Ressourceneffizienz: Europas Industrie ist, was Brüssel fordert

Außerhalb Europas sind die Produktionsbedingungen oft weniger streng: Brasiliens Ex-Präsident Lula da Silva inspiziert eine Aluminiumfabrik. Foto: Ricardo Stuckert/PR (CC BY 3.0 BR)

Dieser Artikel ist Teil des special reports Zielkonflikte in der Industriepolitik

Weltweit werden immer mehr Rohstoffe verbraucht. Um seinen Bedarf nachhaltig zu decken, will die EU die Ressourceneffizienz erhöhen. Dabei arbeitet Europas Industrie bereits heute sehr effizient.

Bis 2050 wird sich der weltweite Ressourcenverbrauch verdreifachen: Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) werden bis Mitte des Jahrhunderts jedes Jahr 140 Milliarden Tonnen Mineralien, Erze, fossile Brennstoffe und Biomasse verbraucht. Doch nicht überall geschieht dies gleichmäßig. „Etwa 18 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen heute rund 80 Prozent der Ressourcen“, erklärt Michael Angrick vom Umweltbundesamt (UBA). „Dass das dauerhaft nicht gut gehen kann, weil natürlich alle Menschen auf der Welt ein gewisses Wohlstandsniveau erreichen wollen, muss uns klar sein.“ Der Druck zu mehr Effizienz bei bestimmten Materialien, Ressourcen und Rohstoffe, so Angrick, werde zunehmen. „Das ist der wesentliche Grund, weshalb die EU und die nationalen Regierungen dieses Thema seit Jahren angehen.“ Die Lösung des Problems ist die Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom natürlichen Ressourcenverbrauch durch eine erhöhte Ressourceneffizienz, hält das UNEP fest. Die EU-Kommission hat der Ressourceneffizienz deshalb einen hohen Stellenwert eingeräumt:“Ressourcenschonendes Europa“ ist eine der sieben Leitinitiativen der Europa-2020-Strategie. Mit der Rohstoff-Strategie will die EU-Kommission die Transparenz der Rohstoffmärkte verbessern, die internationale Kooperation in der Rohstoffpolitik stärken und das Recycling fördern. Die weltweit erhöhte Nachfrage nach natürlichen Ressourcen hat deren Preise zwischen 1998 und 2011 um mehr als 300 Prozent in die Höhe schnellen lassen, Tendenz steigend. „Die Effizienz, mit der wir unsere natürlichen Ressourcen verwenden, ist essentiell für das Wachstum der heutigen Wirtschaft“, schlussfolgert EU-Umweltkommissar Janez Poto?nik.  „Die schwierigste Frage ist jedoch, wie viel Wachstum sich durch verbesserte Ressourceneffizienz erreichen ließe.“ Genau in dieser Frage scheiden sich die Geister. Für den CDU-Umweltexperten Thomas Gebhart gehen Ressourceneffizienz und eine leistungsfähige Industrie Hand in Hand. Der effiziente Umgang mit Ressourcen werde zunehmend über die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen entscheiden, und biete in ökologischer wie in ökonomischer Hinsicht große Chancen. „Eine starke Industrienation wird eine Nation sein, die höchsteffizient mit Ressourcen umgeht“, so Gebhart. „Ein wesentlicher Zielkonflikt liegt darin, dass der Industrieanteil in Europa gesteigert werden soll, aber gleichzeitig eine Schwächung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Industrie durch harte Auflagen in Energie-, Klima- und Stoffpolitik in Kauf genommen wird“, erklärt dagegen ein Industrievertreter gegenüber EURACTIV.de. Keinen Bedarf für zusätzliche staatliche Regulierungen sieht auch Oliver Bell von Metalle pro Klima: Die Metallindustrie setze bereits jetzt auf Ressourceneffizienz, allein schon aus ökonomischen Gründen. „Wenn wir als Unternehmen bestehen wollen, müssen wir effizient arbeiten, sonst scheiden wir aus dem Markt aus.“ Permanente Verbesserungen seien die Voraussetzung, um auch in Zukunft im globalen Wettbewerb zu bestehen. Bell warnt davor, die Industrie mit Ressourceneffizienz-Vorgaben zu überfordern. „Der Ressourceneffizienz sind in den unterschiedlichen Bereichen auch physikalische Grenzen gesetzt, und wir sollten mit unseren Erwartungen an die größten Effizienzpotenziale realistisch bleiben.“ Die Einsparpotenziale seien höchst unterschiedlich, je nachdem wie effizient ein Unternehmen bereits arbeitet. Die Nicht-Eisen-Metallindustrie trage insbesondere durch das Recycling wesentlich zur Ressourceneffizienz bei, so Bell. „Das meiste in Europa genutzte Aluminium beispielsweise ist heute schon einmal recycelt.“ Metall werde nie verbraucht, sondern nur gebraucht. „Mit einem geringen Energieaufwand kann es immer und immer wieder genutzt werden.“ „Wenn man der Industrie sagt, sie muss beim Ressourceneinsatz jedes Jahr zwei oder drei Prozent besser werden, dann ist das so, als wenn man Marathonläufern sagt, sie müssen jedes Jahr 20 Minuten schneller laufen“, erklärt Bell. „Die Schlechtesten werden nach sechs Jahren nur noch vier statt sechs Stunden für die Strecke brauchen, weil sie entsprechend trainieren konnten. Aber diejenigen, die schon zu Beginn schnell waren und die Strecke in drei Stunden schafften, werden den Marathon nach sechs Jahren nicht in einer Stunde laufen, das geht einfach nicht.“ pat

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WVM: Industriepolitische Argumente (PDF) EURACTIV.de: Den kompletten SpecialReport können Sie hier herunterladen (PDF).

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