Anti-Terror-Politik: EU-Minister einigen sich auf Dringlichkeitsmaßnahmen [DE]

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Im Kielwasser der Bombenanschläge in London haben sich die EU-Minister bei einem außerordentlichen Treffen des Rates für Justiz und Inneres geeinigt, Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung entschiedener voranzutreiben.

Zu den Maßnahmen, die wahrscheinlich die größten Kontroversen hervorrufen werden, gehören: 

  • Datenspeicherung: Eine Gesetzinitiative ist geplant, die Telekommunikationsunternehmen verpflichten soll, Daten von Telefongesprächen, Email- und Internetverkehr über einen bestimmten Zeitraum zu speichern. Ein entsprechender Vorschlag Vorschlag war im Juni 2005 vom Europäischen Parlament mit einer überwältigenden Mehrheit abgelehnt worden (siehe EURACTIV 7. Juni 2005). Das Parlament fordert, dass es voll in jeden neuen Entscheidungsprozess in diesem Bereich integriert wird. Clarke jedoch wollte dies nicht bestätigen. Er sagte, ein Rahmenbeschluss zur Datenspeicherung werde vom Rat Ende Oktober ausgearbeitet werden. Zeitgleich würde die Kommission einen Richtlinienvorschlag vorlegen. Unklar ist noch, ob der Vorschlag unter die erste Säule des EU-Vertrags, in dem Rat und Parlament gleichwertig sind, oder unter die dritte Säule fallen wird, in welcher der Rat das letzte Wort hat.
  • Strategie, um Radikalisierung und Rekrutierung entgegenzuwirken: Kommissar Frattini erklärte, die Ursachen von Terrorismus müssten „ausgemerzt“ werden. In diesem heiklen Bereich ist bislang wenig getan worden und unklar ist auch weiterhin, mit welchen Mitteln dies erreicht werden soll.
  • Ausbau des Visainformationssystems und des Schengener Informationssystems: Bürgerrechtsorganisationen sind sehr besorgt über die Menge an und Arten von Informationen, die in diesen Datenbanken gespeichert werden sollen, und auch darüber, wer zu den Informationen Zugang haben wird.
  • Gemeinsame Normen für Ausweise: Berichten zufolge will Großbritannien letztendlich erreichen, dass sämtliche Ausweise in der EU biometrische Angaben enthalten (wie in Großbritannien geplant ist).
  • Stärkerer Schutz der EU-Außengrenzen: Biometrische Angaben sollen bei sämtlichen Visumanträgen Pflicht werden. 

Weitere Maßnahmen, die es bis Dezember 2005 geben soll:

  • Rahmenbeschluss zum EU-Haftbefehl
  • eine Datenschutzpolitik, die parallel zu Maßnahmen zur Vorratsspeicherung von Telekommunikationsdaten entwickelt werden soll
  • weitere Maßnahmen zum Informationsaustausch zwischen Polizei und Justizbehörden
  • Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung, hierzu gehören die Umsetzung der dritten Geldwäsche-Richtlinie, Maßnahmen, die verhindern sollen, dass terroristische Aktivitäten über Wohltätigkeitsorganisationen finanziert werden und die Befugnis, Konten zu sperren
  • Ausbau der Rolle des EU-Lagezentrums SitCen (Einrichtung des Rates, die Nachrichten- und Polizeidienste in der EU koordiniert)
  • Schutz der zivilen Infrastruktur
  • Verfahren für gemeinsame Reaktionen auf Terroranschläge, insbesondere dann, wenn mehr als ein Mitgliedstaat betroffen ist

Kommission: 

Die Kommission hat ihr wöchentliches Treffen ebenfalls dem Thema Terrorismus gewidmet. Präsident Barroso, der sagte, Terrorismus sei der wichtigste Bereich, in dem die EU-Bürger eine stärkere Führungsrolle der EU sehen wollten, umriss die folgenden Pläne:

  • Vorschlag für eine Richtlinie über die Vorratsdatenspeicherung bis September 2005
  • Beschluss des Rates über die grenzüberschreitende polizeiliche Zusammenarbeit bis zum 20. Juli
  • Mitteilung zur Verbesserung der Gesetzgebung zur Zurückverfolgung, zur Lagerung und zum Vertrieb von Sprengstoffen noch vor der Sommerpause

Auf einer Pressekonferenz am 13. Juli sagte Kommissionspräsident Barroso: „Wir wissen, dass diejenigen, die London angegriffen haben, wieder zuschlagen können, und zwar in jedem der Mitgliedstaaten und jederzeit. Als Antwort auf die Bedrohung unserer gemeinsamen Werte wird die Europäische Union noch geeinter zusammenstehen und die gegenseitige Unterstützung und Hilfe intensivieren“. 

Der britische Innenminister Clarke betonte, man werde unter anderem enger mit moslemischen Gemeinschaften und religiösen Führern zusammenarbeiten, um eine Radikalisierung zu verhindern. EU-Justizminister Frattini sagte, Bildungsprogramme seien von entscheidender Bedeutung, um der Rekrutierung junger Menschen durch terroristische Organisationen vorzubeugen. 

Der britische Premier Tony Blair hat erklärt, in Großbritannien werde man möglicherweise versuchen, die Radikalisierung zu bekämpfen, indem religiöse Führer, die Gewalt predigen, abgeschoben werden würden. Der französische Innenminister Sarkozy hat vorgeschlagen, in ganz Frankreich Moscheen überwachen zu lassen. 

Die britische Bürgerrechtsorganisation Statewatch kritisiert gegenwärtige Vorschläge zur Datenspeicherung. Sie seien „rechtlich mangelhaft und anfechtbar“. Statewatch-Direktor Tony Bunyan befürchtet, dass die geplanten Maßnahmen bedeuten, dass „jeder in der EU überwacht werden wird, dass sie zur Kriminalitätsbekämpfung allgemein genutzt werden und möglicherweise zum Zweck der sozialen und politischen Kontrolle verwendet werden könnten“. 

Anatol Lieven, Forscher bei der New America Foundation, ist der Meinung, dass der Sieg über den Terrorismus von der Unterstützung von Moslems abhängig ist. In einem Artikel in der Financial Times schreibt er: „Neue moslemische Verbündete zu gewinnen, ist zentraler Bestandteil einer jeden wirksamen Anti-Terror-Strategie“. 

In seinem Bericht über den vorigen Vorschlag zur Vorratsdatenspeicherung, der vom Europäischen Parlament abgelehnt worden war, hat der EP-Abgeordnete Alexander Alvero ernste Zweifel an der Angemessenheit des Vorschlags geäußert. Er verwies darauf, dass die Speicherung riesiger Datenmengen bedeuten würde, dass ein jeder elektronischer Suchlauf 50 bis 100 Jahre dauern könnte. 

Die Telekommunikationsindustrie lehnt die Vorratsdatenspeicherung entschieden ab. ETNO, der Verband der Europäischen Betreiber von Telekommunikationsnetzen, bezeichnet die vorgeschlagenen Maßnahmen als einen Eingriff in die Privatsphäre, verweist auf die hohen Kosten die durch sie entstehen würden und auf den Vertrauensverlust, den sie in der Gesellschaft in Bezug auf die Informationstechnologie hervorrufen würden. 

Bei dem von der britischen Präsidentschaft einberaumten Sondertreffen des Rates am 13. Juli 2005 haben sich die Minister auf eine Reihe von Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung geeinigt. Die Maßnahmen sind zwar nicht neu, doch wurden neue Fristen festgesetzt.

Der britische Innenminister Charles Clarke erklärte, alle Minister seien entschlossen, die diesbezügliche Arbeit zu beschleunigen. EU-Justizkommissar Franco Frattini bezeichnete die Diskussionen als sehr fruchtbar. Sicherheit, so Frattini, sei eine Grundvoraussetzung für die bürgerlichen Freiheiten.

  • Die Annahme der Maßnahmen, auf die sich der Rat prinzipiell geeinigt hat, soll bis spätestens Dezember 2005 abgeschlossen sein. 
  • Ein Anti-Terror-Aktionsplan, der verschärfte Maßnahmen beinhalten soll, soll dem Europäischen Rat im Dezember 2005 vorgelegt werden.

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