Für einen ressourcenschonenden Lebensstil

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Bernd Lange (SPD): "Eine Steigerung der Ressourcenproduktivität und -effizienz, Wiederverwendung und Recycling von Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen hat die globale Wettbewerbsposition der europäischen Industrie gestärkt." © Rainer Sturm / PIXELIO

Debatte: Ressourcenschonendes Europa? (2)Ressourcen zu schonen, ist eine Aufgabe für Wirtschaft, Politik und Forschung. „Doch besonders wichtig ist auch die Umstellung der Europäer auf einen ressourcenschonenden Lebensstil“, schreibt der SPD-Europapolitiker Bernd Lange in einem Standpunkt für EURACTIV.de.

Zur Person


" /Bernd Lange (SPD) ist seit 2009 Europaabgeordneter und dort Mitglied im Ausschuss für Internationalen Handel (INTA) und seit Februar 2012 handelspolitischer Sprecher der S&D-Fraktion. Lange ist zudem stellvertretendes Mitglied im EU-Parlamentsausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE).

EURACTIV.de lädt Politiker und Experten ein, sich an der Debatte "Ressourcenschonendes Europa?" zu beteiligen. Bisher erschienen:
Teil 1: Reinhard Bütikofer (Grüne) "Eine europäische Innovationsstrategie für Rohstoffeffizienz" (23. November 2011)
Teil 2: Bernd Lange (SP
D) Für einen ressourcenschonenden Lebensstil (12. März 2012)
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Die Leitinitiative der Strategie Europa2020 "Ressourcenschonendes Europa" setzt das richtige Ziel, das Wirtschaftswachstum bis 2020 vom Ressourcenverbrauch abzukoppeln. Dieser Ansatz muss weiterentwickelt werden.

Effizienzsteigerung

Es besteht dringender Handlungsbedarf. Die Arbeitsproduktivität hat sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich schneller entwickelt als die Produktivität der Ressourcen (Energie und Material). Es wird geschätzt, dass in der Industrie die Arbeitskosten etwa 20 Prozent und die Kosten für die Betriebsmittel etwa 40 Prozent ausmachen. In vielen Branchen besteht erhebliches Einsparpotenzial.

Zur Förderung der Ressourceneffizienz innerhalb der EU sollten Benchmarks und Standards festgelegt werden. Dies kann durch öffentlich-private Partnerschaften, Umweltzertifikate für Recyclingstoffe und positive steuerliche Anreize geschehen.
 
Eine Steigerung der Ressourcenproduktivität und -effizienz, Wiederverwendung und Recycling von Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen hat die globale Wettbewerbsposition der europäischen Industrie gestärkt. Bis 2020 wollen wir eine Verdopplung der Ressourcenproduktivität erreichen. Daher brauchen wir
 
•    eine europäische Richtlinie über Ressourcenproduktivität und -effizienz, um damit den Ansatz der Energieeffizienzrichtlinie aufzugreifen und zu ergänzen.
•    die Entwicklung klarer EU-Indikatoren auf Makro-, Meso- und Mikroebene (unter Berücksichtigung des OECD-Modells, des japanischen Ansatzes und von "Cradle-to-cradle"-Konzepten) zur Überprüfung der Steigerung der Ressourcenproduktivität sowie gegebenenfalls die Weiterentwicklung von entsprechenden Produkt- und Prozessnormen und Leitlinien
•    die Entwicklung neuer Ansätze als Prototypen, wie Ressourcen-Contracting
•    die Verbreitung von bewährten Verfahren und die Förderung von Ressourceneffizienz-Netzwerken und Materialeffizienzagenturen
•    die Entwicklung eines KMU-freundlichen Standards in Anlehnung an ISO 26000 und Konzepten wie Global Compact für einen Unternehmensnachhaltigkeitsbericht, der den "ökologischen Rucksack" analysiert und damit zu Ressourcen- und Kosteneinsparungen führt und so Unternehmen wettbewerbsfähiger macht, bestehende Berichtspflichten und Möglichkeiten (z. B. EMAS) zusammenfasst und vereinheitlicht und genauso verbindlich wie die jährlichen Geschäftsberichte von GmbHs oder die Berichte der börsennotierten Unternehmen verbindlich sein sollte.
•    Neben der Steigerung der Ressourcenproduktivität müssen auch den Forschungsanstrengungen zur Substitution von Ressourcen und seltenen Rohstoffen verstärkt werden

Umgang mit Ressourcen

Große noch ungenutzte Chancen sehe ich beim Recycling. Zudem sind die Erschließung von Rohstoffen in Europa und der schonende Umgang mit Rohstoffen von großer Bedeutung. Beschaffungsseite und Nutzungsseite gehören zusammen. Viel zu oft werden EU- eigene Ressourcen verschwendet.
 
In der EU gibt es Recyclingraten die von wenigen Prozent bis zu 70 Prozent reichen. In einigen Mitgliedstaaten sind Mülldeponien nahezu verschwunden, in anderen landen weiterhin mehr als 90 Prozent des Abfalls auf Müllhalden. Dies ist nicht hinnehmbar. Die Recyclingquote bei Mobiltelefonen, in denen seltene Erden und seltene Metalle verwendet werden, beträgt nur ca. 1,5 Prozent. Wir brauchen die Intensivierung der Wiedergewinnung von Rohstoffen durch die konsequente Umsetzung bestehender Recycling- und Abfallbestimmungen, weitreichendere Recyclingnormen, und eine angemessene Forschungsförderung.

Ein Problem bildet auch der illegale Export von Rohstoffen. Hier sind Hersteller und Gesetzgeber in der Pflicht. Eine Maßnahme muss sein, Kontrolleinrichtungen zu verstärken, um dem illegalen Export von Rohstoffen keine Chance zu geben.

Vereinbarungen EU-äquivalenter Standards zum Recycling in internationalen Abkommen sind deswegen unabdingbar.

Ressourcengewinnung

Des Weiteren muss der Zugang der EU zu Rohstoffen auf dem Weltmarkt verbessert werden. Dafür ist eine verstärkte Rohstoffdiplomatie mit Drittländern nötig. Wir Sozialdemokraten fordern zudem ein internationales Zertifizierungssystem zur Herkunft von Rohstoffen. Wir Sozialdemokraten betonen dabei explizit, dass faire Handelsabkommen und strategische Partnerschaften unter Einhaltung von Sozial-, Arbeits- und internationalen Umweltstandards entstehen müssen. Der Import von Rohstoffen aus Krisenregionen muss unterbunden werden, um auszuschließen, dass auf diese Weise Bürgerkriege mitfinanziert werden.

Rohstoffe sind essentiell für die europäische Industrie und die Basis für Wachstum, Innovation und qualifizierte Arbeitsplätze. Ohne Rohstoffe geht nix. Die Förderung von Forschung spielt dabei eine große Rolle, können doch sowohl in prozessorientierter als auch in der Grundlagenforschung wichtige Erkenntnisse für eine ressourceneffiziente Zukunft erzielt werden. Durch eine wissensbasierte Industrie und eine integrierte nachhaltige Industriepolitik kann Europa seine Wettbewerbsfähigkeit weltweit erhalten und ausbauen. Ich sehe daher keinen Konflikt zwischen unserem Ziel des Ressourcenschutzes und dem Erhalt der Europäischen Wettbewerbsfähigkeit.

Neben Energie und natürlichen Rohstoffen muss auch Qualifikation als eine unbegrenzte Ressource stärker innovativ und nachhaltig "genutzt" werden. Es ist wichtig, Ideen zur Ressourceneffizienz mit einzubeziehen und einen nachhaltigen Umgang zu fördern. Arbeitnehmer sind Motoren der Innovation. Wir Sozialdemokraten im EU-Parlament sind deshalb der Meinung, dass Investitionen in Menschen Vorrang haben müssen, wenn Europa die großen gesellschaftlichen Herausforderungen auf sozial nachhaltigem Wege bewältigen soll.

Kampagne "GenerationAwake"

Aber es muss nicht nur bei der Industrie angesetzt werden. Besonders wichtig ist auch die Umstellung der Europäer auf einen ressourcenschonenden Lebensstil. Die Kommission hat dafür gerade die Kampagne "GenerationAwake" ins Leben gerufen. Die Kampagne möchte vor allem junge Leute ansprechen und sie dazu anregen, ihren alltäglichen Konsum zu überdenken, um Rohstoffe effizienter zu nutzen. Die Anpassung des Lebensstils an die veränderten Umstände und das nachhaltige Verbraucherverhalten gehen aber nicht mit einem Verzicht für die EU- Bürger einher. Ganz im Gegenteil – sie beinhalten viele Vorteile: Geld kann gespart, der Lebensstil verbessert und das nachhaltige Wachstum gestärkt werden. Weniger ist modern und mehr.

Mehr zum Thema auf EURACTIV.de

Zwei zu Null im Rohstoffstreit (7. Februar 2012)

Ressourceneffizienz – nur wie? (5. Januar 2012)

Eine europäische Innovationsstrategie für Rohstoffeffizienz (23. November 2011)

EU: Ressourceneffizienz vs. Wettbewerbsfähigkeit? (30. September 2011)

Ressourceneffizienz: Wirtschaftliche Aktivitäten unter Öko-Vorbehalt? (20. September 2011)

Aktuelle Dokumente zur EU-Ressourcen-Effizienz

EU-Kommission: Statement by Commissioner Poto?nik following the Environment Council (19. Dezember 2011)

Council of European Union: Ergebnisse des EU-Umweltministerrats (3139th Council). Pressemitteilung (19. Dezember 2011)

EU-Kommission: Fahrplan fu?r ein ressourcenschonendes Europa (20. September 2011)

Weitere zur EU-Ressourcen- und Rohstoffpolitik

EU-Wettbewerbsrat: Conclusions on a competitive European economy: Industrial competitiveness in the light of resource efficiency (29. September 2011)

EU-Kommission: Questions and answers on the Resource Efficiency Roadmap (20. September 2011)

EU-Kommission: "Grundstoffmärkte und Rohstoffe: Herausforderungen und Lösungsansätze". Mitteilung. KOM (2011) 25 (2. Februar 2011)

EU-Kommission: Bericht "Critical Raw Materials for the EU" (Für die EU kritische
Rohstoffe) der Ad-hoc-Gruppe der Gruppe Rohstoffversorgung der Generaldirektion
Unternehmen und Industrie
(30. Juli 2010)

EU-Kommission:
Ressourcenschonendes Europa – eine Leitinitiative innerhalb der Strategie Europa 2020. Mitteilung. KOM (2011) 21 (26. Januar 2011)

EU-Kommission:
"Fahrplan für den Übergang zu einer wettbewerbsfähigen CO2-armen Wirtschaft bis 2050". Mitteilung. KOM (2011) 112 (8. März 2011)

EU-Kommission: Die Rohstoffinitiative — Sicherung der Versorgung Europas mit den für Wachstum und Beschäftigung notwendigen Gütern. KOM (2008) 699 (4. November 2010)

EU-Parlament: Bericht über eine erfolgreiche Rohstoffstrategie für Europa
(2011/2056(INI)). Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE). Berichterstatter: Reinhard Bütikofer. Angenommen am 13. September 2011.
(25. Juli 2011)

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