Rohstoffderivate: Warum nicht von den USA lernen?

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Die Welt hat Riesenappetit auf Rohstoffe und Energie (hier: China). Foto: dpa

Gemeinsamer Standpunkt von Reinhard Bütikofer und Martin KneerEine Rarität: Ein grüner Europaabgeordneter und ein Industrie-Repräsentant verfassen – exklusiv für EURACTIV.de – einen gemeinsamen Debattenbeitrag zu Rohstoffderivaten, die diese Woche im Industrieausschuss des EU-Parlaments und Ende Oktober im Plenum behandelt werden. Reinhard Bütikofer, Europaabgeordneter der Grünen, und Martin Kneer, Hauptgeschäftsführer WirtschaftsVereinigung Metalle (WVM), plädieren für ein „Hedging in gutem Glauben“.

Die globalen Rohstoffmärkte sind volatil. Das ist schlicht ihre Natur. Die Preisschwankungen haben extrem zugenommen, und sie werden angesichts des immer stärkeren Engagements der Banken und Investmenthäuser noch weiter steigen. Dies belastet die Industrie, und darum muss die Politik sich ernsthafte Gedanken machen, wie sie rohstoffabhängigen Unternehmen zur Seite stehen kann. Unser Vorschlag heißt: "bona fide hedging" gewährleisten, aber exzessive Spekulation zurückdrängen.

Die Rohstoffpreise sind in den letzten Jahren mehrfach durch die Decke geschossen, nur um kurz danach wieder dramatisch zu fallen. Der Preis-Instabilitäts-Index der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) veranschaulicht dies.

Gegenüber den 90er Jahren hat sich die Volatilität bei entscheidenden Rohstoffen wie Zink und Eisenerz im letzten Jahrzehnt mehr als verdreifacht. Für Kupfer und Nickel gab es immerhin etwa eine Verdopplung. Natürlich ist diese Entwicklung auch der weiteren Globalisierung des Rohstoffhandels und des nachhaltigen Anstiegs von Produktions- und Bedarfsmengen geschuldet.

Gegen Achterbahnfahrten der Rohstoffpreise gewappnet

Grundsätzlich ist die Realwirtschaft gegen Achterbahnfahrten der Rohstoffpreise durch Sicherungsgeschäfte an den Commodity Börsen gewappnet. Aber die Rohstoffmärkte verändern sich grundlegend durch die strategische Neuausrichtung in der Politik wichtiger Rohstofflieferungsländer wie China ebenso wie durch die zunehmende Verflechtung mit den Finanzmärkten – dies führt weiter ausufernden Preisvolatilitäten.

Neben Rohstoffhändlern sind heute auch Hedge-Fonds, Indexfonds und Banken im Rohstoffhandel engagiert. Banken fangen an, sich eigene Rohstofflager aufzubauen, und Finanzinstitute legen neue Indexfonds an, welche mit physischen Metallen gedeckt sind. JPMorgan plant einen Indexfond zu Kupfer, der ungefähr 27 Prozent der Kupfer-Lagerstätten der Londoner Metallbörse entsprechen würde. BlackRock iShares plant einen ähnlichen Indexfond, dessen Volumen doppelt so groß wäre.

Immer stärkere Manipulationen

Die Spekulation auf Rohstoffe hat bedeutende Dimensionen angenommen und trägt dazu bei, dass die Rohstoffpreise immer stärkeren Manipulationen unterworfen werden.

Die Realwirtschaft und insbesondere die Metallindustrie sind daran interessiert, dass exzessive Spekulation an den Rohstoffmärkten eingedämmt wird. Die Reform der europäischen Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID) bietet hierfür die Möglichkeit, jedoch nur dann, wenn die Regulierung das richtige Maß findet.

Nicht mit der Schrotflinte auf alle Akteure

Die EU-Kommission sollte bei der Finanzmarktrichtlinie nicht mit der Schrotflinte auf alle Akteure gleichermaßen losgehen. Es muss sichergestellt werden, dass die Realwirtschaft nicht betroffen ist.

Die Rohstoffe verarbeitende Industrie entlang ihrer Wertschöpfungsketten benötigt auch weiterhin verlässliche Preissicherungsmechanismen zur Wappnung gegen Preisrisiken aus dem laufenden Geschäft. Für viele Unternehmen sind solche Absicherungen wichtige Antispekulationsinstrumente. Dieses sogenannte Hedging sollte daher in keiner Weise bürokratisch oder finanziell belastet werden.

Anwendung der Finanzmarktrichtlinie

Notwendig sind daher eine klare Unterscheidung sowie die vollständige Ausnahme von Industrie-Hedging aus dem direkten und indirekten Anwendungsbereich der Finanzmarktrichtlinie. Erfreulicherweise macht der gegenwärtige Vorschlag der EU-Kommission zu MiFID einen klaren Unterschied zwischen den Transaktionen von Finanz- gegenüber Industrieunternehmen.

Um die Interessen der Industrieunternehmen besser schützen zu können, sollte die EU-Kommission sich zudem an der existierenden US-amerikanischen Gesetzgebung orientieren.

Anstatt nur zwischen Finanz- und Nicht-Finanzunternehmen zu unterscheiden, sollte die EU-Kommission auch eine weitere Unterscheidung treffen, so wie dies in den USA bereits der Fall ist.

"Hedging in gutem Glauben"

Eine klare Definition von "bona fide hedging" – zu deutsch vielleicht: Hedging in gutem Glauben – sollte eingeführt werden.  Dies würde Klarheit und Transparenz im Finanzdschungel schaffen. Denn die notwendigen Absicherungsinstrumente der Realwirtschaft würden von sonstigen Derivategeschäften unterschieden.

Der Industrieausschuss des Europäischen Parlaments hat sich die Definition von "bona fide hedging" bereits zu eigen gemacht. In den Verhandlungen zwischen Europäischem Rat, Kommission und Parlament ist der Vorschlag aber noch lange nicht in trockenen Tüchern.

Die deutsche Bundesregierung sollte sich im Rat dafür einsetzen. Es wäre ein entscheidender Schritt, um die Preisschwankungen bei Rohstoffen zu dämpfen, während andererseits gewährleistet wird, dass die Wirtschaft weiterhin über die Instrumente verfügt, sich gegen Preisschwankungen flexibel absichern zu können.

Links


Weitere Berichte auf EURACTIV.de mit zahlreichen Verlinkungen:


Europäischer Industrie-Dialog Brüssel-Berlin: 
Ressourceneffizienz – nur wie? (5. Januar 2012)

Reinhard Bütikofer (Grüne): Eine europäische Innovationsstrategie für Rohstoffeffizienz (23. November 2011)

Thomas Gebhart (CDU): Ressourceneffizientes Wirtschaften (11. Oktober 2011)

Studie: "Rohstoffkrise im Mittelstand" / Deutschlands Mittelstand fürchtet Rohstoff-Spekulanten (6. Oktober 2011)

Streit um Industriefreundlichkeit / EU: Ressourceneffizienz vs. Wettbewerbsfähigkeit? (30. September 2011)

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