Armut in Europa „nimmt sehr stark zu“

Secours Populaire, das Umfrageinstitut IPSOS und seine europäischen Partner befragten 6.000 Europäer:innen zum Thema Prekarität in sechs Ländern: Frankreich, Italien, Griechenland, Deutschland, Polen und das Vereinigte Königreich. [Shutterstock/NORRIE3699]

Während die Stabilisierung der Energiepreise und der milde Frühherbst den Europäern eine willkommene Atempause beschert haben, deutet eine neue Umfrage auf eine sich anbahnende Armutskrise hin, die die EU vor weitere Herausforderungen stellen könnte.

Jeder Vierte gibt an, sich in einer prekären Situation zu befinden. Zudem musste die Mehrheit der Europäer:innen bereits schwierige Entscheidungen wegen finanzieller Schwierigkeiten treffen, wie eine Umfrage der französischen NGO Secours Populaire am Freitag (4. November) ergab.

Secours Populaire, das Umfrageinstitut IPSOS und seine europäischen Partner befragten 6.000 Europäer:innen zum Thema Armut in sechs Ländern: Frankreich, Italien, Griechenland, Deutschland, Polen und das Vereinigte Königreich.

„Es gibt einen sehr starken Anstieg prekärer Situationen in Europa“, sagte die Generalsekretärin von Secours populaire, Henriette Steinberg, gegenüber EURACTIV.

Die Zahl ist in Griechenland mit 51 Prozent besonders hoch, im Gegensatz zu Deutschland, wo sie bei 18 Prozent liegt. In Frankreich, Italien, Polen und dem Vereinigten Königreich liegt sie zwischen 20 und 25 Prozent.

„Es gibt eine wachsende Besorgnis unter den Europäer:innen, dass immer mehr Menschen nicht in der Lage sind, tragfähige Lösungen zu finden, um sich und ihre Familien zu unterstützen“, sagte Steinberg.

Aufgrund der hohen Preise musste eine Mehrheit der Europäer:innen bereits Einschränkungen vornehmen. Einige konnten weniger reisen, andere mussten das Heizen ihrer Wohnungen einschränken, Verwandte um Hilfe bitten oder zusätzliche Jobs annehmen, um über die Runden zu kommen.

„Wir haben festgestellt, dass alle Europäer:innen die gleichen Sorgen haben: Lebensmittel, Gesundheit, Wohnraum und die Versorgung ihrer Kinder – das ist das tägliche Leben von Millionen von Menschen“, sagte Steinberg.

Die jährliche Inflationsrate in der Eurozone wird im Oktober 2022 voraussichtlich 10,7 Prozent betragen, gegenüber 9,9 Prozent im September. Dies geht aus einer ersten Schätzung des europäischen Statistikamts Eurostat hervor.

Für einige Europäer:innen reicht das Sparen nicht aus, denn 42 Prozent der Befragten haben bereits ihre Verwandten gebeten, ihnen Geld zu leihen oder zu schenken, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

„Diese Zahl ist ein Warnsignal“, so Steinberg, denn „diese Menschen können es sich schon jetzt nicht mehr leisten“, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Der Anteil derer, die sich Geld leihen musste, ist in Griechenland am höchsten (63 Prozent), gefolgt vom Vereinigten Königreich, Italien und Polen (zwischen 40 und 41 Prozent) und schließlich Frankreich (36 Prozent) und Deutschland (35 Prozent).

Langfristig ist die Verschuldung jedoch nicht tragbar. Einerseits, weil „die Menschen sich nicht trauen, ihre Verwandten um Geld zu bitten, oder ihre Verwandten ihnen einfach nicht helfen können“, analysiert die französische Linken-Abgeordnete Aurélie Trouvé, Mitglied des Wirtschaftsausschusses der Nationalversammlung, gegenüber EURACTIV.

Zum anderen, weil auch Verbraucherkredite von Banken, die als Notlösung infrage kämen, durch die steigenden Zinsen teurer werden.

„Das ultimative Risiko wäre das Auftreten einer Bankenkrise wie bei der Finanzkrise 2007 in den USA, wenn die Haushalte nicht mehr zahlungsfähig sind“, erklärte Trouvé und forderte die Wiederherstellung der Kaufkraft der ärmsten Haushalte, um das Wachstum wieder anzukurbeln.

„Wenn die Haushalte keine Kaufkraft mehr haben, ist die Nachfrage auf Halbmast und bricht zusammen. Wenn die Nachfrage einbricht, bricht auch die Produktion ein und damit die Arbeitsplätze“, fügte sie hinzu.

„Es ist ein Teufelskreis. Wir steuern geradewegs auf eine soziale Katastrophe zu,“ sagte sie.

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