht auf ihn zurück. Das ist die Dialektik des Anthropozäns. Und in dieser aktuellen Ära der Menschheit ist der Mensch bedrohter denn je.

Wird COVID-19 zum Sargnagel der Globalisierung?

Das Prinzip der Globalisierung ist die Gewinnmaximierung. So wurde beispielsweise die Herstellung von medizinischen Geräten wie Schutzmasken oder Medikamenten zuvor nach Asien verlagert. In Europa und den USA hat das viele Menschenleben gekostet. Das Kapital ist menschenfeindlich. Wir machen unsere Geschäfte nicht mehr für die Menschen, sondern für das Kapital. Marx sagte, das Kapital reduziert den Menschen auf sein Fortpflanzungsorgan.

Die individuelle Freiheit, die heute exzessiv geworden ist, ist letztlich nichts anderes als der Exzess des Kapitals selbst. Wir beuten uns aus freien Stücken aus – in dem Glauben, dass wir uns selbst erfüllen. Aber in Wirklichkeit sind wir Diener. Kafka hat auf die paradoxe Logik der Selbstausbeutung hingewiesen: Das Tier ringt dem Herrn die Peitsche ab und peitscht sich dann selbst aus, um Herr zu werden. In genau einer solch absurden Situation befinden sich die Menschen im neoliberalen System. Der Mensch muss die Freiheit für sich selbst zurückgewinnen.

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Für Noam Chomsky zeigt die Coronavirus-Pandemie ein „weiteres kolossales Versagen der neoliberalen Version des Kapitalismus“ auf. Die besonders heftigen Auswirkungen in den USA seien Ergebnis der „surrealen“ Reaktionen aus dem Weißen Haus. 

Was glauben Sie: Wird das Coronavirus Auswirkungen auf die macht- und geopolitische Ordnung der Welt haben? Wer wird aus diesem Kampf um Hegemonie als Sieger herausgehen? Übernimmt China von den USA?

COVID-19 ist wohl kein gutes Omen für Europa und die USA. Das Virus ist ein physischer Test. Die asiatischen Länder, die vom Liberalismus wenig halten, haben die Pandemie recht schnell in den Griff bekommen, vor allem durch ihre digitale, biopolitische Überwachung, die für den Westen unvorstellbar ist. Europa und die USA straucheln. Angesichts der Pandemie verlieren sie an Ausstrahlung.

[Der slowenische Philosoph Slavoj] Žižek hat kürzlich behauptet, das Virus würde Chinas Regime stürzen. Aber Žižek irrt sich. Nichts von all dem wird passieren. Das Virus stoppt Chinas Vormarsch nicht, ganz im Gegenteil. China wird nun seinen autokratischen Überwachungsstaat als Erfolgsmodell gegen die Epidemie verkaufen und der Welt die Überlegenheit seines Systems mit noch mehr Stolz demonstrieren. COVID-19 wird dafür sorgen, dass die weltpolitischen Machtstrukturen ein Stück weiter in Richtung Asien rücken.

So gesehen markiert das Virus tatsächlich einen Epochen-Wandel.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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