EU muss gegen Menschenrechtsverletzungen in Großbritannien vorgehen, so Amnesty [DE]

In einem offenen Brief appelliert die Menschenrechtsorganisation Amnesty an die EU, angesichts der „offenen“ und „anhaltenden“ Angriffe auf Menschenrechte durch Großbritannien aktiv einzugreifen.

Der Amnesty-Bericht

Der Bericht untersucht derzeit die britischen Anti-Terrorgesetze, die seit 2000 eingeführt worden sind, sowie die Behandlung und Inhaftierung von Verdächtigen und die versehentliche Tötung von Jean Charles de Menezes, der im irrtümlicherweise für einen der Attentäter der Anschläge auf die Londoner Metro im Juli 2005 gehalten wurde. 

Besonders besorgt ist Amnesty darüber, dass Menschen in Großbritannien ohne Gerichtsverfahren in Haft sitzen, weil sie als mutmaßliche Terroristen gelten, wofür jedoch keine Beweise offen gelegt werden müssen.

Das Gesetz, das dies ermöglicht, ist vom britischen Oberhaus für rechtswidrig erklärt worden. Doch eine Gesetzesänderung machte die Fortführung dieser Praxis möglich. Diese Verdächtigen sind auch an Drittländer abgeschoben worden, wobei Großbritannien „diplomatische Versicherungen“ erhalten hätte, dass sie dort keiner Folter ausgesetzt würden. Nach Ansicht von Amnesty sind diese Versicherungen jedoch wertlos. Außerdem stünden die Abschiebungen nicht im Einklang mit geltenden internationalen Menschenrechtsabkommen und europäischem Recht, die Folter verbieten.

Am Tag der Veröffentlichung des Berichts fand im Europäischen Parlament eine erste Lesung zu den angeblichen Geheimgefängnissen der CIA auf europäischem Boden statt (siehe auch EURACTIV, 11. November 2005). Amnesty betrachtet die Positionen von Kommission und Parlament zu den Gefängnissen und Gefangenenflügen als ermutigend. Die Organisation fordert die Kommission auf, bezüglich der Verstöße in Großbritannien auf ähnliche Weise Stellung zu beziehen. 

Amnestys Appell an die EU

In dem Brief an Schüssel heißt es, die EU dürfe nicht tatenlos zusehen, wie die Mitgliedstaaten im Kampf gegen den Terror gegen Menschenrechte verstießen. Die EU, ebenso wie die USA, laufe Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Der „minimalistische“ Ansatz, den sie in dieser Frage verfolgt habe, unter anderem über die geplante Menschenrechtsagentur, sei nicht länger haltbar. 

Der Brief schließt mit der Aufforderung an die Kommission, als „Hüter der Verträge“ nationale Praktiken genauestens zu überprüfen und Vorschläge dazu auszuarbeiten, wie die EU auf Herausforderungen dieser Art auf nationaler Ebene reagieren könne.

Aus Sicht der britischen Regierung seien die ausgeweiteten Befugnisse notwendig, um die Öffentlichkeit vor Ausnahmezuständen, die die Nation bedrohen, zu beschützen, da sie eine abschreckende Wirkung auf Terroristen hätten. 

In einer Rede an das britische Abgeordnetenhaus im Januar 2005 sagte Innenminister Charles Clarke, dass die Regierung dafür sorgen würde, dass neue Befugnisse mit der europäischen Menschenrechtskonvention vereinbar sein würden. Neue (insbesondere strafrechtliche) Befugnisse seien jedoch nötig, um die Bedrohung der öffentlichen Sicherheit einzudämmen.  

Auch der britische Premier ist der Meinung, dass neue Befugnisse angesichts der Terrorbedrohung notwendig seien. 

Shami Chakrabarti von der Bürgerrechtsorganisation Liberty kritisiert die neuen Rechtspraktiken: „Achthundert Jahre des Rechts auf ein gerechtes Gerichtsverfahren in diesem Land konnten umgeworfen werden. Die Annahme der Unschuld, wie die Unschuld selbst, kann leichter verloren als wieder gewonnen werden“. 

EU-Justizkommissar Franco Frattini unterstützt den parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der den Vorwürfen zu den CIA-Geheimgefängnissen auf den Grund gehen soll. Ziel sei es, die Menschenrechte und Grundfreiheiten, auf denen die europäischen Institutionen beruhten, zu verteidigen.

Dem Brief von Amnesty an den österreichischen Kanzler Wolfgang Schüssel, der derzeit auch die EU-Ratspräsidentschaft innehat, ist ein Bericht beigefügt, in dem die Menschenrechtsorganisation das System britischer Rechtspraktiken und Gesetze, das im Laufe der vergangenen sechs Jahre entstanden ist, als „kafkaesk“ bezeichnet.

Der Brief fordert Kommission, Rat und Europäisches Parlament auf, nicht länger tatenlos zuzusehen, wie sich die Menschenrechtssituation in den Mitgliedstaaten im Zuge des Kampfes gegen den Terror verschlechtere.

Seit den Terroranschlägen auf das World Trade Centre in New York am 11. September 2001 hat auch die EU eine Reihe von Anti-Terrormaßnahmen verabschiedet, unter anderem den Europäischen Haftbefehl, Geldwäsche-Vorschriften, Bestimmungen zur Vorratsdatenspeicherung und Maßnahmen, welche die grenzüberschreitende Verfolgung mutmaßlicher Terroristen erleichtern sollen. 

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