Polizei durchkämmt Umfeld von mutmaßlichem Attentäter

Der Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz nach dem Anschlag vom 19. Dezember (c) Andreas Trojak

Bei der Fahndung nach dem mutmaßlichen Weihnachtsmarkt-Attentäter durchkämmen die Ermittler das Umfeld des verdächtigen Tunesiers Anis Amri. Im Führerhaus des Lkw hatten die Ermittler eine Geldbörse des Tunesiers gefunden.

Der Generalbundesanwalt bestätigte am Donnerstag Medienberichte über Razzien in Berlin und in Nordrhein-Westfalen zwar nicht, wies sie aber auch nicht zurück. Es gebe im gesamten Bundesgebiet Ermittlungsmaßnahmen. Aus ermittlungstaktischen Gründen würden aber keine Auskünfte über die auf Hochtouren laufende Fahndung gegeben, sagte der Sprecher des obersten Strafverfolgers. Dagegen dementierte er einen „Bild“-Bericht, vier Personen, die Kontakt mit dem 24-Jährigen gehabt haben sollen, seien in Dortmund festgenommen worden. Auf politischer Ebene ging der Streit weiter, ob der Anschlag mit zwölf Toten in Zusammenhang mit dem massenhaften Zuzug von Flüchtlingen stehe und welche Konsequenzen zu ziehen seien.

In Berlin wurde am Donnerstag der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz, in den der Attentäter den Lkw gesteuert hatte, wieder für das Publikum geöffnet. Wie andere Weihnachtsmärkte in Berlin wurde das Areal durch schwere Betonklötze gesichert. Viele Passanten legten Blumen am Eingang des traditionellen Weihnachtsmarktes ab, um der Opfer zu gedenken.

Im Führerhaus des Lkw hatten die Ermittler eine Geldbörse mit einer Duldungsbescheinigung Amris gefunden, die auf die Spur des Tunesiers führte. Nach einem unbestätigten rbb-Bericht soll der Attentäter auf der Flucht auch sein Handy verloren haben. Nach Angaben aus Sicherheitsbehörden bewegte sich Mann in islamistischen Kreisen. Die „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR berichteten von Kontakten Amris zum Netzwerk des kürzlich verhafteten Predigers Abu Walaa, der auch als die Nummer Eins des IS in Deutschland bezeichnet wird. Bereits am Mittwoch warnte Innenminister Thomas de Maiziere, der Tunesier müsse nicht identisch mit dem Attentäter sein.

Amri saß knapp vier Jahre in italienischen Gefängnissen

Eine hochrangiger Mitarbeiter der italienischen Polizei sagte Reuters, Amri habe wegen der Verwüstung einer Schule fast vier Jahre in zwei sizilianischen Gefängnissen eingesessen. Nach Angaben des italienischen Beamten hat sich der Tunesier aber nicht während der Haft radikalisiert. Dies muss demnach in Deutschland passiert sein. Amri sei im Februar 2011 im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings nach Europa geflüchtet. Er sei vermutlich während der Überfahrt über das Mittelmeer gerettet worden. Nach den Angaben war der Tunesier zuerst in einem Flüchtlingslager auf der Insel Lampedusa untergebracht.

Den Behörden habe er angeben, minderjährig zu sein, obwohl er es zu dem Zeitpunkt nicht mehr war, sagte der italienische Polizeimitarbeiter weiter. Er sei dann nach Catania auf Sizilien gebracht und dort eingeschult worden. Im Oktober 2011 sei er festgenommen worden, nachdem er versucht habe, die Schule in Brand zu stecken. Er sei dann wegen Vandalismus, Bedrohungen und Diebstahl verurteilt worden. Im Mai 2015 sei er freigelassen und in eine Abschiebezentrale nach Caltanissetta gebracht worden. Tunesien habe sich aber geweigert, den Mann aufzunehmen. Er sei dann nach 60 Tagen aus der Abschiebezentrale entlassen worden mit der Auflage, Italien zu verlassen.

100.000 Euro Belohnung für Hinweise auf Tunesier

Das Bundeskriminalamt hatte am Mittwoch Bilder und eine Personenbeschreibung des 24-Jährigen veröffentlicht. Die Bundesanwaltschaft setzte eine Belohnung von bis zu 100.000 Euro für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Mannes führen. Bürger wurden gewarnt, er könnte gewalttätig und bewaffnet sein. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger wurde ein Asylantrag des Verdächtigen bereits im Sommer abgelehnt. Eine Abschiebung sei geplant gewesen, aber an fehlenden Papieren aus seinem Heimatland gescheitert.

Die Zeitung „Die Welt“ berichtete unter Berufung auf Ermittlerkreise über zwei Razzien im Zusammenhang mit Amri. „Das stimmt nicht“, twitterte die Berliner Polizei.

Trump: Einreisestopp für Muslime ist richtig

Der CDU-Innenexperte Armin Schuster forderte SPD und Grüne auf, die Einstufung nordafrikanischer Staaten als sichere Herkunftsländer nicht weiter zu blockieren. „Wer aus Tunesien kommt, flieht nicht vor Krieg“, sagt er NDR Info. Im rbb-Inforadio verlangte der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Stephan Mayer, eine Verlängerung der Abschiebehaft. „Er war sogar in Abschiebehaft, musste nach einem Tag wieder entlassen werden.“ Nach Angaben des Justizministeriums in Stuttgart war Amri zwei Tage in Abschiebehaft in Baden-Württemberg.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann erneuert seine Forderung nach Transitzentren, um die Herkunft von Flüchtlingen zweifelsfrei zu klären. Es gebe zu viele Menschen, deren Identität man noch immer nicht zweifelsfrei kenne, sagte der CSU-Politiker der „Passauer Neuen Presse“. Viele hätten keine richtigen Ausweispapiere. SPD-Politiker warnten dagegen vor voreiligen Schlüssen aus dem Anschlag.

Aus den USA meldete sich der künftige Präsident Donald Trump zu Wort. Er sieht sich durch das Berliner Attentat in seinen Pläne für ein Einreiseverbot für Muslime bestätigt. „Es zeigt sich, dass ich recht hatte, 100 Prozent Recht“, zitiert ihn die „New York Times“. Der gesuchte Tunesier war nach dem Bericht des Blattes den US-Behörden bekannt. Demnach soll Amri auf den amerikanischen Flugverbotslisten geführt worden sein. Zudem habe er über den Internetdienst Telegram mindestens einmal mit dem IS Kontakt aufgenommen und online den Bau von Sprengsätzen recherchiert.

 

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